ZEITmagazin: Schönheit bedeutet doch auch Freiheit.

Roche: Nach Schönheit zu hecheln heißt, sich selbst ein Gefängnis zu bauen. Ich sehe viele Frauen, die stundenlang ins Fitnessstudio gehen, um minimale Veränderungen an ihrem Körper zu erreichen. Männer nehmen das oft gar nicht wahr. Ich will so sein, wie ich bin: Ich bin klein, meine Beine sind kurz, mein Arsch ist, wie so ein Arsch eben ist. Ich mache keine Übungen mehr für meinen Hintern. Ich habe keine Lust mehr darauf.

ZEITmagazin: Du hast einen ziemlich geilen Arsch, und das weißt du auch. Kannst du nicht gerade deshalb die Freiheit des Körpers fordern, weil du alle Schönheitskriterien erfüllst? Wir können erst von den Zwängen reden, wenn wir die Normen erfüllen. Wir können über Sex reden, weil wir nicht so aussehen, als hätten wir keinen.

Roche: Ich ertrage diese Frauen nicht mehr, die nie essen, worauf sie Lust haben. Bis vor Kurzem war ich selbst magersüchtig. Ich merke den Frauen ihr Leiden sofort an, ich sehe, wenn ein Körper nicht das bekommt, was er fordert. Ich finde Frauen, die langsam verfallen, viel schöner. Das ist eine Gelassenheit, von der ich glaube, dass sie auch Männer anzieht. Ein Frauenbauch, Stillbrüste, Hängebrüste – Frauen sollten das an sich akzeptieren, dann können sie sich auch im Bett gehen lassen.

ZEITmagazin: Du warst magersüchtig?

Roche: Ja. Aber wie so viele Süchte, die ich hatte, ging auch die dank der Therapie vorbei und wurde durch andere Süchte abgelöst: Alkohol, Shopping – you name it, I had it! Ich glaube, dass Bilder uns Frauen krank machen. Wir sind ständig mit retuschierten Fotos von Frauenkörpern konfrontiert, irgendwann glauben wir, wir müssten so aussehen. Das hat mich krank gemacht. Aber wenn man sich von diesen Bildern fernhält, wird man wieder gesund! Jetzt esse ich, was ich will, wann ich will, und habe nicht mehr so eine magersüchtige angespannte Ausstrahlung.

ZEITmagazin: Du bist eine schöne Frau.

Roche: Ich finde mich nicht schön. Wenn es mir schlecht geht, finde ich meine Brüste zu klein, und auch alles andere gefällt mir nicht. Es mag sein, dass ich schlanker bin als andere und dicke Frauen denken: Charlotte, halt die Fresse! Aber ich möchte über meine Komplexe reden.

ZEITmagazin: Du hast von deinem ersten Roman "Feuchtgebiete", in dem es um die 18-jährige Helen Memel geht und ihren Umgang mit der Sexualität, so irre viele Exemplare verkauft, mehr als zwei Millionen.

Roche: Ja, ich erinnere mich.

ZEITmagazin: Bedeutet so ein Erfolg auch Macht?

Roche: Wenn ich etwas schreibe, dann habe ich den Anspruch, dass es absolut neu ist. Ich will, dass es so etwas noch nicht gibt. Außerdem sollen meine Bücher mutig sein. Ich will darin fast bis zur Selbstaufgabe ehrlich bleiben. Bei Feuchtgebiete habe ich dann erlebt, dass sich ganz viele Leute dahinter versammelt haben. Eine tolle Erfahrung! All die pornografischen Sachen, also der Duschkopf in der Vagina und so, das waren ja lustige Übertreibungen. Aber die ernsten Dinge, die mir wichtig waren, fanden auch die Leser wichtig. Wenn ich dann vor jungen Frauen lese, die alle an den richtigen Stellen lachen, und merke, dass man für die sprechen kann, ist das eine große Aufgabe. In solchen Momenten sage ich mir: Ich darf die nicht verraten! Und wenn das die Macht ist, von der du sprichst, ja, dann habe ich welche. Macht im Sinne von Verantwortung.

ZEITmagazin: Du selbst hast dir nie einen Duschkopf zwischen die Beine geschoben?

Roche: Rein? Bist du bekloppt? Nein!

ZEITmagazin: Die Hauptfigur in deinem neuen Buch "Schoßgebete" heißt Elizabeth. Sie ist seit acht Jahren verheiratet und hat mit ihrem Mann klassischen Beziehungssex: gut und befriedigend, durchchoreografiert und vertraut. Einen Sex, der aber irgendwann an seine Grenzen stößt. Mit Helen Memel hat Elizabeth anscheinend nicht viel zu tun.

Roche: Gar nichts. Elizabeth ist älter, vernünftiger als Helen. Und sie ist viel tiefer beschädigt.

ZEITmagazin: Versteht man "Feuchtgebiete" erst, wenn man "Schoßgebete" gelesen hat?

Roche: Ja, das kann sein.

ZEITmagazin: Ich würde sogar sagen: Im Rückblick erscheint Helen Memel aus "Feuchtgebiete" als reine Kunstfigur.

Roche: Das war sie auch.