Es gibt ein altes Schwarz-Weiß-Bild von ihm, da ist er zwanzig Jahre alt und trägt typische Modegrausamkeiten der achtziger Jahre – einen Patchwork-Blouson aus Jeansstoff, weiße Rüeblihose, die Haare vorne kürzer, hinten länger. Es gibt auch zwei, drei neuere Fotos, bei denen er am Rande einer öffentlichen Veranstaltung abgelichtet wurde: Unscharf zeigen sie einen Herrn mit hoher Stirn, offenem Kragen und bereits recht weißen Haaren. Aber er taucht bei keinem Promi-Event auf, man findet ihn auf keiner Reichsten-Liste und in keinem Business-Klub, dabei gehörte er dort überall auf die vordersten Ränge. Die Unauffälligkeit trägt er bereits im Namen: Thomas Meyer.

Er ist Gründer, Mehrheitsbesitzer und kreativer Kopf von Desigual . Die spanische Modemarke ist in der Schweiz kaum jemandem ein Begriff, doch das wird sich ändern. Bald eröffnet der Konzern den ersten eigenen Laden im Land – im Glattzentrum bei Zürich . Und oft geschieht so etwas bei Desigual mit einem Knalleffekt. Die Firma aus Barcelona macht zwar nicht viel klassische Werbung, dafür organisiert sie zum Beispiel "Kisspartys" , wo sich Menschen zum spontanen Massenküssen versammeln, oder sie lädt zum Halb-nackt-Shopping: Wer in Unterwäsche kommt, darf sich gratis neu einkleiden. Im Übrigen deuten schon die Wachstumszahlen an, dass die Marke bald auch im Heimatland ihres Gründers bekannt sein dürfte – sofern alles weitergeht wie in den letzten zehn Jahren.

Denn da war Desigual das schnellstwachsende Unternehmen in Spanien : 2002 hatte es sieben eigene Läden, 40 Angestellte und 8 Millionen Euro Umsatz. Letztes Jahr waren es 200 eigene Läden in 72 Ländern, 430 Millionen Umsatz und 2800 Angestellte. Die Mitarbeiter "glauben an Toleranz, Lebensbejahung, Innovation", sie "kommunizieren mit Küsschen, Musik, Optimismus". Das behauptet Desigual jedenfalls in den Stelleninseraten, die es derzeit in der Schweiz schaltet. Die Firma mit den bunten Kleidern will anders sein – eben desigual , ungleich –, sie will ein Blumenkinder-Lebensgefühl verkaufen, Spaß mit etwas Anspruch. Kein neuer Trick in der Branche, doch hier ist es die Folge einer Firmengeschichte, die Thomas Meyer mit ein paar selbst geschneiderten Kleidern auf der Ferieninsel Ibiza begründete.

Heute kann man sich fragen: Ist Desigual noch the next big thing aus Spanien? Oder ist es, wenngleich kleiner, schon in einem Atemzug zu nennen mit Zara und Mango? Mit diesen Massenbekleidungsriesen verbindet Desigual jedenfalls nicht nur Herkunft und Expansionstrieb, sondern auch das Mysterium ihrer Chefs. Denn Amancio Ortega, der Zara-Milliardär, und Isak Andic, der Gründer von Mango, wurden durch Unsichtbarkeit legendär: keine Interviews, keine Fotos, keine Vorträge, keine Promipartys. Und Thomas Meyer verweigert sich ebenfalls allen Interviewanfragen. Selbst wenn Desigual einen Flagship-Store in einer Shoppingmetropole dieser Welt eröffnet, wenn dem Management ein Preis verliehen wird oder eine Präsentation in Wirtschaftskreisen ansteht, schickt Meyer seinen Freund und CEO Manel Adell vor. Spaniens Medien haben oft versucht, sich dem mysteriösen Schweizer zu nähern, aber auch sie mussten sich stets mit anonymen Beurteilungen Dritter begnügen. Der Mann sei "intelligent und kühl" hieß es dann, er sei trotz seines Reichtums bescheiden, er sei eine ehrliche Haut, eher schweigsam, ziemlich kompliziert, recht stur. "In Geldsachen ist er ein Schweizer, ansonsten sehr spanisch": So schilderte ihn ein Bekannter gegenüber dem großen Blatt El Mundo. Der katalanische Grafiker Pere Torrent, der in früheren Jahren mit Meyer gearbeitet hatte, erinnerte sich: "Er war ein guter Kunde: kultiviert und intelligent. Er konnte zuhören."

Bezeugt ist ein einziger Auftritt vor Publikum, es war eine Rede an der Wirtschaftshochschule Esade in Barcelona, gehalten im vergangenen Mai. Vor den Studenten beschrieb Meyer die Wurzeln seines Erfolgs in drei Punkten: Als Erstes brauche es eine faszinierende Idee. Denn heute, so Meyer, kennen die Kunden alles und bekommen jedes – also liege die Herausforderung darin, sie trotzdem zu überraschen. Zweitens sei es "absolut notwendig", dass eine Firma die Gesellschaft zum Besseren transformieren wolle. Und drittens forderte der Spanien-Schweizer Integrität: Sie sei ein Eckstein jedes guten Projekts. "Wir müssen uns von Mal zu Mal mehr verantwortlich fühlen für die Folgen unseres Tuns."

Solche Botschaften verkünden Konzernchefs bei solchen Anlässen gern. Aber hier hörte man wohl auch den Aussteiger aus den achtziger Jahren heraus – den Selfmademan aus dem Alpenland, der in der Sommersaison auf den Märkten von Ibiza selbst gemachte Hemden verkaufte. Es war, so die offizielle Geschichte, am Ende des Sommers 1983, als Thomas Meyer auf einen Posten von 3000 Jeans stieß. Um sie noch zu verwerten, verflickte er sie zu Jacken. Diese wurden zu seinem ersten Erfolg, und mit ihnen entstand auch der Patchwork-Stil, der die Marke bis heute prägt. Weiche Stoffe und Formen, pralle Farben und fließende Linien, vielfach bestickt und immer bunt: In Meyers Mode klang die Hippiebewegung noch einmal nach. 1984 folgte der erste eigene Laden auf Ibiza, und auch die nächsten Filialen entstanden in spanischen Touristenhochburgen wie Salou und Lloret de Mar. Dass sich die jugendlichen Ferienfreuden-Klamotten in den Jahrzehnten danach im Alltag von immer breiteren Schichten, immer mehr Kulturkreisen und in immer neuen Altersgruppen etablieren konnten – das ist vielleicht das erste Rätsel der Karriere des mysteriösen Thomas Meyer.

Bewegung ins Unternehmen kam freilich erst, als Manel Adell dazustieß, ein Bang-&-Olufsen-Manager, der unter anderem in Lausanne studiert hatte. Meyer lernte Adell bei einem Segeltrip über den Atlantik kennen, 2002 machte er ihn zum Partner. Heute amtiert der Katalane als CEO und besitzt 30 Prozent des Unternehmens – während der Gründer 70 Prozent hält und als Chefdesigner immer noch bestimmt, was Desigual wirklich ausmacht.

Meyer und er arbeiteten nach dem Motto "fun & profit", hat Adell einmal der spanischen Wirtschaftszeitung Cinco Días erklärt. "Fun" verlange, dass jeder einen hohen emotionalen Bezug zur Arbeit entwickle, und "profit" bedeute bei ihnen etwas Langfristiges – stetiges Wachstum. Beides führe dazu, dass Desigual den größten Teil der Gewinne reinvestiere. Und ihr Modell habe einen weiteren Vorteil: Wenn Meyer und er eine Entscheidung gefällt haben, müssen sie diese nicht ständig anderen erklären.