Für Teenager sind Sommer länger, und jene auf Long Island, der New York wie ein gestrandeter Wal angefügten Halbinsel, noch länger. Es ist 1985, der Sommer von Purple Rain und Mad Max 2 . Der Sommer, in dem Coca Cola den Jahrhundertschnitzer begeht, ihre klassische Cola einzustellen, und in dem Benji, der fünfzehnjährige Erzähler von Colson Whiteheads neuem Roman Der letzte Sommer auf Longs Island , seine Zahnspange los wird.

Ben, wie Benji von nun an genannt werden will, ist zugleich eine typische als auch neue Figur in der amerikanischen Literatur. Natürlich ist er kein Held, nicht einmal ein Antiheld, eher schon ein Anti-Holden-Caulfield, der unsterbliche Protagonist von Der Fänger im Roggen des kürzlich verstorbenen J. D. Salinger . An dem muss sich jeder amerikanische Schriftsteller, der sich an seinen Pubertätsroman macht, messen. Der 42-jährige Whitehead tut dies trotzig, indem er in einem YouTube-Promo-Video bekennt, er möge den Roman nicht, und wäre Holden auf Prozac gewesen, wäre das Buch kürzer und besser geworden.

Der amerikanische Sommer findet traditionsgemäß zwischen Memorial Day Ende Mai und Labor Day Anfang September statt. Dazwischen liegt das Land nicht gerade lahm, doch Höhepunkte gibt es keine. »Neue Produkte«, wie Andrew Card, Bushs Stabschef, einst zynisch über den Irakkrieg gesagt hat, würden nicht im August eingeführt. Benji richtet sich auf die schwüle Ereignislosigkeit des Sommers ein, und es ist den LeserInnen empfohlen, sich auf jene dieses Romans einrichten: Sie ist Programm.

Dies ist positiv gemeint. Auch wenn der Roman manchmal auf der Stelle tritt und sich langatmige Beschreibungen gestattet, die Holden nie über die Lippen gekommen wären, Der letzte Sommer auf Long Island ist stilistisch brillant, geistreich und witzig. Mehr noch, es ist ein wichtiges Buch, weil es ein bislang in der amerikanischen Literatur vernachlässigtes Thema angeht: das afroamerikanische Kleinbürgertum. Ein schwarzer Junge, der wie Benji 1985 eine von Manhattans privaten Eliteschulen besucht, wird automatisch für einen afrikanischen Prinzen oder wenigstens einen Diplomatensprössling gehalten. »Schwarze Jungs mit Strandhäusern«: unerhört! »Und was für spießige, angepasste Neger waren wir, mit BMW in der Einfahrt (Black Man’s Wagon, falls Sie’s noch nicht gewusst haben) und Privatschulen, in denen man uns beibrachte, mit Messer und Gabel zu essen und auf gute Aussprache zu achten?« Indem Whitehead den Sommer 1985 unter die Lupe nimmt, legt er zugleich (und ohne es aussprechen zu müssen) die Geburtsstunde des post-black -Zeitalters fest, das, unter anderem, Präsident Obama möglich gemacht hat.

Nicht dass damit jeglicher Rassismus vom Tisch wäre. Obama kann davon ein Lied singen: Dem Widerstand, der dem ersten afroamerikanischen Präsidenten von der Tea Party und Gleichgesinnten entgegenweht, ist weder durch Fakten noch Vernunft zu begegnen. Diesen fast ausschließlich weißen Leuten könnte er es nur recht machen kann, wenn er sich über Nacht in einen Weißen verwandelte. Benji, der durchaus ein junger Barack sein könnte, ist das klar: Schwarz und weiß haben sich lediglich in ihrer Koexistenz verbessert. Keine lynchings mehr, und damit die Chance auf ein recht unbeschwertes normales Pubertieren. Dennoch »ging man nicht mit einer Wassermelone unter dem Arm die Main Street entlang«. Und die Main Street ist auch nicht die Main Street, USA, sondern jene des verschlafenen Long-Island-Kaffs Sag Harbor, das immerhin in Moby Dick erwähnt ist.

Das schwarze Viertel von Sag Harbor, Azurest, der Schauplatz des Romans, fängt dort an, wo die Karte von Sag Harbor aufhört. Doch Rassenkram – W.E.B DuBois! Malcolm X! – ist Sache der Elterngeneration. Im beschützten Sag Harbor muss man sich keine Sorgen machen, dass die Ku-Klux-Klanler in ihrer Spinnerkluft aufmarschieren. Benji ist allerdings klar, dass es rein prozentual auch hier Rassisten geben muss, schließlich wollen auch diese sich erholen. Doch er tut mit seiner Gang (und seiner Zahnspange), was Fünfzehnjährige eben tun: Er erforscht den Strand auf nackte Frauen, jobt in einer Eisdiele, wo er hofft, sein Ellbogen streife die Brust seiner Mitarbeiterin, schießt mit Luftgewehren im Wald, glotzt TV, hört Gangsta-Rap, aber heimlich auch den lokalen Softie-Sender, verbessert sein Fluchen und langweilt sich insgesamt prächtig.