Wenn man außerdem auf nahezu allen Berufsfeldern mehr oder weniger erheblichen staatlichen Handicaps ausgesetzt ist, vor allem aber auf denen der Wirtschaft – auch der Landwirtschaft –, der Wissenschaften, der Bildung, des Handwerks, der Künste, der Rechtsprechung und der Politik, wenn man es also weder beruflich noch im Privaten mit Standards zu tun hat, die eigentlich normal wären an dem Ort und in der Zeit, die unter unummauerten Umständen die Koordinaten des eigenen Lebens bilden würden, dann liegt es nahe, das ummauerte Leben nur bedingt als das eigene anzusehen.

Dann ist man abgesperrt nicht nur von der Westverwandtschaft, von Paris, Venedig und den Alpen, sondern gewissermaßen von sich selbst. Dann betrifft die staatliche Beschränkung durchaus nicht nur die Versorgung mit Baustoffen und Südfrüchten, sondern sie ist im humanistischen Sinne existenziell. So litt denn auch die Lebenslust erheblich, die Selbstmordrate war hoch. Und in den 28 ummauerten Jahren hätte sich das internierte Volk noch weit stärker dezimiert, als es tatsächlich geschah, wenn man staatlicherseits nicht diese Wohnungs-Nötigung zur Fortpflanzung verfügt hätte.

In dem Buch über seine Zeit in einem französischen Internierungslager nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs hat Lion Feuchtwanger exemplarisch beschrieben, wie das Böse aus bloßer Vernachlässigung erwachsen kann. Insofern haben wir tatsächlich in einem "Reich des Bösen" gelebt, weil die Vernachlässigung der Menschen- und Dingwelt ebenso wie der Natur systemisch geworden war.

Die Atmosphäre allgemeiner Vernachlässigung, wie sie viele Westbesucher beschreiben, war spürbar an der Unfreundlichkeit der Staatsorgane und Kellner, der sichtbaren Heruntergekommenheit der Dörfer, der Betriebe, der städtischen Straßen und öffentlichen Plätze. Wir Insassen der DDR hatten uns irgendwann daran gewöhnt, hatten diese Atmosphäre in uns eingelassen und sie in eine allgemeine Resignation verwandelt, in den Satz: "Privat geht vor Katastrophe", in eine enttäuschte bis verbitterte Lebenshaltung, in einen milde lächelnden Selbsthass.

1989 fiel die Berliner Mauer. Hintergründe, Videos, Kommentare und eine interaktive Zeitleiste © Gerard Malie/afp/Getty Images

Vernachlässigung der Behausungen, die mangels Material und Geld verfielen oder notdürftig ausgebessert wurden, der Wirtschaftsbetriebe, die einer verfehlten ökonomischen Doktrin zu folgen hatten, der Bildung, der Wissenschaften und Künste, die nur bestehen durften, sofern sie sich dem ideologischen Gebot der Staatspartei unterwarfen. Vernachlässigung der Natur: Umweltschutz spielte kaum eine Rolle und wurde nicht öffentlich diskutiert. Vernachlässigung des menschlichen Wollens zum Besseren hin, das so lange gegen die dumme Abweisung der Zuständigen anlief, bis es erlahmte oder sich ins destruktive Gegenteil kehrte. Eine weitverbreitete Art dieser Selbststilllegung, die immer zur Selbstzerstörung tendierte, war exzessiver Alkoholkonsum. Staatlicherseits unternahm man wenig dagegen, der Stoff blieb über all diese Jahre hin ebenso billig wie das Mischbrot und der Zucker. Seltsamer- oder vielmehr logischerweise zählte er auch niemals zu den Mangelwaren.

Die Mauer bedrohte Leib und Leben; den Leib immerhin konnte man retten. Niemand wusste an jenem 13. August 1961, dass die Absperrung Jahre und Jahrzehnte Bestand haben würde und man sich lebenslang damit einzurichten habe. Diese Gewissheit sickerte erst ganz allmählich durch, und sie betraf uns alle gleichermaßen. Ganz allmählich sickerte von der Mauer her die Demütigung ins Land und veränderte uns unmerklich.

Nach dem 13. August 1961 waren Lebensentwürfe außer Kraft gesetzt, Identitäten infrage gestellt, Beziehungen war die Basis entzogen, man hatte sich neu zu definieren als ein Hintermäuerling. In der ersten Zeit, in den sechziger Jahren, ist daraus eine Lagermentalität entstanden, ein WIR gewachsen, ein Dazugehören zur Schicksalsgemeinschaft, die zusammenhielt und einander bestätigte – umso mehr, als ursprüngliche Lebensverbindungen, -wünsche, -vorstellungen unterbrochen waren.

Wir haben Strategien des Überlebens entwickelt und haben in uns selbst Staudämme gebaut. Auch gegen das Wort "Mauer". Niemand von uns weiß zu sagen, wie das eigene Leben, weil es sich dort einzufinden hatte, zu dem geworden ist, was es nun ist. Niemand kann diese besonderen Umstände nachträglich vom eigenen Leben trennen und wüsste zu sagen, was aus dem eigenen Leben unter anderen Umständen hätte werden können. Man sieht es auch nachträglich als das eigene an und verteidigt es, weil man nur das eine hat. Wir haben getan, was wir konnten, heißt es nun. Aber ebendas haben wir nicht. Wir hätten ganz anders gekonnt. In der angeblich so progressiven Gesellschaft haben wir eine Regression mit uns selbst veranstaltet, weil es auf die Dauer nicht auszuhalten war, in dieser Sonderzone wie ein erwachsener, aufgeklärter Europäer herumzulaufen.

Sinnbild dieses sich in ein Lager verwandelnden Landes ist die Baracke, der Mindeststandard. Es fehlte an manchem in der Mangelwirtschaft. Woran es uns vor allem anderen mangelte, war Freiheit, ganz im Sinne der klassischen deutschen Philosophie als Chance, das Nötige und Mögliche zu tun. In diesem Land ging es nie um das menschenmögliche Tun, sondern um eine Art Grundversorgung auf allen Ebenen. Hatte man sich daran erst gewöhnt, war die Mauer nicht mehr lebensbedrohlich, sie störte allenfalls. Als Reisebeschränkung zum Beispiel.

Wie auch immer es gelang, in der DDR verhältnismäßig gut zu leben: Hinter dieser Mauer, hinter diesem Todesstreifen von der Ostsee bis zum Frankenwald, sollte nichts Unvorhergesehenes geschehen, geschweige denn sich etwas entwickeln, da sollte also nicht gelebt, sondern existiert werden. Wesentlich ist nicht, dass man es dort aushalten konnte, nachdem man sich in Jahren daran gewöhnt hatte. Wesentlich ist, dass es ein Lager war, das mit den Jahren aussah wie eine Heimat, weil da Bäume wuchsen und Kinder geboren wurden. Und weil die Sonne schien.