Der Campus der Bundeswehr-Universität in München-Neubiberg wirkt sehr zivil. Uniformen sieht man hier selten. Merith Niehuss, die liberale Präsidentin der Hochschule, an der ein Teil des deutschen Offiziersnachwuchses akademisch ausgebildet wird, betont bei jeder Gelegenheit, dass ihr Institut keine Militärakademie sei, sondern eine ganz normale Universität.

Doch manchen der jungen Offiziere scheint das unmilitärische Erscheinungsbild nicht zu behagen. Ihnen ist die ganze Linie zu lasch. Zu jenen, die sich mehr Ordnung wünschen, gehört Martin Böcker. Der Oberleutnant ist neuer Chefredakteur der Studentenzeitschrift Campus , die bislang nicht durch aufmüpfige Berichterstattung aufgefallen ist. Doch die Ausgabe Nr. 1/11 hat es in sich. Im Editorial kündigt Böcker an, den Schutz der Pressefreiheit "schamlos ausnutzen" zu wollen. Was das heißt, wird klar, wenn man den Schwerpunkt des Heftes liest, der die "misslungene Integration der Frau" in die Bundeswehr zum Thema macht. "Frauen als Kämpfer einzusetzen, bedeutet einen strukturellen Kampfwertverlust", heißt es in einem Beitrag. Außerdem hätten "Tod, Verwundung und vor allem Vergewaltigung von Frauen erwiesenermaßen einen vielfach schlimmeren Effekt auf die Moral als der Verlust eines männlichen Soldaten". In einem Interview mit dem Magazin äußert sich der an der Bundeswehr-Universität lehrende Historiker Michael Wolffsohn positiv über die Soldatinnen. Ton und Stil bei der Bundeswehr seien weniger rau geworden. Frage des Campus -Redakteurs: "Warum sollte Verweichlichung von Ton und Stil für eine Armee im Krieg von Vorteil sein?"

Zum Politikum wird das Heft jedoch weniger durch die frauenfeindlichen Thesen als durch eine Anzeige des Instituts für Staatspolitik (IfS), einer der "Neuen Rechten" nahestehenden Denkfabrik. Das Institut, das die Sarrazin-Debatte mit fragwürdigen Veröffentlichungen bereicherte, gibt die rechte Publikation Sezession heraus. Für die schreibt Böcker regelmäßig und auch für die Junge Freiheit. Dort wettert der Nachwuchsoffizier mit einem Schuss Sozialdarwinismus gegen Multikulti, linke Chaoten und Frauen in der Bundeswehr. Ein Campus -Redaktionskollege zieht in Böckers Internetblog gegen Homosexuelle zu Felde. Er schwadroniert über die "Pathologie des Abnormen", ein Zeichen für den mangelnden "Überlebenswillen der Gesellschaft".

Die Uni-Präsidentin Niehuss distanzierte sich in einer internen Mail umgehend vom neuen, aggressiven Zungenschlag des Studentenmagazins. Eine politische Nähe zum Rechtsextremismus sei hier nicht auszuschließen; mit der Schaltung der Anzeige drohe eine politische Richtung auf dem Campus einzuziehen, die "weder an der Universität noch im Bereich des Bundesministeriums der Verteidigung hingenommen werden kann". Die Mail löste eine aufgeregte Diskussion aus. Wolffsohn warf Niehuss, sekundiert von der FAZ, einen Angriff auf die Pressefreiheit vor. Zusammen mit seinem Kollegen Carlo Masala unterstellte er Niehuss, unliebsame Meinungen vom Campus verbannen zu wollen. Niehuss hält diese Vorwürfe für ungerechtfertigt und verweist auf ihre Fürsorgepflicht. Unterstützung erhielt sie von Mitgliedern der Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften. Sie warnen vor dem Versuch, die Studentenzeitschrift "mit der politischen Agenda der Neuen Rechten zu durchdringen". Böcker äußerte sich in einem Interview der Sezession. Er verwahrte sich gegen Berichte, die Studentenzeitung sei von Neonazis unterwandert. "Da ist der Maßstab völlig abhanden gekommen. Ein Neonazi und selbst ein ›rechter Aktivist‹ (...) ist etwas ganz anderes als ein katholisch-konservativer Offizier – so wie ich es bin."

Zu den Ersten, die die Affäre publik gemacht hatten, gehörte der SPD-Politiker Peter Paul Gantzer, der als Honorarprofessor an der Bundeswehruni lehrt. Er forderte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) auf, den Vorgang zu untersuchen und "gegebenenfalls disziplinarrechtlich zu regeln". Das Ministerium spielt den Ball an die Uni zurück. Was die Zukunft der Campus -Redaktion angeht, sind Niehuss die Hände gebunden, denn die Zeitschrift ist ein Organ des Konvents, der studentischen Selbstverwaltung, die Böcker einstimmig zum neuen Campus -Chef gewählt hatte. Derzeit sind Semesterferien, der Konvent kommt erst im Oktober wieder zusammen. Konventssprecher Dennis Horz zeigte sich überrascht von den politischen Umtrieben des Campus-Chefredakteurs. Er sei bislang nicht durch etwaige radikale Positionen aufgefallen. Niehuss ist davon überzeugt, dass die überwiegende Mehrheit der Studierenden den Thesen der Neuen Rechten nichts abgewinnen kann und "mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes steht". Und dass der Konvent Böcker und seine Kameraden in die Schranken weist. "Wenn nicht, würde das mein Weltbild in seinen Grundfesten erschüttern."