Die von Regierung und Parlament getroffene Entscheidung, binnen einer Dekade ganz auf die Kernkraft zu verzichten , ist eine Revolution. Doch um mehr Klimaschutz ganz ohne Atomkraft zu ermöglichen, reicht sie nicht aus. Eine zweite Revolution ist nötig. Eine, die weniger spektakulär daherkommt, aber viel umwälzender ist als die Verbannung der Nuklearmeiler aus dem Energiemix.

Bei dieser zweiten Revolution geht es darum, den Staat zu stärken, ohne die Stromindustrie zu verstaatlichen. Es geht darum, die Schwächen des Marktes auszugleichen, ohne in die Planwirtschaft zu verfallen. Wenn die Energiewende wirklich gelingen soll, dann muss der Staat mehr als bisher in den Stromsektor hineinregieren.

Kann und darf er das? Es wird ihm nichts anderes übrig bleiben. Denn da er den ersten Schritt getan und das Zeitalter der erneuerbaren Energie ausgerufen hat, muss er jetzt auch den zweiten Schritt wagen. Sich allein auf den Markt zu verlassen führt mit Sicherheit nicht zum Ziel. Denn dessen Koordination bei der Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit sauberem Strom ist unzureichend. Die Folge können Blackouts sein oder eine horrende Rechnung.

Das Unheil droht, weil die neue Welt der Stromwirtschaft mit der alten kaum noch etwas gemein hat. Die alte bestand aus einer überschaubaren Anzahl verbrauchernah errichteter Großkraftwerke, die nur als Vorsorge für Notfälle miteinander verbunden waren. Die neue besteht aus viel mehr Stromfabriken, die allerdings nicht rund um die Uhr liefern und auch nicht immer nahe am Verbraucher errichtet werden können. Das verlangt nicht nur ein vollkommen neues Stromnetz, sondern auch neue Stromspeicher.

Sollen die Kosten für all das nicht ausufern, darf auch der Stromverbrauch nicht tabu sein. Weniger Nachfrage würde obendrein die Umwelt entlasten und Zeit beim Umbau des Energiesystems schaffen. Nur muss eben jemand für die Anreize sorgen, die den Verbrauch sinken lassen. Und für jene, die Investitionen in die entsprechende Stromerzeugung, -übertragung und -speicherung attraktiv machen.

Mit der Energiewende wird das Stromsystem komplexer als bisher. Das verlangt nach mehr Verantwortung für das Ganze. Wer aber, wenn nicht der Staat, sollte diese Verantwortung für eine der wichtigsten Infrastrukturen wahrnehmen? Das Land braucht tatsächlich eine Energiepolitik aus einem Guss. Die Forderung befand sich sogar im Wahlprogramm der Union – geworden ist daraus: nichts.

Marktdesign ist ein anderer Begriff für das, was auf die politische Tagesordnung gehört. Es ist die Kunst, die Verhaltensanreize für individuelle Marktteilnehmer so zu setzen, dass sie mit übergeordneten Zielen im Einklang stehen: Strom soll sicher, sauber und bezahlbar sein. Zurzeit drohen aber Fehlentwicklungen. Nur ein Beispiel: Es zeichnet sich ab, dass zu wenige Gaskraftwerke errichtet werden, die – trotz aller Debatten um den Klimaschutz – vorübergehend noch unverzichtbar sind. Stattdessen könnte es so kommen, dass zu viele teure Solarkraftwerke entstehen, die im Winter zur Lastdeckung fast nichts beisteuern.

Zudem sei festgehalten: Marktwirtschaft pur hat es im Stromsektor noch nie gegeben, auch nicht nach der sogenannten Liberalisierung. Vier Platzhirsche beherrschten auch danach den Markt – und alternative Energien konnten sich ihren Platz nur erobern, weil sie auf staatliches Geheiß bis heute von den Verbrauchern finanziert werden. Rund ein Drittel der Stromproduktion ist allein deshalb dem Wirken der Marktkräfte entzogen, mit steigender Tendenz.