Wenn es ums Feiern geht, sind die Münchner nicht schlecht. Immerhin veranstalten sie auf der Wies’n das größte Volksfest der Welt. Und auch das Fest, das am 6. August steigen wird, ist rekordverdächtig. Auf acht Kilometer Länge verwandelt sich die Isar von der Großhesseloher Brücke am südlichen Stadtrand bis zur Reichenbachbrücke im Stadtzentrum in eine gigantische Partymeile. Gefeiert wird der vorläufige Abschluss eines Großprojektes, das 35 Millionen Euro kostete und in Deutschland seinesgleichen sucht: die Isarrenaturierung. Nach elf Jahren Arbeit hat sich die einst in ein enges Betonkorsett gezwängte innerstädtische Isar zumindest optisch in einen Wildfluss zurückverwandelt. Dafür machten die Wasserbauer das Gegenteil von dem, wofür sie lange Zeit ausgebildet wurden. Sie entfernten Betonschwellen im Flussbett und flachten die Ufer ab. Um Fischen und Kleingetier Unterschlupf zu bieten, wurden Gesteinsbrocken und Baumstämme im Wasser verankert; zwischen der Wittelsbacher- und Reichenbachbrücke entstand sogar eine kleine, mit Weiden bewachsene Insel. Das letzte Flussstück, direkt am Deutschen Museum, war das schwierigste. Dort musste besonders viel Beton geschleift und ein neuer Seitenarm zum Biotop "Kleine Isar" geschaffen werden, wo ein Biber hausen soll.

Mit dem im Jahre 1986 vom Stadtrat genehmigten "Isarplan" wollte man Fehler der Vergangenheit korrigieren. Einst mäanderte der im Tiroler Karwendelgebirge entspringende Fluss in einem mehrere Hundert Meter breiten, sich ständig verändernden Bett östlich an der Stadt vorbei. Er riss die hölzernen Brücken, die ihn überspannten, immer wieder mit sich. Und die Stadt hielt respektvoll Abstand zu der "Reißenden". Doch mit Beginn der Wasserkraftnutzung im 19. Jahrhundert verwandelten die Ingenieure den ungebärdigen Gebirgsfluss in einen 50 Meter breiten, oft schnurgeraden Schlauch. Sie zweigten so viel Wasser ab, dass die Rest-Isar mitunter zum kläglichen Rinnsal schrumpfte. Jetzt, nach Abschluss der Bauarbeiten, kann sie sich immerhin wieder auf bis zu 90 Metern ausbreiten. Ähnliche Renaturierungsmaßnahmen hatte es seit Mitte der neunziger Jahre – angetrieben von der Isar-Allianz, einem Zusammenschluss von zwölf Naturschutzvereinen – auch am Oberlauf der Isar bei Wolfratshausen gegeben. Dabei wurde den Kraftwerksbetreibern auch auferlegt, dem Fluss mehr Wasser zu lassen.

Seitdem die Baumaschinen wieder abgerückt, die Narben der Großbaustelle verheilt sind, strömen die Münchner und Touristen aus aller Welt noch zahlreicher an die Ufer des Flusses. Konflikte bleiben dabei nicht aus. Vor allem die zahlreichen Grillfans sind Anwohnern ein stetes Ärgernis. Regelmäßig hüllen sie den "Flaucher", eine Auwald- und Kieslandschaft unweit des Tierparks Hellabrunn, in eine stinkende Dunstglocke und produzieren Unmengen Müll. Naturschützer beklagen schon, dass sich der Effekt der Renaturierung für die Flora und Fauna sehr in Grenzen halte. "Gebracht hat das eigentlich nur dem Fischbestand etwas. Größere Tierarten wie Vögel profitieren kaum davon, weil bei schönem Wetter so gut wie jeder Sitzplatz am Ufer von Menschen besetzt ist und Hunde in jedem Winkel herumstöbern", sagt der Ornithologe Manfred Siering.

Das große Isarfest soll nicht das Ende der Bemühungen um die Zukunft der Isar in München sein. Die Grünen im Rathaus wünschen sich zwischen Deutschem Museum und Englischem Garten mehr Flanierwege, Cafés und Kulturaktionen. Dort fließt die Isar weiterhin inmitten hoher Mauern durch dicht bebautes Innenstadtgebiet. Es gibt sogar den Vorschlag, einen neuen Konzertsaal für München mitten ins Flussbett zu setzen. Ein Graus für alle, die sich von der Renaturierung vor allem eines erhofft hatten: mehr Natur in der Stadt.