Ganz berauscht kam er hier an, wie so viele vor und nach ihm. Allerdings waren es keine romantischen – oder gar patriotischen – Wallungen, die ihn während der Reise ergriffen und beseelten. Es war der Wein. "Wir soffen uns langsam den Fluss hinab", beschrieb Kurt Tucholsky 1930 seine Zugreise nach Koblenz. Er wollte das Deutsche Eck sehen, vor allem das monumentale Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I., das er mit wenigen messerscharfen Sätzen fachgerecht filetierte. Für den "kitschumrauschten" Rhein hatte er dagegen keine Augen. "Eine hübsche Gegend", schrieb er nur, "viel zu hübsch für dieses steinerne Geklump." So kann man es auch ausdrücken.

Glücklicherweise jedoch ist anderen dazu mehr eingefallen. Andere – Reisende und Träumende – können sich bis heute nicht sattsehen an der erinnerungsumrauschten Landschaft des Mittelrheintals. Und an den zahllosen Bildern, vom Meisterwerk bis zur Massenware, vom Geniestreich bis zum Souvenirartikel, die Künstler davon geschaffen haben. Nur wenige Schritte vom Deutschen Eck entfernt bewahrt das Mittelrhein-Museum eine köstliche Überfülle dieser Bilder auf, Hunderte von künstlerisch verdichteten Erinnerungen an das Zeitalter der Rheinromantik, von Caspar Scheuren bis zu Emil Nolde, von den lokalen Koblenzer Malern wie Johann B. Bachta oder Johannes J. Diezler bis zu den polyglotten Engländern wie James Webb oder George Clarkson Stanfield.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Auch deswegen sollte das so malerisch gelegene Koblenz eine kanonische Anlaufstelle für Rheinreisende sein: In seiner – ebenso sehenswerten wie wenig bekannten – Gemäldegalerie lässt sich die sentimental journey entlang der Ufer dieses "edlen Flusses" (Victor Hugo) vorzüglich fortsetzen. Und dies vielleicht sogar eindringlicher, aufregender, erlebnisreicher, als dies sonst möglich wäre, in der Wirklichkeit unserer Tage. Denn von Anfang an war ja die Rheinreise mit der Sehnsucht nach fernen Zeiten verbunden. Sie galt dem Verlorenen, dem Verschwindenden. Sie war nostalgisch gestimmt. Man muss nur sein Fenster auf den Rhein hin öffnen, hat der große Rheinfreund und Rheinergründer Victor Hugo einmal geschrieben, dann sieht man die Vergangenheit.

Wenn man das schwere Holztor des Alten Kaufhauses am Florinsmarkt geöffnet hat, wo das Mittelrhein-Museum seit 1965 untergebracht ist, an einem zwar geschichtsreichen, für eine Gemäldegalerie allerdings grotesk untauglichen Ort, dann lässt sich beileibe nicht nur die (Kunst-)Geschichte der Rheinromantik durchstreifen. Man hat hier zugleich – wer wüsste das schon – die Sammlung eines der ältesten bürgerlichen Kunstmuseen Deutschlands vor Augen. Das Mittelrhein-Museum wurde bereits 1835 als Städtisch-Langsche Gemäldesammlung in Koblenz eingerichtet. Es ist also ungefähr so alt wie das Städel und das Wallraf-Richartz-Museum in Köln, verdankt sich ebenfalls der außerordentlichen Stiftung eines Bürgers und hat die bedeutendste öffentliche Kunstsammlung im Raum zwischen Mainz und Bonn zu bieten. Es beherrscht also mit seinen Schätzen, ähnlich wie einst die am Rheinufer gegenüber liegende Festung Ehrenbreitstein mit ihren Kanonen, das ganze Mittelrheintal.

Diese Schätze sind beileibe noch nicht recht gehoben. Denn weil das Museum seit seiner Gründung stets zum, wie einmal bemerkt wurde, "unwürdigen Vagieren" zwischen mehr als zehn unterschiedlichen Orten in der Stadt verflucht war, konnte es sie nie so recht präsentieren. Erst im – derzeit entstehenden – Neubau mag sich dies wohl gründlich ändern. Man staunt, wie breit gespannt die Sammlung ist. Sie reicht von oftmals exquisiten mittelalterlichen Steinskulpturen bis zur konkreten Kunst. Schwerpunkt ist, neben der deutschen (Fluss-)Landschaftsmalerei zwischen Klassizismus und Neuromantik, ein opulenter Bestand flämischer und niederländischer Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts, der in einer weiten, von Festung und Kirchturm überragten Flusslandschaft aus der Frühzeit der Gattung kulminiert, welche wohl dem samtenen Brueghel zuzuschreiben ist. Man findet hier auch die – neben München – größte Sammlung mit Werken des Januarius Zick, der als Hofmaler in Ehrenbreitstein starb. Ein unglücklicher Koblenzer Kollege Zicks dagegen, der nach der Flucht des letzten Kurfürsten mit seiner elfköpfigen Familie völlig verarmte ehemalige Hofmaler Heinrich Foelix, bietet uns auf seinem überaus berührenden Selbstporträt (um 1800) nur seine stille Verzweiflung dar und die wissende, fast lächelnde Duldung eines ungünstigen Schicksals.

Diese wirklich schöne Trouvaille stammt, wie die meisten hier, aus dem Bilderschatz des aufgeklärten Koblenzer Pfarrers, Lehrers und Schriftstellers Joseph Gregor Lang. 1834 hinterließ er seine etwa 200 Gemälde umfassende Kunstsammlung der Stadt Koblenz, zum Studium junger Maler und zum Vergnügen der Bürger. Lang, der seine Sammlung wohl nach dem Einmarsch der Franzosen und der durchgeführten Säkularisierung mit auffallendem Geschmack an den Flusslandschaften seiner Koblenzer Zeitgenossen zusammentrug, konnte sich diese geradezu fürstliche Liebhaberei leisten. Er hatte einen Bestseller geschrieben, der um 1800 mehrfach aufgelegt und sogar in andere Sprachen übersetzt wurde: Der Bericht von einer Reise auf dem Rhein , in zwei stattlichen Bänden.