Zwei links, zwei rechts

Die JVA Brandenburg an der Havel gleicht einer Hochsicherheitsfestung. Gerade hat man eine noch höhere Mauer um das in den frühen dreißiger Jahren gebaute Zuchthaus gezogen. In der NS-Zeit saßen hier Erich Honecker und Robert Havemann, danach die Gegner der SED. 1990 brachte man am Eingang eine Tafel für die "Opfer und Verfolgten der kommunistischen Gewaltherrschaft" an.

Als kleiner Junge, erinnert sich Häftling Nummer 746/09 im Besuchsraum, habe er sich die Haare wie Hitler geschnitten, sich auf einen Schemel gestellt und Führerreden gehalten. "Lustig" findet Horst Mahler seine Kindheitserinnerung und lächelt zufrieden. Der Exterrorist ist ein bulliger Mann. Er trägt eine randlose Brille, Dreitagebart und einen dunklen Pullover. "Links" und "rechts" – nichts als Begriffe, mit denen man ihn in eine Schublade stecken wolle. Er sei sich, sagt Mahler und räuspert sich bedrohlich laut, immer treu geblieben.

Der 75-Jährige blickt auf eine Biografie zurück, die mehr Schubladen hat als ein barocker Sekretär. Er war Mitglied der FDJ, dann einer schlagenden Studentenverbindung, dann der SPD, dann des SPD-abtrünnigen Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), dann der RAF. Zuletzt trat er in die NPD ein und wieder aus, forderte die Wiederherstellung des Deutschen Reiches und leugnete den Holocaust. Über allem, versichert Mahler, schwebe Hegel, dessen Werke er in seiner Brandenburger Zelle wieder studiert. Und nein, einen "Dachschaden" habe er nicht. Mahler klopft auf ein dickes Gerichtsgutachten, das er eigens mitgebracht hat und das ihm "keine Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung" bescheinigt. "Ein Schuss in den Ofen", freut er sich.

Es ist eine radikale, vielleicht gerade darin typisch deutsche Biografie, nicht die einzige dieser Art – wir werden auch noch die Bekanntschaft einer anderen rechtsgewendeten Apo-Größe machen, Bernd Rabehls. Die beiden eint ein ideologischer Schlingerkurs zwischen den politischen Extremen des 20. Jahrhunderts, zwischen Utopie und Auschwitz. Mahler verteidigte als Apo-Anwalt Fritz Teufel, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Rudi Dutschke, aber auch einen früheren SS-Hauptscharführer, der Häftlinge mit eiskalten Wasserduschen gefoltert und getötet hatte. Als RAF-Terrorist überfiel er Banken und ließ sich mit Baader und Ensslin in Jordanien für den bewaffneten Kampf ausbilden, sagte sich aber nach seiner Verhaftung 1970 von der RAF los. Sein Anwalt Otto Schily brachte Mahler damals die Werke des deutschen Staatsphilosophen Hegel in die Zelle. Seine ganze linke Vergangenheit sei ein "Missverständnis" gewesen, verkündete Mahler nach der Lektüre: Schuld an seiner Verwirrung sei Marx gewesen, und der sei "Murx!"

Seit 2009 sitzt er wieder ein, nun als Rechtsradikaler, verurteilt zu einer langjährigen Haftstrafe wegen Volksverhetzung. Und jetzt auch noch die Stasi-Sache. Er solle deren Inoffizieller Mitarbeiter (IM) gewesen sein, stand vorige Woche in den Zeitungen. Mahler hat darauf mit einer Erklärung aus dem Gefängnis reagiert: Da sei rein gar nichts dran. Unser Gespräch mit ihm in der Zelle liegt einige Monate zurück. Damals kam auch das Thema Stasi zur Sprache. Er zeigte im Rückblick auf die sechziger Jahre nicht die geringsten Skrupel, eng mit Stellen der DDR und auch der Sowjetunion zusammengearbeitet zu haben. Die Frage ist: Wie weit ging er?

Es gibt darüber nicht nur Mutmaßungen, es gibt Akten – zum Beispiel eine IM-Vorlaufakte über Mahler, die belegt, dass die Stasi ihn 1962 anwerben wollte. Darauf angesprochen, reagiert er verwundert: "Ach so? Das wäre für mich neu."

Aber dann sagt er über diese Akte: "Ich bin sehr dahinter her, denn mir wurde immer gesagt, meine Akten seien vernichtet. Ich habe zwar ein Stammblatt, aber ich habe keine...", er räuspert sich geräuschvoll, "...ich hatte Verbindungen zur SED in West-Berlin, und zwar ganz offen, ich habe mit denen Gespräche geführt. Als Horst Mahler, nicht als SDS-Vertreter. Das war eine persönliche Geschichte. Ich hatte auch Verbindungen mit russischen Korrespondenten der Nachrichtenagentur Tass. Dass die alle auch einen Geheimdiensthintergrund haben, ist für mich völlig uninteressant gewesen, das habe ich einfach vorausgesetzt. Das war kein Hinderungsgrund, mit denen politische Gespräche zu führen."

Und warum, glaubt er, war die Stasi an ihm interessiert? "Also, ich glaube schon, dass die sich gedacht haben, aus mir könnte mal was werden, und dann ist es schon interessant, da den Finger drauf zu haben."

Kein Verdacht, unter welcher Legende die Stasi mit ihm Kontakt aufnahm?

"Ich kann Ihnen die Namen derer nennen, mit denen ich damals Gespräche führte. Das war der Hielscher, der war Vorsitzender der SEW-Ortsgruppe in Berlin-Charlottenburg." Die SEW, die Sozialistische Einheitspartei Westberlins, war finanziert und gelenkt von der SED. Zudem habe er Kontakt zu einem gewissen Pjotr Kamaris gehabt, von der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass oder Nowosti, vielleicht sei der auch für beide tätig gewesen. "Der besuchte mich regelmäßig auch zu Hause. Wenn er mich bei irgendwelchen politischen Aktionen, wo ich Flugblätter verteilte, gesehen hatte, kam er auf mich zu und sagte: ›Chorst, Chorst, du kannst dich doch nicht hier hinstellen und Flugblätter verteilen, du bist für Höheres geschaffen.‹"

 IM Erich hatte Mahler im Visier

Hatte er je bewusst mit der Stasi Kontakt? "Nein, nie." Mahler lächelt. "Ich war sehr überrascht, als dann einer meiner engsten Freunde damals, der Walter Bartel, sich als Doppelagent entpuppte. Mit dem habe ich alles zusammen gemacht bis zur RAF, da hat er dann nicht mehr mitgemacht."

Das Gespräch kommt auf das linke Biotop West-Berlin. "Ich meine, ich hatte dann, in diesen wilden Tagen 1968, nach dem Attentat auf Rudi Dutschke...", Mahler hält inne, "...da habe ich dann durchaus auch im Einvernehmen offizielle Unterstützung von der SEW bekommen. Da war der Fenske, der später den Honecker ins Exil begleitet hat, in meinem Büro meine rechte Hand. Er hat Telefongespräche und meinen Terminkalender geführt, ich musste meine Anwaltspraxis weiterführen. Da gab es ’ne Kooperation, sicher. Das habe ich ganz offen vertreten und kein Geheimnis draus gemacht." Die Stasi-Vorlaufakte wird aber recht konkret.

In einem Bericht von 1964 heißt es: "Mit dem Kandidaten wurde von der HA XVIII (Volkswirtschaft) mit unserer Zustimmung ein Kontaktgespräch unter Legende geführt. Im Interesse der daraufhin eingeleiteten Maßnahmen durch die HA XVIII wird von einer Werbung unsererseits Abstand genommen." Unter Legende hieß: Der Stasimann kontaktierte Mahler mit einer falschen Identität. Mahler reagiert ausweichend. "Da kann ich mir nichts drunter vorstellen."

Es gibt noch mehr IM-Berichte von 1964 über ihn, verfasst von einem IM Erich, der 1994 als Dietrich Staritz enttarnt wurde, Professor für DDR-Geschichte und ehemaliger Spiegel-Redakteur. In einem Bericht heißt es: "Bemerkenswert an ihm ist, daß er in aller Offenheit politische Ansichten vertritt, die sich kaum von denen der SED unterscheiden, und sich auch nicht die geringste Mühe gibt, diese Identitäten zu verschleiern." Weiter heißt es im Bericht: "Er vertritt den Standpunkt, daß früher oder später die SED die führende Rolle in Westberlin ausüben wird."

Mahler: "Hmm."

Weiter: "Er selbst will jedoch nicht der SED in Westberlin beitreten, weil er befürchtet, in diesem Moment politisch kaltgestellt zu werden." Und: "Bei Mahler handelt es sich um eine sehr intelligente Person."

"Hmm."

Auch von der SDS-Delegiertenkonferenz 1962 berichtet IM Erich: "Einen ausgesprochen positiven Eindruck hinterläßt Horst Mahler, der sich mit aller Energie darum bemüht, die Lebensfähigkeit dieser ›Neuen Linken‹ zu beweisen [...]. Allerdings muß auch hier angemerkt werden, daß die Gerüchte auch ihn nicht verschont haben." Es bestehe "der berechtigte Verdacht, daß der Horst Mahler als Provokateur von irgendwelchen Stellen vorgeschickt wird".

Mahler lacht: "Das verfolgt mich mein ganzes Leben. Auch innerhalb der NPD."

 Die NPD als letzter Hort der Rebellion

Wir wissen nicht, ob Mahler Stasi-IM war. Aber wir ahnen, was ein solcher Verdacht für sein Selbstbild bedeutet: Ferngesteuert gewesen zu sein, nicht der große hegelianische Großdurchblicker, der die Widersprüche der Welt mit links jongliert, nur ein ordinärer Spitzel – das geht natürlich nicht. Das wäre ein herber Kratzer am XXL-Ego, auch vor den neuen Freunden von der NPD.

Die NPD – Mahler ist nicht der einzige Linksrebell, der zuletzt scharf rechts abgebogen ist. Auch die Ex-SDS-Mitglieder Bernd Rabehl, Günter Maschke und Reinhold Oberlercher haben die Rechtsextremen als letzten Hort wahrer Rebellion entdeckt. Maschke, Oberlercher und Mahler gehen so weit, die RAF als "Waffen-SDS" und die ausländerfeindlichen Brandstifter von Hoyerswerda und Rostock als geistige Erben der 68er zu bezeichnen.Die Weltsicht der Rechtsaußen-Rentner trifft einen wunden Punkt: Hat der Philosoph Jürgen Habermas recht behalten, der den rebellierenden Studenten "Linksfaschismus" vorwarf? Unterschieden sich diese gar nicht so sehr von ihren im Nazireich aufgewachsenen Vätern, gegen deren Mitläufertum und Verdrängung sie rebellierten?

Die 68er stellten Auschwitz ins Zentrum ihrer Bewegung, und zugleich banalisierten sie es. Wenn Vietnam, Iran, Kambodscha alle Auschwitz waren, wie es damals hieß, wenn das nukleare Wettrüsten die Gefahr eines "atomaren Auschwitz" bedeutete, war aus dem Holocaust und der deutschen Schuld eine leere Schreckensformel geworden.

Worte und Ideologien schillerten. Der Ex-RAF-Mann Peter-Jürgen Boock bezeichnete das Terroristentreffen, auf dem die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer geplant wurde, rückblickend als "unsere Wannsee-Konferenz".

Als Zeugin bei Mahlers Prozess erklärte Ulrike Meinhof, die Ikone der RAF, 1972: "Ohne dass wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen – denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vorging –, können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren." Sie stand damit, was heute erstaunt, nicht allein. "Die deutsche Arbeiterklasse ist zur Revolution erst dann fähig, wenn sie sich wieder mit ihrer Nation identifizieren kann", habe Rudi Dutschke immer gesagt, erinnert sich Mahler. Er ist nicht der Erste, der den früh verstorbenen Studentenführer als "deutschen Nationalisten" vereinnahmt. Das tut inzwischen auch Dutschkes einstiger engster Weggefährte Bernd Rabehl.

In seiner dunklen Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg sitzt der pensionierte Professor, Revolutionär der ersten Stunde, und macht seinem Herzen Luft: "Wir haben keine richtige Rechte und keine Linke mehr, sondern eine Art Einheitspartei aus SPD und CDU, eine Art NSDAP, nur in zwei Parteien gegliedert." Die Linkspartei sei gekauft, grollt Rabehl, eine Partei von Großagrariern. Und die NPD? "Ein Verfassungsschutzprojekt."

Rabehl, 73, kennt sich aus in allen ideologischen Lagern. Denn auch der einstige Theoretiker des SDS tritt heute bei NPD-Veranstaltungen auf und wettert in rechten Zeitungen wie der Deutschen Stimme gegen die "Überfremdung". Er kandidierte 2007 für die rechtskonservative Wählerinitiative "Bremen muß leben" und war 2009 für kurze Zeit als Bundespräsidentenkandidat von NPD und DVU im Gespräch.

Dabei lässt rein äußerlich nichts auf einen Gesinnungswandel des früheren Berufsrevolutionärs schließen: Rabehl trägt Jeans, Sandalen und Wollweste. Hinter ihm ranken sich Topfpflanzen bis zur Decke, und in den Regalen stapeln sich die Klassiker: Goethes Italienische Reise, Musils Mann ohne Eigenschaften. An der Wand lehnt eine Kalaschnikow, aber sie ist aus Legosteinen gebaut und gehört Rabehls Sohn. Auf den ersten Blick sieht das alles so aus, wie man sich einen Revolutionär in Rente vorstellt: irgendwo zwischen Dschungelcamp und bürgerlicher Bücherecke.

"Meine Tochter hat mich gefragt: ›Stimmt das, Papa, du wirst für die NPD kandidieren? Ich habe doch allen gesagt, du bist ein Linksradikaler‹", erzählt Rabehl und lehnt sich amüsiert zurück. "Für mich war das ein Spiel". Kurz vor der Nominierung zog Rabehl seine Zusage zurück. Seine Familie habe das gar nicht verstanden mit der Kandidatur, sagt er und lächelt herausfordernd. Dabei sei er doch nur sich selbst treu geblieben: "Ich bin rechts, weil es keine Linke mehr gibt."

Wie Dutschke kam Rabehl aus der DDR. Sein Vater war Stabsfeldwebel und Glücksspieler. Mitten im Krieg lassen sich die Eltern scheiden, Mutter und Kind bleiben im brandenburgischen Rathenow. Später singt der junge Rabehl im örtlichen Karl-Marx-Chor und wird Mitglied einer Agitprop-Theatergruppe. Doch als die Jugendweihe ansteht, lässt er sich lieber konfirmieren und schreibt seinen Abituraufsatz über Walter Ulbricht und das Ende der DDR. Er muss das Abitur nachholen und darf an der Humboldt-Universität statt Geschichte nur Landwirtschaft studieren. 1961 flüchtet Rabehl in den Westen und schreibt sich an der Freien Universität ein, wo er Dutschke begegnet. Sie treten dem SDS bei, und bald beginnt die große Zeit der Studentenrevolte.

Dutschke und Rabehl, der Redner und der Denker. Sie waren das Dream-Team der Apo, aber gleichzeitig auch Konkurrenten. Dutschke der Mozart der Massenproteste, der mit großer Geste Tausende zu rebellischen Begeisterungsstürmen hinreißen konnte. Rabehl der Salieri: radikal, doch zugleich kühl berechnend – und immer ein bisschen in Rudis Schatten. Als Dutschke mit dem Gedanken spielt, die amerikanische McNair-Kaserne in Berlin-Lichterfelde zu stürmen, gehört Rabehl zu denen, die warnen: Rudi, das sollten wir nicht machen.

 Der Ausverkauf der 68er-Generation

Der Bernd habe immer am Rand der Demonstrationen gestanden, spotten alte Genossen heute, am "wasserwerfer- und verhaftungssicheren Rand". Als die Studentenbewegung auseinanderfällt, fordert ihn sein Kommilitone Jan-Carl Raspe auf, bei der Gründung der RAF mitzutun. Aber Rabehl geht nicht in den Untergrund, er geht in die Wissenschaft – "aus Feigheit und aus Lebensfreude, obwohl ich sehr viel Sympathie für die RAF hatte". Du wirst Professor, habe damals Jan-Carl zu ihm gesagt, wirst eine große Wohnung haben, eine Pension kriegen, wirst immer das Gleiche reden und herumschwätzen, das wird langweilig. "Da habe ich ihm gesagt: Und ich weiß, was aus dir wird: Du lebst in zehn Jahren nicht mehr."

War das die Alternative: Tod oder Anpassung? Was ist mit dem berühmten "Marsch durch die Institutionen"? Auch Rabehl ging ein bisschen in den Untergrund, aber nur geistig: "Ich habe mich mehrfach auf Professorenstellen beworben, deshalb habe ich meine wirkliche Überzeugung, meine Verachtung gegenüber der SPD oder dem pluralistischen Parteiensystem, nicht mehr mitgeteilt."

Nach fünf Jahren in Brasilien kehrt Rabehl Anfang der neunziger Jahre heim "in ein Land, wo alles ruhig ist und die ehemaligen Linken keine Identität mehr mit sich selbst haben". Die meisten Deutschen sind glücklich in der liberalen, weltoffenen Gesellschaft. Apoland ist abgebrannt. Die 68er-Bewegung ist in der Mitte angekommen. Nur Rabehl nicht, der seit Jahren seinen Hass herunterschluckt wie ein schleichendes Gift.

Die Freie Universität, einst Hochburg der 68er-Revolte, ist zur Massenuniversität geworden, die meisten Studenten scheinen desinteressiert und unpolitisch. "Das hat mich immer geärgert, diese Apathie. Wenn man Seminare macht, und man sieht an den Gesichtern, die hören gar nicht zu." Rabehl wird angestellter Professor – kein Lehrstuhl, aber immerhin: endlich eine Stelle auf Lebenszeit. Dann beginnt er, in seinen Seminaren neben Marx und Lenin konservative Denker zu behandeln wie den umstrittenen Völkerrechtler und "Kronjuristen des ›Dritten Reichs‹" Carl Schmitt, die Philosophen Arnold Gehlen und Oswald Spengler. Es ist ein erster, kleiner Tabubruch an der linken Uni, und Rabehl erlebt ihn als Erfolg: "Die Kollegen haben gesagt, ich sei wahnsinnig. Aber meine Seminare wurden immer voller, denn jetzt war ich plötzlich die interessante Figur."

Derweil haben seine Genossen ihren Frieden mit der parlamentarischen Demokratie gemacht und werden Chefredakteure, Staatssekretäre, Fraktionschefs. "Hoffentlich wirst du nicht so", denkt sich Rabehl, "dass du dich mit allen versöhnst und sagst: Ja, wir vertragen uns. Jetzt gibt es nur noch Frieden." Eine Kunstpause, dann sagt Rabehl entschlossen: "Den ewigen Frieden gibt’s nicht."

Im Jahr 1998 hält er auf Einladung der schlagenden Burschenschaft Danubia in München einen Vortrag über 1968, in dem er Rudi Dutschke als Nationalrevolutionär ausruft und vor der "Zerstörung von Volk und Kultur" durch "politische Überfremdung" warnt. Auch Horst Mahler ist anwesend.

Was war in Rabehl gefahren? "Als Agitator spiele ich oft mit den Situationen", lächelt er, "kann sein, dass das da aus den Nähten geplatzt ist." 2006 trat er auf einer Veranstaltung der NPD-Zeitung Deutsche Stimme als Podiumsredner auf. "Ein Riesen-Rockfest", schwärmt Rabehl, "ein Teil waren Rummelgestalten, wo man in der S-Bahn sofort an der nächsten Station aussteigen würde, aber es gab auch richtig gute Gesichter." Hier ist er der Denker, der Guru, endlich wieder. Hier schauen sie zu ihm auf, Hunderte, ja Tausende junge Menschen, denen er die Welt erklärt wie einst. Aber hatte er als alter Linker keine Bedenken, sich jetzt mit Leuten wie NPD-Chef Udo Voigt zu zeigen?

"Nö, wieso?"

Was ist mit den Nazis, den Rassisten und Antisemiten in der NPD?

"Ich fand das interessant, vor diesen Leuten zu reden."

 Die ganz Rechten und die ganzen Linken sind auch ein Bündnis

Als die Grünen gegründet werden sollten, erzählt Rabehl, hätten er und der Rudi oft über die Frage diskutiert, ob man auch Nazis einbeziehen sollte, und der Rudi habe gesagt: Doch, in unserer Situation kann man mit Nazis, wenn sie nicht zum Rassismus stehen. Der große Fehler der Linken sei 1968 gewesen, nicht mit der NPD in Verbindung getreten zu sein, das habe der Rudi gesagt, sagt Rabehl treuherzig, denn die NPD wäre damals fast in den Bundestag gekommen, und sie sei eine Jugendbewegung gewesen. Sagt der Bernd, denn der Rudi kann ja nichts mehr sagen, der ist ja tot.

Tatsächlich hatte Rabehl schon 1967 nationalrevolutionäre Losungen verkündet wie diese: "Die marxistische Linke muß Ansätze des Nationalismus weitertreiben, gerade auf den neuralgischen Punkt, daß Deutschland geteilt wurde durch den Bundesgenossen USA." Aber galt das auch für Dutschke? Viel spricht eher dafür, dass die Umdeutung des Mythos Dutschke die geistige Grundlage einer neuen rechtsnationalen Opposition werden soll, die mangels eigener Köpfe ihre intellektuellen Vordenker aus dem Lager abtrünniger Linksrebellen rekrutiert.

"Ich habe mich immer als Krieger begriffen", sagt Horst Mahler und lächelt herausfordernd. Gern erinnere er sich an die Rede, die er vor einer NPD-Versammlung in der Passauer Nibelungenhalle gehalten habe: "Es ist immer ein grundsätzlicher Unterschied, ob Sie vor 50 Leuten reden oder vor 6000. Da kommt was rüber. Da merken Sie was, das ist ein Geist, der sich da zeigt."

Die ganz Rechten und die ganz Linken: Es ist ein Bündnis auf Gegenseitigkeit. Denn während Schröder, Fischer und Schily sich durch die Institutionen regiert haben, ist den Mahlers und Rabehls das Publikum weggelaufen. Rechtsaußen ist das letzte Tabu, das einzige Publikum für alternde Revolutionäre. Und – der Wunsch wurde irgendwann übermächtig, sich mit den Eltern und der eigenen Geschichte zu versöhnen.

"Ich wollte einer von den ›anderen Deutschen‹ werden", gab Mahler einmal als Beweggrund für seine RAF-Mitgliedschaft an. Sein Vater sei ein überzeugter Nationalsozialist gewesen, der sich 1949 das Leben nahm, "als für ihn die Sache nicht mehr zu ertragen war", erzählt Mahler. Heute ist er mit sich und mit der "Tätergeneration" seiner Eltern im Reinen, vergleicht Dutschke mit Jesus und Hegel mit Hitler. Hegel habe erkannt, doziert Mahler im Besucherraum, dass nur im Widerspruch die Wahrheit liege.

Es ist das letzte Kokeln eines geistigen Brandsatzes, mit dem die Vordenker der 68er einst ihre Revolution entfachten: der Dialektik. Utopie oder Auschwitz, Sozialismus oder Faschismus, Freiheit oder Unterdrückung. Es war ein typisch deutscher Weg zwischen den Extremen, den die 68er gingen, beflügelt von Ideen, die, je radikaler, desto fanatischer aufgegriffen wurden. Der erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht, schrieb Hannah Arendt, liege in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.

Dass ihre Revolution wenig mit der politischen Wirklichkeit zu tun hatte, erkannten viele Revolutionäre spätestens dann, als sie selber an die Macht kamen. "Nur Idioten ändern sich nicht", sagt der ehemalige Apo-Anwalt und spätere Innenminister Otto Schily heute. Vielleicht hat sein einstiger Weggefährte Horst Mahler doch recht: Er, Mahler, ist sich immer treu geblieben.