Die libysche Revolution erfasst auch Gadhafis Gesandte. Großbritannien und Frankreich verweisen Diplomaten, die noch immer dem Diktator von Tripolis anhängen, des Landes. In Brüssel und Den Haag haben die Oppositionellen schleichend und friedlich die nationalen Vertretungen übernommen, in Sofia warfen Rebellen den Botschafter kurzerhand aus dem Haus. Und in Deutschland? Aus dem »Libyschen Volksbüro« in Berlin-Dahlem ist nichts Genaues bekannt. Höchste Zeit, zu fragen: Wer arbeitet eigentlich hier?

»Salem aleikum«, sagt der Mann am Telefon.

Guten Tag. Wer bitte führt bei Ihnen die diplomatischen Geschäfte, die Opposition oder Gadhafi-Vertreter?

»Tut mir leid, das ist nicht mein Zuständigkeitsbereich. Sprechen Sie bitte mit Frau XY.«

Frau XY: »Dazu kann ich Ihnen keine Auskünfte geben.«

Warum nicht? Es ist doch wichtig, zu wissen, wer Libyen in Deutschland vertritt.

»Die Botschaft hat sich zur Opposition bekannt. Das sieht man an der Flagge.«

Und wer ist der Botschafter?

»Der Botschafter ist immer noch Herr al-Baraq« (der von Gadhafi bestellte Botschafter).

Gibt es also einen Machtkampf bei Ihnen?

»Ich möchte dazu nichts sagen.

Was wir auch ohne Auskunft annehmen dürfen, ist, dass Botschafter Dschamal al-Baraq – in gewisser Weise – die Seiten gewechselt hat . Als vor wenigen Wochen der Vorsitzende des libyschen Rebellenrates nach Berlin kam, geleitete ihn al-Baraq durch die Hauptstadt. Mittlerweile ist aber auch bekannt, dass ein Vertrauter al-Baraqs von der Bundesregierung zur unerwünschten Person erklärt worden ist, wegen Bedenken der Sicherheitsbehörden. Der Vorgang zeigt, wie schwierig es ist, aus der teilweise blitzartig gewendeten Gadhafi-Diplomatenschar Ansprechpartner herauszufiltern, die politisch akzeptabel sind. Ein lupenreiner Rebell dürfte auch Noch-Botschafter al-Baraq nicht sein. Aus einer anderen libyschen Botschaft in Europa ist zu erfahren, dass al-Baraq sich zwar zur Opposition bekenne – deren volles Vertrauen genieße er aber nicht.

Na und?, könnte man sagen, die Bundesregierung hat doch den Nationalen Übergangsrat in Bengasi als »legitimen Vertreter des libyschen Volkes« anerkannt. Richtig. Aber diplomatisch hilft das wenig. Das Völkerrecht kennt keine Anerkennung von Regierungen, es kennt nur die Anerkennung von Staaten. Und das Staatsoberhaupt von Libyen ist immer noch Muammar al-Gadhafi, obwohl er, wie die Bundesregierung urteilt, seine Legitimität »gänzlich verloren« habe. – Wie aber kann dann sein Botschafter in Berlin noch Legitimität genießen? Da seufzen die Juristen im Auswärtigen Amt. Es sei, heißt es pragmatisch, momentan einfach wichtig, einen Kanal ins Land offen zu halten.

Was die Bundesregierung am liebsten sähe, wäre, dass der Rebellenrat einen Vertreter nach Deutschland schickte. Er hätte einen Status wie einstmals der ständige Vertreter der DDR in Bonn; die hatte die Bundesrepublik völkerrechtlich auch nie anerkannt. Dazu sind die Rebellen bisher allerdings nicht gekommen. Nach London und Paris, ja, dahin schickten sie umgehend »Besondere Gesandte«. Berlin dagegen scheint so dringlich nicht zu sein.