Der Rebell, der zur Stimme der tunesischen Revolution wurde und von dem nicht wenige sagen, er sei es gewesen, der ihnen den Mut gegeben habe aufzustehen, sitzt fast schüchtern am Pool eines Hotels seiner Heimatstadt Sfax an der Ostküste. Den Bart fein geschnitten, blasslila Polohemd – er sieht aus wie die meisten Mittelklasse-Kids hier. Immer wieder schaut er verlegen zu seinem Manager. Er scheint noch nicht ganz angekommen in dieser neuen Welt aus Presseterminen, klingelnden Handys und Konzerten. Noch vor knapp einem Jahr war er irgendein Rapper, unbekannt selbst in seiner Heimatstadt. Nun steht er auf der Time- Liste der 100 einflussreichsten Menschen 2011. "Es ist alles sehr neu für ihn", sagt Sofien Siala, der ihn managt und dessen Telefone unentwegt klingeln, während Hamada Ben Amor seine Geschichte erzählt.

Die drei Tage, in denen er zum Star wurde, waren Tage der Angst. Am 6. Januar um fünf Uhr früh stürmten 30 Geheimpolizisten sein Elternhaus, holten ihn aus dem Bett und brachten ihn ins Innenministerium in Tunis. "Vergiss deinen Sohn", sagten sie der Mutter. Und als der angsterfüllte Bruder fragte, warum sein kleiner Bruder verhaftet werde, hieß es: "Er weiß schon, weswegen." Was war passiert?

Im November 2010 hatte Hamada, der sich El Général nennt und seit Jahren Auftrittsverbot hatte, einen Song aufgenommen, Rais Lebled – "Der Präsident des Landes" –, im kleinen Studio eines Freundes. Ein Mischpult, ein Mikro, ein PC, mehr brauchte es nicht, um die Hymne der Jasminrevolution zu produzieren. Am 7. November, dem Jahrestag der Machtübernahme des Präsidenten Ben Ali, veröffentlichte er das Lied auf Facebook. Ein Lied, in dem sich die ganze Wut der Jugend entlud: "Herr Präsident, dein Volk stirbt, / das Volk isst Dreck. / Schau, was passiert, / das Elend ist überall." Worte, mit roher Wut hingeschleudert. Zeilen, die bald auch in Kairo und in Bahrain auf den Straßen zu hören sein würden.

"Angst habe ich immer gehabt", sagt er jetzt am Pool und bewegt dabei kaum die Lippen, die Augen versteckt er hinter einer schwarzen Armani-Sonnenbrille. Alle hatten Angst, die Freunde, die Familie. Seine Eltern waren immer gegen seine Musik gewesen, sie wussten, was das Regime mit seinen Gegnern machte. Am Tag seiner Festnahme wurde seine Mutter krank – die Nerven. "Aber ich musste das tun. Ich fühlte mich dazu berufen, ich konnte das Elend um mich her nicht mehr ertragen."

Am eigenen Leib hat er Korruption und Ungerechtigkeit nie erfahren. Seine Mutter betreibt einen Buchladen, sein Vater ist Arzt, eine klassische Mittelklassefamilie. "Aber ich habe es doch bei meinen Freunden gesehen: Wer kein Geld hatte, der hatte keine Rechte."

El Général erzählt von seinem ersten Konzert in Tunis, wenige Tage nach Ben Alis Flucht, vor 30.000 Leuten. Wie das war, das erste Mal auf einer Bühne? Er lächelt. Es ist ein junges Lächeln voll Stolz. Er sagt: "Ich mache das nicht für mich. Natürlich, ich verdiene jetzt gutes Geld, Gott sei gepriesen, aber ich tue es für Tunesien. Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt und werde es weiter tun." Nur wählen gehen im Oktober, das will er nicht. "Keiner vertritt El Général!" In dem angedeuteten Grinsen im sonst so ernsten Gesicht zeigen sich erste Spuren der Arroganz des schnellen Erfolgs, der einem jungen Mann zu Kopf steigen kann.

Keiner hatte bis dahin so unverblümt Justizwillkür, Polizeigewalt und Armut angegriffen wie Hamada. Und wer kann in einem Land, dessen Altersdurchschnitt unter 30 Jahren liegt, das Volk besser erreichen als ein 22-Jähriger, der die Sprache der Jugend spricht?