DIE ZEIT:Indien, Russland, die USA , Mexiko, viermal in China – überall abseits der Heimat entstehen neue VW-Werke. Warum bleiben die Betriebsräte bei VW in Deutschland so ruhig?

Bernd Osterloh: Wenn wir neue Standorte bauen, muss klar sein, dass wir gar keine Chance haben, den Markt aus Westeuropa zu beliefern. Das diskutieren wir erst mit dem Vorstand und dann mit dem Aufsichtsrat. Können wir den Markt nur mit einer lokalisierten Produktion beliefern, machen wir als Arbeitnehmervertreter da mit. Und noch eines ist uns wichtig: Die Investition muss sich rechnen.

ZEIT: Sind Sie sicher, dass Golf oder Passat nicht irgendwann aus Indien oder Russland kommen?

Osterloh: Es gibt keine anderen Standorte für Golf und Passat, die Westeuropa beliefern können. Das werden wir auch nicht zulassen. Wir wollen generell bei unserer Expansionsstrategie nicht, dass Westeuropa von außen beliefert wird.

ZEIT: Kürzlich haben Sie aber heftig protestiert, als Pläne bekannt wurden, den in Wolfsburg montierten Geländewagen Tiguan künftig auch in Chattanooga, USA, zu bauen.

Osterloh: Der Vorstand hatte vergessen, mit uns zu reden, inzwischen sprechen wir miteinander. Wir passen immer genau auf. Und wir sind sehr selbstbewusst, neunzig Prozent der Belegschaft sind in der IG Metall organisiert. Das ist ein Vorteil.

ZEIT: Alle Prognosen sagen, dass das Wachstum aus Asien, Osteuropa und Südamerika kommt. Zugleich können immer mehr Autos von weniger Menschen montiert werden. Das bedeutet am Ende, dass Jobs in Wolfsburg oder Emden wegfallen.

Osterloh: Unsere Strategie ist es, auf einem etwa gleichbleibenden Markt stärker zu wachsen als andere. Das hat bisher geklappt.

ZEIT: Und beim nächsten Konjunkturabschwung? Kommt es dann zum Gezerre unter den Standorten?

Osterloh: Dann werden wir so reagieren, wie wir das bei der letzten Krise gemacht haben.

ZEIT: Da hat der Staat, auch auf massiven Druck der IG Metall hin, mit verlängerter Kurzarbeit und der milliardenschweren Abwrackprämie geholfen.

Osterloh: Erst mal geht es darum, die vorhandene Arbeit zu verteilen. Unsere Fabriken sind sehr flexibel. Wir können sehr gut auf schwankende Nachfrage reagieren.

ZEIT: Andere, schnell größer gewordene Konzerne bekamen plötzlich Wachstumsschmerzen – siehe Toyota. Ist Volkswagen davor gefeit?

Bernd Osterloh: Wir haben mit Dr. Winterkorn einen Vorstandsvorsitzenden, der beim Thema Qualität sehr empfindlich ist. Das weiß das gesamte Management im Konzern. Winterkorn ist ein netter, sympathischer Mensch, aber wenn es um das Thema Qualität geht, kann er dieses nette Wesen schnell ablegen. Qualität ist eines unserer Markenzeichen, da lassen wir nichts anbrennen.

ZEIT: Herr Winterkorn übt im Konzern viele Funktionen aus, ist omnipräsent. Muss der Aufsichtsrat ihn bei dieser Arbeitswut nicht langsam vor sich selber schützen?

Osterloh: Wir passen da schon auf. Aber ihm macht die Arbeit halt Spaß. Einer, der im Dreischichtbetrieb in der Fabrik arbeitet, möchte mit Ende 50 lieber nach Hause. Herr Dr. Winterkorn hat seinen Vertrag mit 64 nochmals um fünf Jahre verlängert. Das hat mit Selbst- und Fremdbestimmung der Arbeit zu tun.

ZEIT: Manche Manager im Konzern fallen angesichts der jüngsten Erfolge schon durch eine gewisse Überheblichkeit auf. Kann das mit immer neuen Marken und Fabriken beliebig weitergehen?

Osterloh: Der Vorstandsvorsitzende achtet schon drauf, dass keiner überzieht. Wenn mal Leute im Unternehmen meinen, sie könnten übers Wasser gehen, dann hauen ihnen Vorstand und Betriebsrat ganz schnell auf die Pfoten. Da sind wir sehr konservativ.