Arjen Robben brauchte nicht einmal zwei Minuten, um zum ersten Mal zu entkommen. Er beschleunigte, ließ jene hinter sich, die ihn aufhalten sollten, und begann mit seinem destruktiven Werk: Er spielte einen simplen Pass. Der Ball rollte durch den Strafraum – und Lars Kornetka ahnte, dass seine Arbeit vergebens war. Er saß an jenem Spieltag der vergangenen Saison auf der Tribüne und sah, was nicht sein durfte: Er sah Mario Gomez’ Tor, er sah, wie sein Plan zerstört wurde, wie sein Team zerbrach. Er sah das Ende: FC Bayern München – 1899 Hoffenheim 4:0.

Kornetka brauchte lange, um diese Niederlage zu verarbeiten. Bis ein Uhr nachts saß er an seinem Laptop und produzierte einen Film aus den 25 wichtigsten Szenen des Spiels. Das Lehrstück sollte dazu beitragen, dass sich ein solches Debakel in der neuen Saison nicht wiederholen würde.

"Wir wussten, dass wir Robben nicht ganz ausschalten können, deshalb hatten unsere Spieler die Anweisung, ihm den rechten Fuß anzubieten", sagt Kornetka. Wenn er schon schießt, dann doch bitte mit dem Fuß, den die Kommentatoren weniger oft "eine Waffe" nennen. Der Plan ging nicht auf. Arjen Robben bereitete ein Tor vor und schoss zwei selbst. Beide mit links. Kornetkas Kurzfilm zeigt, warum. Bis Ende September sollten die Hoffenheimer Spieler aus ihren Fehlern gelernt haben: Am 8. Spieltag treffen sie wieder auf die Bayern.

Woche für Woche ist Lars Kornetka dazu da, Fehler zu entdecken – die eigenen und die der Gegner in der 1. Bundesliga. Wie seine Konkurrenten in München, Dortmund, Hamburg oder Köln arbeitet er daran, das Spiel berechenbarer zu machen. Kornetka ist Spielanalyst. Er sucht nach Antworten auf Fragen, die Spiele entscheiden können. Zum Beispiel: Wie stoppt man eigentlich Robben, Ribéry oder Kagawa?

Spielanalysten generieren einen Rohstoff, der auch in der Bundesliga immer bedeutender wird: Wissen. Die Klubs rüsten technologisch auf, sie holen sich Rat aus der Wissenschaft, sie arbeiten an der Entschlüsselung des Spiels.

Bislang gingen die Vereine dabei eigene Wege. In der neuen Saison werden alle 36 Erst- und Zweitliga-Klubs Zugriff auf dieselben Daten haben. Die Deutsche Fußball Liga hat einen Vertrag mit einem Datenlieferanten geschlossen, der Impire AG. In allen 36 Stadien hängen nun Spezialkameras unter den Dächern. Dem Trackingsystem "Vis Track" entgeht keine Bewegung auf dem Spielfeld. Es liefert Daten zu jedem Spiel, zu jedem Spieler: Ballkontakte, Laufwege, Abstände der Spieler zueinander. Stoff für die Analysten.

Das Barockschloss Agnestal liegt am Rande Zuzenhausens, einer Gemeinde mit 2.200 Einwohnern, und sieht nicht aus wie ein Schloss, eher wie ein großer Bauernhof. Ein heller Gebäudekomplex, umrahmt von Grün und Grau, von vier Fußballplätzen und zwei hellgrauen Quadern voller Büros, Trainingsräume, Technik.

Hier lässt Lars Kornetka die Partie noch einmal an sich vorbeilaufen. Was er vor sich auf dem Bildschirm sieht, erinnert an PC-Spiele aus den neunziger Jahren: ein grünes Feld mit elf blauen und elf roten Kreisen, einen winzigen weißen Ball – ein zweidimensionales Modell des Spiels.

Jede Bewegung, die Spieler und Ball auf dem realen Rasen machten, wurde vom Rechner ins Modell übertragen. Es basiert auf den Millionen Messdaten der Kameras. Die Trackingsysteme sind Werkzeuge, mit denen die Analysten Lehren aus den absolvierten Spielen ziehen. Doch der Computer liefert nur Daten, keine Erkenntnisse. Zusammenhänge erkennt nur der davor sitzende Mensch. Der starrt auf den Bildschirm, schüttelt den Kopf und sagt: "Die Spieler haben ihre Positionen eingehalten." Die Blauen stehen da, wo sie stehen sollten, aufgereiht im 4-3-3-System. "Das ist normalerweise ein Zeichen dafür, dass wir ein gutes Spiel gemacht haben."