Kaum dachte man, die übelste Episode wäre ausgestanden, quillt neue Jauche aus dem Morast , der Großbritanniens führenden Zeitungsverlag umgibt. Vor drei Wochen stellte der Medienzar Rupert Murdoch das Massenblatt News of the World ein, weil es sich hoffnungslos in einen Abhörskandal verstrickt hatte. Anfang Juli war bekannt geworden, dass Glenn Mulcaire, ein von der Schurkenzeitung angestellter Privatdetektiv, das Handy eines entführten und später getöteten Mädchens angezapft und Nachrichten gelöscht hatte, um die immer verzweifelteren SMS-Botschaften der Eltern zu lesen. Mit dem Ergebnis, dass die sich in falschen Hoffnungen wogen und die Polizei irregeführt wurde. Die Infamie brachte den seit Jahren siedenden Skandal zum Überkochen.

Vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss gebärdeten Murdoch und seine englische Bannerträgerin Rebekah Brooks sich als Unschuldslämmer, die von allem nichts gewusst hatten. Frau Brooks hatte als Chefredakteurin eine enge Freundschaft mit Sara Payne kultiviert, deren achtjährige Tochter Sarah 2000 ebenfalls entführt und ermordet wurde. Gemeinsam kämpften die ehrgeizige Journalistin und die trauernde Mutter für die Einführung eines umstrittenen Gesetzes, das Eltern berechtigt, die Adressen vorbestrafter Sexualstraftäter in ihrer Nachbarschaft zu erfahren. Eine Million Leser unterstützte die Kampagne mit ihrer Unterschrift.

Die Mutter verfasste für die letzte Ausgabe der News of the World einen innigen Abschiedsgruß an "die Menschen, die hier arbeiteten und meine treuen Freunde wurden". Letzte Woche teilte Scotland Yard ihr mit, auch sie gehöre zu Mulcaires viertausend Abhöropfern. Mit einem Telefon, das die Redaktion ihr zur Verfügung gestellt und dessen Rechnungen sie bezahlt hatte.

Rebekah Brooks besteht erneut darauf, sie habe von allem nichts gewusst und finde das Treiben ihres ehemaligen Angestellten "abscheulich" und "erschütternd". Das Problem mit den Beteuerungen der zur Vorstandsvorsitzenden von News International aufgestiegenen und vorletzte Woche zurückgetretenen Königin der Finsternis besteht freilich gar nicht mehr so sehr darin, ob sie stimmen oder nicht. Murdoch und seine Helfershelferin haben die Grundvoraussetzung einer freien Presse zerstört – das öffentliche und private Vertrauen in den Journalismus.

Journalisten gelten auf der Insel heute generell als fragwürdige Typen, ganz gleich, ob sie für ein Gossenblatt oder den Guardian arbeiten. In der Volksmythologie verdienen sie ein Schweinegeld. Was sie schreiben, wird als frei erfunden abgetan, wenn es nicht gerade die eigenen Vorurteile bedient. Das Misstrauen steigert sich häufig zu offener Feindseligkeit. Vielleicht kann man es den Leuten nicht verdenken. Der Medienmogul hat im Namen seines perversen "Enthüllungsjournalismus" ein Gesetz menschlichen Zusammenlebens außer Kraft gesetzt – den Glauben an das Wort.