Die Grillen zirpen, Herr Gül atmet schwer, als er den Kinderwagen samt dreijähriger Tochter den Hügel hinaufschleppt. Nur noch wenige Meter, dann ist der Gipfel erreicht. Vorbei am kleinen Unterstand, dessen Holzverkleidung mit den Namen ehemaliger Besucher vollgeritzt ist: Hasan war hier, Ibrahim auch, ebenso Ramazan, Eser und Fatma. Die Güls schaffen das letzte Stück, dann atmen sie tief durch. Aus 600 Meter Höhe blicken sie in die Weite, aufs Pittental und in die Bucklige Welt, auf Felder, Wälder, Flüsse und die Papierfabrik eines ehemals mächtigen FPÖ-Politikers. Herr Gül zwinkert Bruder, Schwägerin, seiner Frau und den Kindern zu, er ist zufrieden. Duftender Reis, Salat, Fleischbällchen und honigtriefende Süßigkeiten warten darauf, ausgepackt zu werden. Es ist kurz vor Ramadan, Traumwetter und Sonntag – gute Gründe für ein Picknick im Schatten des Halbmonds.

Hier, 17 Kilometer von Wiener Neustadt entfernt, gut sichtbar, aber dennoch kaum beachtet, hat sich der Türkensturz zum beliebten Ausflugsziel für türkischstämmige Familien etabliert – Geschichtsverklärung inklusive.

Auf der Spitze des schroffen Hügels wird der Wunschtraum rechtspopulistischer Parteipropaganda-Zentralen wahr: Hier steht Österreichs einziger Gipfelhalbmond. Weiß-metallisch blitzt er an Sonnentagen vom Hügel herunter. Erst wer genauer hinschaut, bemerkt auch das etwas weiter unten stehende viel größere Gipfelkreuz.

Dass es bis heute keine Hetzreden oder Bürgerinitiativen gab, die zur Rettung des Abendlandes die prompte Demontage des Gipfelmonds forderten, liegt daran, dass es Christen waren, die den Halbmond montierten: Im Jahr 1824 ließ Johann I. Fürst von Liechtenstein die künstliche Ruine als Mahnmal des christlichen Triumphs über die Türken errichten -– wer später den Halbmond montierte, weiß bis heute keiner so genau. 1532, während der ersten Türkenbelagerung Wiens, sollen "wütende Bauern" osmanische Angreifer zuerst auf den Hügel und dann in den Abgrund gejagt haben. Bunt bemalte Schautafeln am Gipfel und am Fuße des Hügels zeugen ebenso davon wie allerlei Namensgebungen in der Umgebung – Naturpark Türkensturz, Gasthaus Türkensturz oder der Türkensturzweg.

Doch Legenden sind bekanntlich dehnbar, sie laden ein, Unerwünschtes wegzulassen und Neues dazuzudichten. So pflegt es auch Herr Gül zu tun. "Kennen Sie die Geschichte des Hügels?", fragt er, und erzählt seine Version des Absturzdramas. Er dichtet nicht viel dazu, vertauscht nur geflissentlich die Akteure. Bei ihm waren es die hiesigen Kämpfer, die von den Osmanen in den Abgrund geschubst wurden. Die kleine Picknickfläche mit dem verdorrten Gras ist Güls persönlicher Heldenplatz.

Herr Keçik, 42-jähriger Familienvater aus Neunkirchen, erzählt die Geschichte anders. Mit seiner Großfamilie sitzt er am Fuß des Hügels, an einem Holztisch im Schatten, gut gekühlt von einem kleinen Bach, der hier vorbeifließt. Keçik sieht die osmanischen Kämpfer, die hier ihren Tod gefunden haben sollen, als Kriegsopfer. Auch die Verehrung der Märtyrer ist für manche ein Grund, zum Türkensturz zu pilgern. "Wir kommen immer hierher", sagt Keçik. "Weil es so schön ist." Früh am Tag sichern sie sich die besten Plätze, bis zum späten Nachmittag bleiben sie hier. Ja, ein "beliebtes Ausflugsziel bei türkischen Familien" sei der Türkensturz, sagt auch der Sprecher des Türkischen Kulturvereins in Wiener Neustadt. Das liege aber nicht nur an der Symbolik des Orts. Es habe sich einfach herumgesprochen, dass es ein schöner Platz für ein Picknick sei – Halbmond hin oder her. Auch Familie Keçik kommt nicht nur wegen des geschichtsträchtigen Bodens hierher. Trotzdem: Immer wenn Besuch aus dem Ausland komme, "dann zeigen wir ihnen den Platz und erzählen die Geschichte", sagt Keçik. "Der Ort hat bis jetzt allen gefallen."

Die Attraktion Türkensturz ist über die Grenzen hinweg bekannt – nur in der eigenen Gemeinde scheint man sich nicht für sie zu interessieren. Geschichte, so scheint es, wird hier nicht verklärt, sondern gleich völlig ignoriert: "Der Halbmond? Ach, den hat irgendwer in den sechziger Jahren montiert", sagt ÖVP-Vizebürgermeister Johann Kahofer: "Aber wer genau, das wissen wir auch nicht. Mit den Türken hat das aber gar nix zu tun."

Herr Gül sieht das anders. "Das ist ein besonderer Ort", sagt er, und grinst: "Hier haben wir euch besiegt."