Was für ein seltsamer Job, die Stilikone zu geben, ein Leben lang! Ein Job, der die Trennung zwischen Beruf und Privatleben aufhebt; ein Job auch, der einen Menschen auf ein einziges öffentliches Bild reduzieren kann, in ihrem Fall: die Frau in Schwarz. Doch was eine andere vielleicht eines Tages als Korsett empfunden hätte, passte ihr stets wie eine zweite Haut. Und die hat sie mit Stolz zu Markte getragen und dabei ein an Liebe, Leidenschaft und Bewunderung reiches Leben genossen, wie sie gern erzählt: "Das Schaufenster von Cartier ist ganz klein im Vergleich zu dem, was mir geschenkt wurde." Denn "wenn ich mich schon zum Produkt mache, dann will ich Luxus sein." Angefangen hat das alles in einem von Rauchschwaden durchtränkten Club in der Nähe eines Flusses. Hier trafen sich die jungen Leute, die davon träumten, Dichter, Maler oder Musiker zu sein. An die Zeit erinnert sie sich gut: "Diese durchgeknallte Clique! Wir waren der Ausdruck von Liebe und Großzügigkeit, von Unruhe, von Humanität." Und von Erfolg, denn nahezu allen der damaligen Weggefährten gelang über kurz oder lang der Sprung an die Spitze. Was ihr Erfolgsrezept war? Sie konnten das, was eine ganze Generation fühlte und dachte, in Worte, Bilder oder Töne fassen.

"Ich habe immer getan, worauf ich Lust hatte, was meine Seele hergab", hat sie einmal gesagt. Diese Art von innerer Unabhängigkeit verdankte sie einer Kindheit, die eigentlich keine gewesen war. Der Vater hatte die Familie sitzen gelassen, die Mutter kümmerte sich kaum um sie und die ältere Schwester, allein die Großeltern boten ein verlässliches Zuhause. Mit 16 war sie drei Wochen lang inhaftiert gewesen, ohne zu wissen, ob man sie je wieder entlassen würde. Das Erlebte verschlug ihr die Sprache. "Im Gefängnis hatte ich nichts als Beschimpfungen und Erniedrigungen gehört. Ich hatte einfach keine Lust mehr zu sprechen."

Wenige Jahre später musste sie weiteres Leid verkraften: Ihre erste große Liebe, ein Rennfahrer, verunglückte tödlich. Wieder stand sie alleine da. Doch diesmal hatte sie Glück, fand Anschluss an die Clique der Begabten – und nach und nach heraus aus ihrem Schweigekokon. Plaudern, lachen, beisammen sein: "Ich hatte keine Schuhe, aber ich hatte Leute zum Reden." Und einer bemerkte endlich ihr Talent: "Sie haben eine Stimme, folglich sollten Sie singen."

Der Rest ist Legende, und die hat reichlich runde Geburtstage hinter sich. Aber, stellt sie fest: "Ich hatte nie ein Problem mit dem Altwerden." Ihr Trick dabei: "Ich habe mein Make-up nicht mehr verändert, seit ich 19 bin." Wichtiger als das Äußere sei ohnehin die Bereitschaft zum Glück: "Man muss dankbar sein, 80 Jahre alt zu werden und immer noch den Beruf auszuüben, den man liebt." Auch wenn sie den einen oder anderen der frühen Weggefährten häufig vermisse: "Heute habe ich viele Schuhe, aber die Leute zum Reden werden knapp." Wer ist’s?

Lösung aus Nr. 31:
Geboren 1913 im vorpommerschen Zemmin, leitete Berthold Beitz nach einer Banklehre ab 1939 eine Tochterfirma der Royal Dutch Shell in Hamburg. 1941 arbeitete er als kaufmännischer Leiter für die kriegswichtige Karpathen-Öl AG in Boryslaw bei Lemberg. Bis 1944 bewahrte er viele Juden als "unabkömmlich" vor dem KZ. 1953, inzwischen Generaldirektor der Iduna-Germania, gewann ihn Alfried Krupp als Generalbevollmächtigten. Seine ostpolitischen Initiativen missfielen unter anderem dem zitierten Konrad Adenauer. Im Auftrag von Krupp wandelte er 1968 das Firmenvermögen in eine Stiftung um. 1973 wurde er von Jad Vaschem unter die "Gerechten der Völker" aufgenommen. Sein letzter Coup war 1999 die Übernahme von Thyssen