Der Aufstieg Chinas wird sich keineswegs so schnell und mit solcher Wucht vollziehen, wie es diejenigen vorhersagen, die nur die jährlichen Wachstumsraten der chinesischen Volkswirtschaft im Auge haben. Und die weltpolitische Führungsrolle der USA wird mindestens noch bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts, wenn nicht bis zu dessen Ende fortbestehen. Das ist die Summe, die der amerikanische Politikwissenschaftler Joseph Nye , Professor in Harvard, Oxford-geschult, einer von Amerikas einflussreichsten Politikberatern, aus seinen differenzierten Überlegungen zum sich wandelnden Charakter der Macht in unserer Gegenwart und einer anschließenden Betrachtung der Machtressourcen und Handlungsstrategien der wichtigsten weltpolitischen Akteure zieht. Aber Nye ist weit davon entfernt, die amerikanische Position für ungefährdet zu halten: Nur wenn die USA ihre Macht intelligent gebrauchen, wenn sie haushälterisch damit umgehen und begreifen, dass Überreden in der Regel effektiver und kostengünstiger ist als Zwingen, werden sie die Führungsmacht des 21. Jahrhunderts bleiben.

Vor einigen Jahren schon hat Nye, der heute 74 Jahre alt ist, den Begriff der soft power ins Spiel gebracht , der innerhalb kürzester Zeit zum wichtigsten Einwand gegen die Politik der Bush-Administration in den USA wurde: Nicht dass sie amerikanische Interessen verfolgte und die Werte der USA in globalem Maßstab zur Geltung zu bringen versuchte, war der Bush-Regierung vorzuwerfen, sondern wie sie dies tat. Hard power, also der Gebrauch militärischer, aber auch wirtschaftlicher Macht in einer konfrontativen Konstellation, bei der ein Wille durch die Nutzung von Übermacht unmittelbar durchgesetzt wird, ist erstens teuer, wirkt in der Regel nur für begrenzte Zeit und veranlasst drittens viele Unbeteiligte, gegenüber dem von seiner Macht auf solche Weise Gebrauch Machenden auf Distanz zu gehen. Hard power taugt gegen Feinde, aber sie schafft in der Regel keine Freunde; soft power dagegen sorgt dafür, dass man weniger Feinde und mehr Freunde hat.

Doch entgegen manchen seiner Adepten, die Nye missverstanden und glaubten, man solle und könne die Fähigkeit des Zwingens grundsätzlich durch die Kunst des Überredens ersetzen, ist Nye immer der Auffassung gewesen, die Kunst der Politik bestehe darin, beide Formen der Macht optimal miteinander zu kombinieren, um seine Ziele möglichst effizient zu verfolgen. An dieser Vorgabe ist auch der von Nye jetzt ins Spiel gebrachte Begriff der smart power orientiert, der in der deutschen Übersetzung als »intelligente Macht« wiedergegeben wird. Nye setzt sich von den meisten Analysen der weltpolitischen Konstellation dadurch ab, dass er sich nicht allein auf die verfügbaren Ressourcen der Macht konzentriert, sondern daneben auch die Fähigkeit ihres klugen und nachhaltigen Gebrauchs gewichtet: Man kann beträchtliche Ressourcen der Macht haben, aber wenn man sie überhastet verbraucht und nicht in eine langfristig angelegte und auf Nachhaltigkeit bedachte politische Strategie einbettet, erwächst daraus keine Machtposition, sondern die verfügbare Macht wird zur Ursache der politischen Katastrophe. Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ein Beispiel dafür, das auch bei Nye mehrfach auftaucht – unter anderem dann, wenn es um die Frage geht, welche Fehler die chinesische Führung in den nächsten Jahren machen könnte.

Um die Komplexität eines intelligenten Machtgebrauchs im 21. Jahrhundert zu verdeutlichen, unterscheidet Nye drei Ebenen, auf denen Macht zum Einsatz kommt: Die erste Ebene umfasst das, was wir üblicherweise als Macht verstehen, nämlich die Fähigkeit, einen anderen von seinen Präferenzen und Strategien abzubringen. Daneben gibt es aber noch eine zweite Ebene, auf der es um die Frage geht, welche Ziele als erstrebenswert und welche Mittel als legitim angesehen werden und was als böse und schlecht gilt. Und schließlich beschreibt Nye eine dritte Ebene der Macht, auf der die Präferenzen anderer, womöglich konkurrierender Akteure geformt oder zumindest beeinflusst werden. Diese Ebene hat die höchste Machteffizienz, insofern hier potenzielle Konkurrenten in Bündnispartner verwandelt werden können, was heißt, dass man bei geringem eigenen Machteinsatz einen erheblichen Machtzuwachs erzielt.