Die ersten beiden Male hat der Bürgermeister von Rülzheim, einer 7800-Einwohner-Gemeinde in Rheinland-Pfalz, die Austauschschüler der Familie Nagel ja noch persönlich begrüßt. "Aber jetzt wurde es ihm wahrscheinlich zu viel", vermutet Vater Frank Nagel. Dieses Jahr jedenfalls waren sie noch nicht ins Rathaus geladen. Ihr neuer Gast heißt María Cruz López Paviolo und kommt aus Argentiniens zweitgrößter Stadt Córdoba.

Im Februar kam sie an, sprach kaum ein Wort Deutsch und sah den ersten Schnee ihres Lebens. Inzwischen versteht die 17-Jährige alles – und kann ihre Enttäuschung über den deutschen Sommer fehlerfrei kundtun: "Er ist nicht besonders warm." Auch mit hiesigem Rindfleisch hat sie so ihre Probleme ("schmeckt wie Karton"), ansonsten aber fühle sie sich "sehr, sehr wohl". Und das sieht man auch: Sie flachst mit ihren Gasteltern, umarmt ihre beiden Gastschwestern bei jeder Gelegenheit, und die Herzen der zwei Hunde der Familie hat sie sowieso erobert. "Ich glaube, die bellen sogar schon auf Spanisch", scherzt der 45-jährige Gastvater.

Es war 2008, als Susanne Nagel vorm Fernseher saß und eine dieser "Fernwehsendungen" schaute. Es ging um eine Familie, die einen afrikanischen Schüler aufgenommen hatte. "Da dachte ich: Das mache ich auch, ich werde Gastmutter!" Die Töchter Jannika und Svenja, inzwischen 17 und 13 Jahre alt, fanden die Idee klasse. Und gegen seine drei Damen hatte Frank Nagel schließlich keine Chance – er stimmte zu. Seine Frau meldete sich daraufhin bei der Organisation Youth for Understanding (YFU), die sowohl deutsche Schüler ins Ausland vermittelt, als auch Jugendliche aus rund 50 Nationen hierzulande unterbringt. Seither hatten die Nagels einen chinesischen Jungen und ein Mädchen aus Georgien im Haus und nun eben Maria. Wenn es Probleme gibt, können sie sich an YFU wenden. Zahlreiche Hinweise hatten sie auch im Vorfeld bekommen. Etwa dass der Gast beim Essen nicht außen am Tisch sitzen soll, sondern in der Mitte, damit er sich gleich integriert fühlt.

Gastfamilien bekommen kein Geld für ihre Austauschschüler. Sie stellen ihnen Verpflegung und Unterkunft, melden sie bei der Gemeinde und in der Schule an. Um alle weiteren Formalitäten, etwa Versicherungen, kümmert sich die Organisation. Für Kosten wie Kleidung oder Freizeitaktivitäten kommen die Austauschschüler selbst auf.

Und wenn Familie Nagel ihre Maria demnächst mit in den Urlaub nimmt, geben deren echte Eltern etwas dazu. Gastmutter Susanne Nagel, die als Kassiererin im Supermarkt arbeitet, sieht das Thema Finanzen ohnehin pragmatisch: "Wenn’s für vier Leute reicht, dann werden auch fünf satt." Überhaupt versucht die Familie, ihre Besucher als vollwertige Mitglieder zu betrachten. "Mit allen Rechten und Pflichten", wie Frank Nagel betont.

Für Maria bedeutet das beispielsweise: Auch wenn sie abends lange weg war, muss sie am nächsten Morgen mit allen frühstücken. Sie verzieht das Gesicht. Acht Uhr sei "viel zu früh", daheim schlafe sie am Wochenende lange aus. Ihre Gasteltern zeigen sich von dem Protest aber unbeeindruckt. Sie führen die Diskussion ja schon seit ein paar Monaten. Und außerdem haben sie zwei eigene Töchter.

Der erste Nagelsche Gastschüler kam aus China. Wegen der großen kulturellen Unterschiede sei das für alle ein harter Anfang gewesen, erzählt Susanne. "Frank musste ihm zum Beispiel erklären, dass man hier beim Essen nicht rülpst und schmatzt."