Die Frage, warum sich Millionen von Deutschen – sei es aus blindem Fanatismus, vorauseilendem Gehorsam, moralischer Indolenz oder Habgier – an dem Ausschluss, der Beraubung und schließlich der Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden beteiligt haben, bleibt der für die politische Kultur Deutschlands beunruhigende Stachel. Der Historiker und Journalist Götz Aly, der dieser Frage seit Langem nachgeht, hat zuletzt mit seiner empirisch gesättigten Untersuchung Hitlers Volksstaat für Aufregung gesorgt. Die 2005 publizierte Studie, die sich detailliert mit dem Haushalt des "Dritten Reiches", seiner Sozialpolitik sowie der Habgier kleiner Leute, die sich geraubtes jüdisches Eigentum ersteigerten, auseinandersetzte, schrieb die Verantwortung für den Judenmord dem unreflektierten Kollektivismus breitester Bevölkerungsschichten zu.

In seinem soeben erschienenen Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800–1933 geht es ihm um nicht weniger als darum, sozialwissenschaftliche Großtheorien, die nur dazu führen, die Last der Verantwortung wegzuschieben, durch eine Betrachtung zu ergänzen, die die Räuber und Mörder wieder zu Menschen wie dir und mir macht. An die Stelle von Faschismus-, Exklusions-, Generations- und Sonderwegstheorien soll jetzt eine Perspektive treten, in der sich die Leserschaft selbst erkennt: Letztlich wurzele der seit 1800 immer stärker werdende Judenhass der Deutschen in der Todsünde des Neides.

Nun ist Aly, der wie stets glänzend formuliert, temperamentvoll argumentiert und provokativ überspitzt, Sozialwissenschaftler genug, um zu wissen, dass es so einfach nicht geht. Er entfaltet also eine historische Sozialpsychologie der Deutschen, die nicht nur auf die besondere Leistungsmotivation der Juden als Angehörige einer jahrtausendealten literalen Kultur verweist, sondern vor allem darauf, dass ihr Aufstreben nach dem Fall der Ghettomauern die Ressentiments all jener beflügelte, die sich, weil minder gebildet und minder mobil, überholt und enteignet wähnten.

Allerdings kann diese reduktionistische Sozialpsychologie nicht erklären, warum die antisemitische NSDAP seit 1930 bei Wahlen sprunghaft an Zuspruch gewann und endlich – das übergeht Aly – von den Konservativen die Macht im Staate zugeschoben bekam. Im Bewusstsein dieses Mankos bedient sich Aly – ohne sie als solche zu benennen – daher einer anderen sozialwissenschaftlichen Großtheorie, die schon vor Jahren als "Modernisierungsansatz" diskutiert wurde.

Vertreter dieser Theorie argumentierten gegen die noch vor zwanzig Jahren von einigen Marxisten vertretene, vermeintlich plausible Theorie von der Angst des abstiegsbedrohten Kleinbürgertums, das die Faschismen und damit auch die NSDAP an die Macht gebracht habe. Des Weiteren verweist die Modernisierungstheorie auf den unbezweifelbaren Umstand, dass unter den Mitgliedern – nicht unbedingt unter den Wählern – der NSDAP auffällig viele durch die Krise der Weimarer Republik an ihrer weiteren Karriere gehinderte soziale Aufsteiger waren.

Alys Annahmen sind kaum zu belegen

Gleichermaßen haben Vertreter dieser Theorie – wiederum gegen marxistische Annahmen – zu Recht darauf bestanden, dass die NSDAP keineswegs ausschließlich vom großen Kapital unterstützt wurde, sondern ihre Erfolge aus eigener Kraft, dem Idealismus und der Einsatzbereitschaft ihrer Mitglieder gezogen hat. Nicht zuletzt verweist Aly darauf, dass auch ein nicht geringer Teil der Arbeiterschaft gegen Ende der Weimarer Republik für die NSDAP stimmte. Damit erweist sich die NSDAP strukturell, nicht inhaltlich als Vorläuferin der späteren bundesdeutschen Volksparteien.

Warum diese seit Langem bekannten Annahmen jedenfalls in Alys Darstellung auf Unverständnis, Wut und Empörung stoßen werden, lässt sich leicht sagen: Gemäß seinem gar nicht so neuen, altliberalen Furor wider Kollektivismus und Egalitarismus war es schließlich vor allem die in der Weimarer Republik begonnene Expansion weiterführender Bildung und damit ausgerechnet die SPD, die die Schuld für die missglückte Modernisierung Deutschlands und damit auch für den weitverbreiteten Antisemitismus trägt.

Dabei geht es nicht um die fast schon triviale Feststellung, dass auch sozialdemokratische Funktionäre und Ideologen wie Franz Mehring antisemitische Vorurteile verbreiteten, oder darum, dass einige Sozialdemokraten tatsächlich Juden als "agilen Teil der bürgerlichen Klasse" bezeichneten. Nein, Kern von Alys provokativer These ist, dass die von der SPD forcierte Politik des sozialen Aufstiegs dazu führte, dass deren Nutznießer später die NSDAP wählten, die sozialdemokratische Umverteilungsagenda den Sozialneid gefördert und dass das sozialdemokratische Eintreten für soziale Gerechtigkeit den Wert individueller Freiheit und moralischer Verantwortlichkeit gemindert und dass die Utopie einer sozial gerechten Ordnung ein radikales, unversöhnliches Freund-Feind-Denken und eschatologische Fantasien genährt habe. Schließlich habe das marxistische Basis-Überbau-Schema Denkweisen gefördert, die die Juden als zu entfernenden Überbau ansahen.

Alys Fazit: "Auf solchen Wegen beförderten fast immer reformerisch gesinnte Sozialisten und verantwortungsvolle Sozialpolitiker der Kaiserzeit Denk- und Politikstile, die in den Weimarer Jahren – neu gemischt, um Kriegserfahrungen und nationalistische Ingredienzien ergänzt – gesellschaftliche Sprengkraft entwickelten. Zugespitzt formuliert: SPD und Gewerkschaften wollten das Gute und trugen auf eine für die Verantwortlichen kaum überschaubare Weise zum Bösen bei."

Der stärkste Einwand gegen Alys aus der Sache kaum zu belegenden Annahmen, die auch durch einzelne Zitate sozialdemokratischer Funktionäre nicht gestützt werden, liegt aber darin, dass Aly damit sein eigenes Ziel verfehlt.

Wollte er ursprünglich die nationalsozialistischen Verbrecher und Mitläufer aus ihrer vermeintlichen Fremdheit wieder in unsere Nähe rücken, sie damit moralisch belangbar machen und uns sensibilisieren, so verspielt er diese Absicht jetzt dadurch, dass er – kaum anders als die Apologeten der 1950er Jahre – Nationalsozialismus und Holocaust als Ergebnisse einer unvermeidbaren, tragischen Konstellation, deren trauriger Held die SPD ist, präsentiert. Ob Alys Bedenken gegen Egalitarismus und Kollektivismus diesen Preis wert sind?

Micha Brumlik ist Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und leitete 2000 bis 2005 das Fritz Bauer Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust.