Julija Timoschenko machte aus dem Schauprozess eine Personality-Show: Sie stand vor dem Richter nicht auf, nannte ihn eine Marionette des Präsidenten und verglich ihn mit einem blutsaugenden Parasiten. Sie sprach von einer »Clownade« und verlangte bei der Zeugenvernehmung des jetzigen Premierministers einen Dolmetscher für die Staatssprache Ukrainisch, weil er Russisch sprach. Dabei ist Russisch Timoschenkos Muttersprache. Am Freitag ließ das Gericht sie schließlich wegen respektlosen Verhaltens festnehmen. Seitdem feiert sich Timoschenko als politische Märtyrerin. Noch vor der Haft versicherte sie ihren Anwälten schriftlich, sie neige nicht zum Selbstmord.

Zwar wird sie damit nicht mehr wie damals Tausende auf die Kiewer Straßen bewegen können. Zu sehr sind die meisten Menschen, die einst für die Revolution demonstrierten, enttäuscht. Aber sie kann sich zum Opfer des autoritären Regimes stilisieren. Vertreter westlicher Staaten rügten bereits den Prozess. Sogar Moskau bezog unerwartet deutlich für Timoschenko Stellung. Russland geht es vor allem darum, den vereinbarten Gaspreis zu retten, den Präsident Janukowitsch korrigieren will.

Janukowitsch hat sich verrechnet. Russland stellt sich weiter gegen ihn. Seine Versuche, die Ukraine auf Auslandsreisen als modernen und demokratischen Staat darzustellen, sind in sich zusammengefallen.

Während sich die Politiker bekriegen und Richter beschimpft werden, verfällt bei den Wählern der letzte Rest Vertrauen in die Justiz und die politische Klasse. Timoschenko könnte allerdings als Gewinnerin dastehen, wenn die Bühne im Gerichtssaal ihr den Weg zurück zur Macht ebnet.

Doch die Ukraine braucht keine Rächerin in eigener Sache im Präsidentenpalast. Sie braucht eine neue Generation Politiker, die Staatsämter nicht als Besitz betrachten und für die Werte, die sie verkünden, einstehen. All das also, worauf man 2004 schon gehofft hatte.