Die Frauen tanzten Charleston und rauchten Zigaretten mit Spitze. Berlin war eine Weltstadt, alles war unglaublich mondän. Die zwanziger Jahre sind nach den Siebzigern das am meisten bewunderte Modejahrzehnt. Warum können wir heute nicht mehr so gut aussehen?, wird gefragt. Und immer wieder meinen Modedesigner, man könne sehr wohl wieder so gut aussehen, und zitieren die Zwanziger in ihren Kollektionen. Gerade rollt wieder eine Zwanziger-Welle über die Laufstege. Bei Hermès tauchen die knappen Käppchen auf, bei Prada Paillettenkleider, und Louis Vuitton legt Feder-Ohrringe auf. Wie in den zwanziger Jahren werden die Frisuren auf Kinnlänge geschnitten, und bei den Kleidern rutscht die Taille herunter. So wie bei den GarÇonnes, den androgynen Damen, die in den Salons öffentlich Alkohol tranken.

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Doch trotz aller Zitate fehlt ein entscheidendes Element der Zwanziger. Man darf eben nicht nur auf die Kleidung schauen, möchte man verstehen, warum die Menschen einer gewissen Zeit eine bestimmte Ausstrahlung hatten. Die jungen Frauen der zwanziger Jahre befreiten sich vom Graus des Ersten Weltkriegs und aus der Beengung ihrer Geschlechterrolle. Es war ein Wagnis, so zu sein wie sie – machten sie sich doch gleichzeitig anziehend und abstoßend in den Augen ihrer Zeit. Aber wer will schon wirklich zurück dorthin? Es war eine Gesellschaft kurz vor dem Untergang. Man lebte in einer Demokratie, die nicht funktionierte, von einer Wirtschaft, die von Krisen geschüttelt war. Die Zwanziger waren eine exzessive Party am Vorabend des Untergangs der ganzen Welt, in der diese Party lief. Es bleibt uns also zu hoffen, dass die zwanziger Jahre nicht zurückkommen, auch wenn wir alle dabei etwas langweiliger aussehen.

Vielleicht können wir uns dem Geist jener Zeit etwas annähern, indem wir uns dem Fächer widmen – Louis Vuitton hat einen schönen mit Straußenfedern im Angebot. Fächer wurden seinerzeit (wie schon im Barock) keineswegs nur zum Luftfächeln verwendet, sie waren auch ein Kommunikationssystem. Laut einem Wörterbuch der Fächersprache, welches ein Hersteller damals veröffentlichte, bedeutete, den Fächer über die Wange zu ziehen: "Ich liebe Sie!" Und durch die Hand zu ziehen: "Ich hasse Sie!" Viel mehr gibt es ja heute auch nicht zu sagen.