Wenn man einen europäischen Krawattenträger frontal anschaut, dann laufen die Streifen auf dem Schlips für den Betrachter praktisch immer von links unten nach rechts oben. Da ist viel hineininterpretiert worden: Irgendwie sehe das dynamischer aus, wie ein aufstrebender Aktienkurs, schließlich habe der Strich im Logo der Deutschen Bank dieselbe Richtung.

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Der Grund ist jedoch viel banaler: Tatsächlich wird der Stoff so gewebt, dass die Streifen von oben nach unten verlaufen, aber der Stoff in einer Krawatte ist immer um 45 Grad gedreht , nur so bleibt er formstabil. Bei der Herstellung wird die Schnittschablone diagonal auf den senkrecht gestreiften Stoff gelegt. Und weil die meisten Menschen Rechtshänder sind, verläuft diese Diagonale von links oben nach rechts unten – so kann man mit einem Messer besser schneiden. Es ist leicht nachvollziehbar, dass dieses Verfahren genau zu den bei uns üblichen Streifen führt.

Fährt man aber in die USA, dann stellt man fest: Dort sind Krawatten oft – längst nicht immer – andersherum gestreift, nämlich von links oben nach rechts unten. Dafür kursieren verschiedene Erklärungen: Eine lautet, die Amerikaner hätten irgendwann entschieden, sich modisch von den Engländern abzusetzen. Eine andere nennt wieder den Produktionsprozess als Grund: Weil die Arbeiter in den Fabriken dort gern am Arbeitsplatz ihr Mittagessen einnähmen, würde man den Stoff beim Schneiden auf links drehen, um die "gute" Seite zu schonen. 

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