Nichts fürchtet eine Versicherung mehr als eine Kostenexplosion. Und nichts fürchtet eine weltweit arbeitende Rückversicherung so sehr wie die Gefahr, dass es überall in den Krankenversicherungen und Gesundheitssystemen der Erde gleichzeitig knallt. Denn dann müsste sie zahlen. Genau das kann passieren, bald, wenn niemand etwas tut. Darum ist der »Weltrisikokonzern«, wie sich die Munich Re gerne nennen lässt, in ein Risikogebiet gezogen. Um Wissen zu sammeln. Die Experten im Kalkulieren des Unberechenbaren, von Erdbeben, Fluten, Ölkatastrophen, wollen auch Experten werden im Berechnen und Kontrollieren des menschlichen Körpers.

Vor eineinhalb Jahren rief eine junge Frau aus Abu Dhabi bei Fatima in Schardschah an. Sie stellte sich als Beraterin von Daman vor, Fatimas Krankenversicherung. Sie lud die Hausfrau ein, an einem Programm teilzunehmen, das ihren Lebensstil ändern helfe, kostenlos. Ihren Mann, den Scheich, rief zur gleichen Zeit ein junger Arzt an, mit demselben Anliegen. Fatima und Raschid willigten schriftlich ein, mitzumachen. Seither haben die Münchner einen Fuß in der Tür dieser Familie, in der arabischen Welt, in einer anderen Kultur, die so verschwenderisch ist wie verschwiegen und verschämt. Ohne viel davon zu wissen, bringt das Paar die Deutschen ein Stück voran bei ihrem Versuch, den globalen Körperwandel aufzuhalten.

Die Münchner Rückversicherung, so hieß sie früher, hat schon einmal recht behalten. Vor 38 Jahren warnte sie vor dem Klimawandel. Es war keine Ideologie, die die Deutschen trieb, sondern Statistik: Sie lasen es aus den Wetterschäden, die sie zu regulieren hatten. Aber keiner wollte hören. Das war ein Fehler, längst weiß man es und greift aus aller Welt auf die Klimadatenbank zu, die sie in München aufgebaut haben, die größte, die es gibt. Jetzt sagen dieselben Versicherungsmanager, dass die Fettleibigkeit eine ebenso große Wucht entfalten kann, den Planeten zu verändern, wie der Klimakiller CO2. Vielleicht hören die Menschen diesmal hin.

Der Konzern hat sich in Abu Dhabi in die staatliche Krankenversicherung eingekauft. Bei der National Health Insurance Company Daman hält er jetzt 20 Prozent. Es geht um Marktanteile, aber nicht nur. Aus München in die Emirate entsandte Kaufleute, Ärzte und Juristen probieren gleichzeitig aus, wie man der Verfettung der Welt Einhalt gebieten kann. Es geht um die Frage, zu welchen Bedingungen man sich Krankheit künftig leisten kann: als Patient, als Versicherung, als Staat.

Da wächst ein Riesenmarkt, auf dem eine Krankenversicherung deutscher Machart nicht weit kommt. Sie springt erst ein, wenn ein Mensch schon krank ist. Doch nur wer herausfindet, wie das Zunehmen zu vermeiden ist, bevor Kosten entstehen, wird noch Gewinn machen können. Die Menschen werden mehr, sie werden älter, und die Frage ist nun, wie sie das tun: lange gesund oder lange krank? Die Munich Re geht für eine Antwort weit. Um Gesundheitssysteme nach ihren Vorstellungen aufzubauen, arbeitet sie auch mit Regierungen wie der von Saudi-Arabien zusammen, obwohl diese Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt. Es geht dem Konzern um Mathematik, nicht um Moral. Im arabischen Raum und in Nordafrika werden sich die Behandlungskosten für Zuckerkranke bis 2030 mehr als verdoppeln. Da schert man sich nicht um die Scharia.

Vor eineinhalb Jahren in Davos, auf dem Weltwirtschaftsforum, verblüfften Wissenschaftler die Eliten mit der Behauptung, dass in nächster Zukunft nicht die Endlichkeit fossiler Brennstoffe, nicht Finanzkrisen, Klimaschäden oder Kriege den größten Einfluss auf die Volkswirtschaften hätten, sondern: das sogenannte viszerale Fett – der Bauchspeck. Denn er macht krank, und das kostet astronomische Summen, die Kassen, die Arbeitgeber, die Gesellschaften. 73,4 Milliarden Euro gab Europa im vergangenen Jahr für die Behandlung seiner Diabetiker aus. In den USA hat man ausgerechnet, dass im Jahr 2007 zusätzlich zu den Kosten für die Behandlung der Zuckerkranken von 88 Milliarden Euro noch ein ähnlich großer wirtschaftlicher Verlust hinzukam – durch eingeschränkte Leistungsfähigkeit, Krankentage, Todesfälle. Längst spricht man in der Weltgesundheitsorganisation von Fettleibigkeit als Epidemie.

Einmal im Monat telefonieren Fatima und ihr Mann jetzt mit ihren Beratern im 170 Kilometer entfernten Abu Dhabi, sie mit der Frau, er mit dem Mann. Anders ist es nicht vorstellbar in diesem Land, in dem Unfallopfer in Lebensgefahr darauf bestehen, nur von einem Arzt ihres Geschlechts behandelt zu werden. 

Fatima und Raschid sagen ihren Beratern, wie viel sie wiegen, wie es um ihren Blutzucker steht, ob sie ihre Arznei vertragen, dass sie versuchen, den frittierten Reis wegzulassen oder das ölige Hummus, und zum Abendbrot viel frisches Gemüse essen und nur noch einen warmen Gang – statt drei Gängen wie ihr ganzes Eheleben lang: gegrillten Fisch, gebratenes Huhn, geschmortes Fleisch.

Als Raschid ein Junge war, waren frisches Obst und Gemüse etwas Kostbares. Als er es dann haben konnte, täglich eingeflogen aus der ganzen Welt, hatte er verlernt, dass es ihm schmeckt.

In einem Zimmer des Hauses steht jetzt ein Laufband. Wenn es heiß wird ab April, 50 Grad im Schatten, und das bis November, spazieren Fatima und Raschid eine halbe Stunde am Tag auf dem Band, im Schutze des Hauses und der Klimaanlage. Alle in der Familie täten das, sagen sie. Täglich, sagen sie. Und man weiß nicht, ob ihre Augen dabei nicht ein wenig zu treuherzig schauen. Die Coaches am Telefon, anonym und vertraut zugleich, sehen diese Augen nicht, sie ermutigen ihre Klienten nur, durchzuhalten. Vorwürfe verbieten sich für Diätberater, auch wenn sie im Computer anhand der neuen Laborwerte sehen, dass Fatima kaum abnimmt. Davon, sich den Magen abbinden zu lassen, raten sie ihr dringend ab, viel zu riskant, außerdem sei sie dafür nicht dick genug. Konsequenz und Kompliment in einem Satz.