Die Mauer umschloss eine große Lüge, Verhältnisse, von denen behauptet wurde, sie seien progressiv, um ihre Regressivität zu verschleiern. "Fortschritt!" stand auf den allgegenwärtigen Plakaten, niemand nahm sie wahr, niemand machte sich die Mühe, sie zu entfernen, bevor sie ganz verwittert und so bei ihrer eigentlichen Wahrheit angekommen waren. Unsere Verhältnisse waren historisch unwahr. Wir sollten hinter die Aufklärung zurückfallen und wieder glauben lernen an die kommunistische Heilslehre, statt uns unseres Verstandes zu bedienen. Die Mauer schied uns von der geistesgeschichtlichen Entwicklung ab, in der wir eigentlich standen, das öffentliche Gespräch unterlag deshalb strenger Zensur. Die Mauer war auch ein Sperrwerk gegen den Wind der Geschichte, gegen die Zeit, in der wir lebten, sie sperrte uns ab von unserer Zeitgenossenschaft und sollte uns aus der Geschichte fallen lassen. Was nicht vollständig gelang, aber doch deutliche Spuren hinterließ.

"Hier trügt alles, nur nicht der Schein", soll der Komponist Hanns Eisler nach seiner Rückkehr aus dem Exil in die DDR gesagt haben. Das hieß Republik, war aber keine, das hieß Demokratie, das hieß Parlament. Parteien sollten das sein und Wahlen. Das hieß Schule und Uni, das hieß Akademie und Theater, das hieß Arbeit und Wohnung und Restaurant und war doch nur ein So-Tun-als-ob. Unsere Läden und Gaststätten hießen offiziell "Versorgungseinrichtung", Restaurants existierten nur, um einen zivilen Schein zu wahren, erwiesen sich aber bei näherem Hinsehen als etwas Feldküchenartiges.

Nach monatelangen Massenprotesten fiel 1989 die Mauer. Die Stationen des Umbruchs in einer Multimedia-Zeitleiste. © Getty Images

Das Provisorium dieser Friedensjahre im Kalten Krieg war allenthalben mit Händen zu greifen. Sich selbst versorgende Einwohner eines besetzten Landes wurden hinter dieser Mauer unter Observation am Leben gehalten. Experiment Sozialismus? Dieses Experiment bemäntelte nur unser stagnierendes Am-Leben-gehalten-Werden. Es ist in der DDR auch nicht "gescheitert", wie es später oft hieß. Es durfte dort nie leben. Sobald politisch etwas zu leben begann und eine Eigendynamik entwickelte, kamen die Russen und haben es ausgetreten.

Manch einer glaubt noch heute, die Mauer verstanden zu haben, wenn er weiß, wie lange sie stand, wie hoch sie war, wie die Grenzanlagen gestaffelt waren, wie viele Menschen sie auf welche Weise überwanden, an ihr gestellt wurden oder starben. All das ist inzwischen hundertfach beschrieben und dokumentiert. Doch was wir da sehen, sind die scharfzackigen Ränder eines Phänomens, das weithin unsichtbar blieb, von außen wie von innen.

Die Mauer schweigt. Dagegen hilft es wenig, ihre Betonreste zu sammeln oder zu kartografieren. Ihr Schweigen brechen kann nur, wer die zum Reden bringt, die hinter ihr verstummt sind. Wie aber soll man innere Vorgänge darstellen, die sich über Jahrzehnte vollzogen und jenen, die sich "dreinschickten", die betroffen waren von dieser inneren Wandlung, am wenigsten bemerklich sein konnten?

Und wie soll man diese Vorgänge heute jenen vermitteln, die von fern her nach Berlin kommen und "the wall" sehen wollen? Zu sehen ist, dass die Mauer eine Reisebeschränkung war. Ein Internierungslager ist auch eine Reisebeschränkung, aber was es heißt, darin zu leben, ist mit diesem Wort nicht nur nicht hinreichend definiert, sondern geradezu verhöhnt.

Vom touristischen Hochstand aus sah man der Mauer nur an, dass ihre Überwindung tödlich sein konnte. Dass es das Leben kosten konnte, hinter ihr auszuharren, war nicht zu sehen. In ihren verwegenen Verzweiflungstaten variierten die Menschen, die an der Mauer starben, den einen Satz: Ich wage mein Leben daran, um mein Leben zu gewinnen. Nun werden sie aufgerechnet, als wäre ihre Zahl ein Beweis für den Schrecken des Bauwerks. Sie sind wie das Bauwerk selbst nur ein Zeichen des Schrecklichen, das es umschloss. Zeichen für eine schreckliche Internität, wo man genug zu essen hatte, sichere Arbeit, wo man irgendwie behaust war und medizinisch versorgt, die oben offen war, also mit reichlich frischer Luft versorgt – und wo man gleichwohl dem Ersticken nahe sein konnte, bis es einen panisch forttrieb wie aus einem bösen Traum.