Na, so was. Ein Hammerpreis von 1,15 Millionen Dollar in der großen Sommerpause. Nichts, fast nichts bewegt sich doch normalerweise im Juli und August in den Auktionshäusern. Lediglich die kleineren Häuser, die ohnehin im knappen, oft monatlichen Turnus ihre Veranstaltungen abhalten, unterbrechen den Verkauf nur für eine kurze Weile, bei den anderen dauert die auktionsfreie Zeit in etwa so lang wie die Sommerschulferien.

Doch seit zwei Jahren gibt es die Rund-um-die-Uhr-Versteigerungsplattform Artnet Auctions; bislang wurden dort überwiegend von Galeristen und Händlern eingelieferte Kunstwerke im Endlosmodus versteigert. Frei nach eBay-Art wird für jedes Werk ein Zeitlimit festgelegt, nach Art des verantwortungsbewussten Auktionators werden die Angaben der Einlieferer zu diesen Werken geprüft, bevor sie ins Netz kommen. Vor den Artnet-Auktionen gab es schon Versuche anderer, die alle nicht so richtig funktioniert haben: Sotheby’s hat eine ähnliche Plattform vor bald zehn Jahren initiiert, die hat sich freilich als sehr teurer Flop erwiesen; die Zeit war damals einfach noch nicht reif für solch virtuelle Kauf- und Verkaufsabenteuer. Auch Hans Neuendorf, Vorstand der Artnet AG, hat sich bis zum ersten Verkauf oberhalb der Millionengrenze gedulden müssen: Bevor das Warhol-Acrylbild Flowers , die Variante mit den blauen Blüten, nun von 850.000 Dollar in elf Gebotsschritten auf 1,15 Millionen Dollar gesteigert wurde, lagen die Durchschnittswerte der Offerte eher im vier- bis fünfstelligen Bereich. Mal sehen, ob das knapp 60 mal 60 Zentimeter große, signierte Acrylgemälde von 1978, das nun, begleitet von einer Expertise des Warhol Art Authentication Board, aus einer deutschen Privatsammlung in eine amerikanische gewechselt ist, das Eis gebrochen hat.

Im oberen Preissegment hatte man dem Internet nicht allzu viel Entwicklungschancen eingeräumt. Den jüngsten Beweis lieferte die irgendwie schwer verständliche und dann auch noch überaus schwerfällig, wenn überhaupt zu navigierende Seite der virtuellen VIP Art Fair, die sich trotz Teilnahme respektabler internationaler Galeristen nicht rentierte. Ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Warhol-Erfolg war sicherlich der konkurrenzlose Auftritt, weit und breit kein Kunstwerk in diesem Bewertungsrahmen, da hatte der willige Kunstfreund oder Investor, wollte er nicht bis zum Herbst warten und wollte er unbedingt über eine Auktion kaufen, freilich keine andere Wahl, als sich der Internetplattform zuzuwenden.

Der Internetrekord erinnert ein kleines bisschen an die parlamentarischen Hinterbänkler, die die Sommerpause nutzen, um sich endlich Gehör zu verschaffen. Es könnte aber auch durchaus sein, dass gewissenhafte Beschreibung, lückenlose Provenienznachweise, seriöse Expertisen, sorgfältige Angaben zum Erhaltungszustand und einwandfreie Abwicklung das Vertrauen in Online-Auktionen wachsen lassen. Bis es aber im Internet so weit ist, dass Jubiläumsauktionen – eine in diesen Zeiten besonders beliebte, durch oftmals komplizierte Zählmanöver gestützte Werbemaßnahme – anstehen, dürfte es noch dauern, da haben die Auktionshäuser die Nase weit vorn.

Die traditionellen Auktionatoren und ihre Experten sind derweil nicht faul, sondern akquirieren während der Sommerpause fleißig, stützen sich auf langjährig gepflegte, oft sehr persönliche Kontakte, verweisen auf Rang und Renommee des Hauses – Bernd Schultz etwa schreibt den in den vergangenen 25 Jahren stetig wachsenden Erfolg von Villa Grisebach nicht zuletzt dem preußisch nüchternen Motto des Hauses zu: »Wir machen nichts, wovon wir nichts verstehen«. Dazu gehört neuerdings auch eine frisch installierte Abteilung für Kunst des 19. Jahrhunderts, die in der Herbstauktion etwa eine Plastik von Reinhold Begas im Angebot haben wird (für 70.000 bis 90.000 Euro). Liebstes Argument der Auktionatoren auf Jagd nach frischer Ware ist freilich der Hinweis auf bereits eingelieferte Spitzenstücke, deren Ruhm, Selten- oder Besonderheit auch auf das Umfeld der Offerte abstrahlen wird. So mancher hat da bereits Respektables vorzuweisen, andere machen erst mal nur neugierig und sprechen von Kunststücken, die noch »in der Pipeline«, nun ja, stecken.

In München wird Karl & Faber im Herbst mit vier makellos erhaltenen Scherenschnitten (Taxen je 30.000 Euro) von Philip Otto Runge animieren, enorm rare, moderat angesetzte Arbeiten, wie sie der Markt im Grunde nicht mehr bieten kann; Felix Hartung vom altehrwürdigen Buchauktionshaus Hartung & Hartung prüft derzeit eine noch sehr geheim gehaltene Schlossbibliothek, hat aber schon eine Sammlung Flugschriften aus dem Dreißigjährigen Krieg im Haus: bedeutendes historisches Quellenmaterial und bibliophile Kostbarkeit – die Überlebenschancen derart ephemerer Publikationen sind naturgemäß äußerst gering. Ketterer wird mit einem frühen Gemälde von Conrad Felixmüller, einem Liebespaar in herbstlicher Stadtlandschaft, den ein oder anderen Konkurrenten aus dem Feld schlagen, und Katrin Stoll (Neumeister), die für ihr Mehrspartenhaus eigentlich ständig auf der Jagd sein muss, hat für die 50. Moderne-Auktion und einen Skulpturensonderkatalog schon eindrucksvolle Lose zusammengetragen. Bis dann alles gesammelt, geprüft, begutachtet, katalogisiert und in ansprechender Form präsentiert wird, fallen die Blätter. Wer sich nicht bis dahin gedulden kann und investieren will, muss sich in virtuellen Welten umschauen.