Der Mord an General Abdel Fatah Junes, Militärchef der libyschen Rebellen, hat schlimme Auswirkungen auf die Koalition. Mit Junes hat sie einen Offizier verloren, den beispielsweise Nicolas Sarkozy noch am 14. April in Paris empfangen hatte. Dennoch kann man nicht von einer militärischen und politischen Katastrophe sprechen, wie es diejenigen tun, die in den USA und in Europa jede Gelegenheit wahrnehmen, die Aufständischen zu diskreditieren. Ihr wichtigstes Argument diesmal: Die Tatsache, dass die Identität der Täter und die Umstände des Mordes ebenso unklar seien wie der Anschlag selbst, werde die strukturelle Schwäche des Nationalen Übergangsrates und den zunehmenden Dissens in seinem Inneren deutlich zeigen. Dieser Darstellung setze ich die folgenden Überlegungen und Erwiderungen entgegen.

Erstens: Alle Widerstandsbewegungen, alle bewaffneten Aufstände sahen sich in derartige Dramen verwickelt. Die französische Résistance etwa wurde durch Verrat einiger ihrer wichtigsten Vertreter beraubt, allen voran der große Jean Moulin. In Afghanistan wurde Achmed Schah Massud, Chef der Nordallianz, ermordet, nachdem er in seinem eigenen Machtbereich durch einen seiner scheinbar zuverlässigsten Gefolgsmänner verkauft worden war. Vergleichbares spielte sich in der algerischen FLN ab: Eingeschleuste Agenten und vom französischen Geheimdienst umgedrehte Widerstandskämpfer dezimierten ihre Reihen. Revolutionen werden von Schläferkommandos, Fünften Kolonnen, für fremde Zwecke missbrauchten Gangs bedroht. Und wie jeder weiß, der über ein Minimum an Geschichtsbewusstsein verfügt, war ihre politisch-militärische Führung schon immer eine beliebte Zielscheibe von Doppelagenten, von Tätern, die aus dem Dunkel kommen. Insofern war der Tod von Junes leider keine Ausnahme. Und es braucht die ganze Unaufrichtigkeit der Berufspazifisten, also der indirekten Unterstützer von Gadhafi, um die Tat als Beweis für das Chaos zu werten, das in der Provinz Cyrenaika angeblich herrscht und das wir uns vor unserer Entscheidung zur Intervention nicht klargemacht hätten.

Zweitens: Natürlich ist der Mord ein schwerer Schlag für die Rebellen in Bengasi. Umso mehr, als der Übergangsrat mit Junes einen seiner Kommandanten verliert, der als frühere Nummer zwei hinter Gadhafi dessen Psychologie am besten kannte, die Geheimnisse und das Räderwerk der Macht, die Bunker, die sie gemeinsam entworfen hatten, seine Taktik und Strategie. Es ist ein schwerer, aber kein tödlicher Schlag. Vor allem, weil Junes zwar das feindliche System von innen kannte und darüber hinaus das Vertrauen der Alliierten und besonders Frankreichs genoss, weil er aber keineswegs die einzige Schlüsselfigur war. Es gibt Berufsoffiziere und zivile Kommandanten, die ebenso tapfer und fähig sind wie Junes. Und schließlich hat sein Tod keine der drei Fronten (Brega, Goualich und die Umgebung von Misrata) einbrechen lassen – im Gegenteil.

Drittens: Eine vom Übergangsrat eingesetzte Untersuchungskommission soll die Umstände des Mordes erhellen. Eins jedoch ist jetzt schon klar.: Die Art, wie man sich seit einigen Tagen der Tat bedient, um den Übergangsrat als eine bunt zusammengewürfelte und aus untereinander zerstrittenen Elementen bestehende Koalition darzustellen, ist absurd und beweist einen besorgniserregenden Mangel an Geschichtsbewusstsein. Besser als jeder andere weiß ich, dass es im Rat Unzeitgemäße und Moderne gibt, Stammesvertreter und Repräsentanten der urbanen Mittelschicht, Ex-Gadhafisten, ehemalige Islamisten, langjährige Oppositionelle, überzeugte Vertreter der Menschenrechte. Daraus kann man aber nicht ableiten, dass dieser Übergangsrat zerbrechlich oder gar illegitim wäre. Damit würde man außer Acht lassen, dass die demokratische Strömung die überwältigende Mehrheit bildet und jeden Tag neue Erfolge zu verzeichnen hat.

Man würde auch hier wieder vergessen, dass Widerstandsbewegungen in der Geschichte immer, fast per definitionem, aus derartigen Koalitionen bestanden. Wenn man diese Tatsache leugnet und wie im Algerien der FLN nur einen einzigen Kopf sehen will – entwickeln sich die Dinge nicht gerade dann zum Schlechten? Und müsste man dann nicht auch der französischen Widerstandsbewegung von 1940 im Nachhinein vorwerfen, dass sie in London Vertreter der Linken und der Rechten zusammenbrachte, Republikaner, die ihre verlorenen Werte betrauerten, und Männer der Action française, die die Republik für die Niederlage verantwortlich machten, Freimaurer und Nationalisten, Kommunisten und Sozialisten, Gaullisten und sogar Antigaullisten?

Die Gerüchte über Brüche innerhalb der libyschen Opposition sind bedeutungslos. Nach der Ermordung eines der Ihren sind sie mehr denn je dazu verdammt, ihre Kräfte zu sammeln und zu siegen. Die westliche Koalition ihrerseits hat keinerlei Grund, schwach zu werden, zu zweifeln oder gar darüber nachzudenken, ob sie einen der blutrünstigsten Tyrannen der arabischen Welt wieder in den Sattel heben sollte: In der Stunde, in der ein anderer Diktator, in Syrien, sein Volk in jenen "Strömen von Blut" ertränkt, die Gadhafi Libyen versprochen hatte, ist es wichtiger denn je, dass das Unternehmen zu Ende gebracht wird.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke