Der Präsident sah nicht gut aus. Mit fahlem Gesicht und tiefen Ringen unter den Augen meldete sich Barack Obama am Montag dieser Woche per Videobotschaft bei seinen Anhängern, um ihnen zu erklären, wo gespart werden wird und warum es dazu keine Alternative gibt. Müde wirkte der mächtigste Mann der Welt, abgekämpft – und irgendwie ratlos.

So wie das ganze Land. Nach einem wochenlangen Hin und Her haben sich die beiden großen Parteien der USA auf einen Kompromiss im Schuldenstreit geeinigt . Die Zahlungsunfähigkeit der Vereinigten Staaten ist damit erst einmal abgewendet – doch dass die Einigung für Ruhe sorgt, ist unwahrscheinlich . Sie belastet die Konjunktur, weckt Zweifel an der Handlungsfähigkeit der Regierung und verschärft die soziale Schieflage im Lande.

Die weltgrößte Volkswirtschaft und letzte verbliebene Supermacht ist gelähmt – und wird zum Risiko für die globale Wirtschaftserholung. Die Anleger haben ihr Urteil bereits gefällt: Die Börsen gingen zu Wochenbeginn auf Talfahrt, die Investoren flüchteten in Gold und Schweizer Franken.

Nun stehen die USA nicht zum ersten Mal am Abgrund. Noch hat sich das Land bisher jedes Mal berappelt. Die Lage war aber selten so schwierig wie jetzt. Die Staatskassen sind leer. Kriege und der Kampf gegen die Finanzkrise haben die Ausgaben anschwellen lassen, die konjunkturelle Flaute und die großzügigen Steuergeschenke des Obama-Vorgängers George W. Bush an die Wohlhabenden schmälern die Einnahmen. Und schon jetzt liegt die Staatsverschuldung ungefähr bei hundert Prozent des Bruttoinlandsprodukts – an jener Schwelle, ab der es nach Ansicht vieler Ökonomen brenzlig wird.

Daher zweifelt kaum jemand daran, dass der Staatshaushalt saniert werden muss. Umstritten aber ist das Wie.

Obama wollte Einschnitte bei den Staatsausgaben und obendrein höhere Steuern. Sein Ziel: auch die Besserverdiener und Vermögenden an den Kosten des Schuldenabbaus beteiligen. Theoretisch wäre das kein Problem: Nach Angaben der Industrieländer-Organisation OECD beliefen sich die Einnahmen der amerikanischen Regierung aus Steuern und Sozialbeiträgen im Jahr 2009 auf gerade einmal 24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist der niedrigste Wert unter den großen Industriestaaten und deutlich weniger als der internatinale Durchschnitt von 35 Prozent.

Der Kompromiss trägt klar die Handschrift der Republikaner , die höhere Abgaben um jeden Preis verhindern wollten. Vereinbart wurde, dass in den kommenden zehn Jahren 900 Milliarden Dollar gekürzt werden. Bis November soll ein mit Vertretern beider Parteien besetzter Ausschuss weitere 1.500 Milliarden Dollar an Einsparungen auf den Weg bringen.

Dann wird zwar auch über Steuern geredet, doch wenn sich die Runde nicht einigt – was wahrscheinlich ist –, wird automatisch weiter bei den Ausgaben gekürzt. Kein Wunder, dass sich Obamas Parteifreunde und Anhänger verraten fühlen. Der linksliberale Nobelpreisträger Paul Krugman spricht von einer "Kapitulation des Präsidenten".

Für die Tea-Party-Bewegung hingegen, das Sammelbecken für amerikanische Wutbürger am rechten Rand der Republikanischen Partei, war der Schuldenkampf ein voller Erfolg. Die Aktivisten konnten zwar nicht alle Forderungen durchsetzen, mit ihrer Kompromisslosigkeit zwangen sie die Republikaner aber zu Extrempositionen.

Politisch ist das Sparpaket also ein Reinfall für Obama – und ökonomisch könnte es erst recht zum Debakel werden.

Die geplanten Einsparungen von insgesamt 2.400 Milliarden Dollar reichen aller Voraussicht nach nicht aus, um den Etat auf eine solide Grundlage zu stellen. Die Rating-Agentur Standard & Poor’s beziffert das Volumen der Einsparungen, das nötig sei, um die Top-Bonitätsnote der USA langfristig zu sichern, auf mindestens 4.000 Milliarden Dollar. Die Experten der Agentur prüfen schon, ob sie den USA das Gütesiegel aberkennen. Die Investmentbank Credit Suisse taxiert die Wahrscheinlichkeit, dass es trotz des jetzt verkündeten Konsolidierungsprogramms dazu kommt, auf 50 Prozent.

Obama spart also wenig – und trotzdem könnte sein Konsolidierungspaket die Konjunktur stark belasten. Ausgabenkürzungen dieser Art bremsen das Wachstum erfahrungsgemäß noch viel stärker als Steuererhöhungen, die vor allem reichere Amerikaner belastet hätten – die einen geringeren Anteil ihres Einkommens für den Konsum ausgeben.