1915 wechselte Erzberger ins Friedenslager, warb zudem für eine Parlamentarisierung des Kaiserreichs, bis in die letzten Kriegsmonate allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Erst als Kaiser Wilhelm II. am 3.Oktober 1918 Prinz Max von Baden zu seinem (letzten) Reichskanzler ernannte, der nur etwas länger als fünf Wochen amtierte, wurden unter dem Druck außenpolitischer Erwartungen – keinen Frieden mit dem alten Regime! – erstmals Mitglieder der die Regierung tragenden Reichstagsfraktionen in das Kabinett aufgenommen. Knapp vier Wochen später wurde die konstitutionelle Monarchie verfassungsrechtlich verankert.

Doch kam dies alles viel zu spät, zumal Deutschlands heimlicher Militärdiktator General Erich Ludendorff , noch bevor Prinz Max überhaupt eine Regierungserklärung abgeben konnte, ultimativ darauf bestanden hatte, dass Deutschland sofort um einen Waffenstillstand nachsucht. Was sollte da noch der Versuch des Prinzen und Reichskanzlers erbringen, zwischen dem Pausieren und dem Niederlegen der Waffen subtil zu unterscheiden, als hätte das Reich den Krieg je wieder aufnehmen können.

So musste also Erzberger als Leiter der Waffenstillstandskommission zum französischen Marschall Ferdinand Foch nach Compiègne bei Paris reisen. Er sollte in der aussichtslosen Lage Erleichterungen erwirken, doch Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg ließ ihn wissen: "Gelingt die Durchsetzung dieser Punkte nicht, so wäre trotzdem abzuschließen." Dass unter diesen Umständen der Versailler Friede ein Diktatfriede wurde, war auf lange Sicht gewiss fatal, aber in Ermangelung aller Machtmittel im Jahr 1918 weder durch das alte, einstürzende Kaiserreich noch durch die junge Republik zu verhindern: "Wer den Krieg verliert, verliert den Frieden..."

Das Ende des Kaiserreichs war nicht das Ende der Laufbahn Erzbergers. Im Kabinett des SPD-Kanzlers Philipp Scheidemann Minister ohne Ressort, wurde er am 21. Juni 1919 im Kabinett Gustav Bauers (ebenfalls SPD) zum Finanzminister ernannt. In wenigen Monaten setzte er, was einem Paul Kirchhof unter Friedensbedingungen heutzutage nie gelingen würde, eine völlig neue Finanzverfassung für Deutschland durch, vor allem eine einheitliche Finanzverwaltung. Auf diese Weise stellte er das Reich auf eigene fiskalische Beine und schuf ein Steuersystem, das im Grundsatz bis heute Bestand hat und das die materiellen Privilegien der Besitzbürger im Sinne der Leistungsgerechtigkeit stutzte. Allein diese enorme Tat müsste ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte unserer Republik sichern.

"Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen"

Indessen trug es ihm neue Schmähungen ein. So griff ihn der vormalige Reichsvizekanzler Karl Helfferich – ein Finanzexperte und führender Politiker der rechtsextremen Deutschnationalen Volkspartei – aus Hass (und wohl auch aus Konkurrenzneid) mit einer Hetzschrift an. Unter dem Titel Fort mit Erzberger! warf er darin dem Finanzminister die Vermischung seiner politischen Tätigkeit mit Geldinteressen vor, ganz zu Unrecht. Die auf dem rechten Auge blinde Justiz verurteilte Helfferich nur zu einer geringen Geldstrafe, Erzberger trat als Finanzminister zurück, um seine politische Rehabilitierung zu betreiben. Seine Partei stellte ihn für die Reichstagswahlen am 6. Juni 1920 neuerlich als sicheren Kandidaten auf, ein Jahr später, wenige Tage vor seinem Tode, wurde Erzberger vollständig entlastet. Nun hätte er seine Laufbahn fortsetzen können.

Doch am 26. August 1921 lauerten zwei ehemalige Marineoffiziere im Auftrag der rechtsextremen "Organisation Consul" dem Urlauber Erzberger auf einem Spaziergang bei Bad Griesbach auf. Schon anderthalb Jahre zuvor hatte ein vormaliger Offiziersanwärter versucht, Erzberger beim Verlassen des Gerichtsgebäudes nach einer Verhandlung im Helfferich-Prozess zu erschießen. Damals war die Kugel an seiner Uhrenkette abgeprallt. Seiner Tochter hatte er noch im Frühjahr 1921 in seinem anrührenden Gottvertrauen gesagt: "Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen."

Diesmal gab es tatsächlich kein Entkommen. Acht Schüsse streckten ihn nieder. Die Mörder waren bald identifiziert: Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen. Sie konnten zunächst ins Ausland entkommen. Nach der Machtübernahme der Nazis profitierten sie von einer am 21. März 1933, zwei Tage vor dem Ermächtigungsgesetz, ergangenen Amnestie des Reichspräsidenten für "politische Verbrechen". Zu diesem Datum hätte eine solche Amnestie laut Verfassung noch der Zustimmung durch ein Reichsgesetz bedurft, die aber unterblieb.

Dieser Punkt sollte 13 Jahre später eine Rolle spielen. Denn die im November 1946 erhobene Anklage gegen Tillessen wurde von den Richtern in Freiburg unter Berufung auf jene Amnestie niedergeschlagen. Die französische Besatzungsmacht aber ließ das Urteil kassieren und verwies den Fall zur Neuverhandlung nach Konstanz – auch unter Hinweis auf die Nichtigkeit der Amnestie.

So hat eine ungewöhnliche Verbindung aus nachgeholter Weimarer Verfassungstreue und Siegerjustiz wenigstens zu einem späten Minimum an Gerechtigkeit geführt: Tillessen wurde 1947 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, sein Mittäter Schulz im Juli 1950 zu zwölf Jahren. Schulz und Tillessen wurden 1952 auf Bewährung entlassen. Tillessen, der über seiner Tat seelisch zerbrochen war und echte Reue empfand, wurde 1958 begnadigt; die Witwe Erzbergers hatte sich schon 1946 dafür eingesetzt.

Das Gedenken an Matthias Erzberger jedoch blieb lange zurück hinter der Erinnerung an Walther Rathenau, der zehn Monate später den Fememördern der " Organisation Consul " zum Opfer fiel – und das, obwohl das Wirken Erzbergers letztlich bedeutsamer war. Hierin wirkte offenbar das Klassenvorurteil nach. Über den Industriellen und großbürgerlichen Intellektuellen Rathenau schrieb Harry Graf Kessler eine Biografie – der kleinbürgerliche Demokrat Erzberger war ihm (und vielen anderen) kein Gedenkblatt wert. Und bis auf den heutigen Tag erinnert im Straßenbild der Reichs- und Bundeshauptstadt Berlin kein einziges öffentliches Zeichen an diesen Opfergänger unserer Demokratie.

Die Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in seinem Geburtshaus in Münsingen-Buttenhausen, Mühlsteige 21, ist von April bis Oktober sonn- und feiertags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Tel. 07381/182115; Katalog 12,50 €. Am 26. August erhält, im Rahmen einer Gedenkstunde, der Festsaal des Bundesfinanzministeriums in Berlin offiziell den Namen Matthias-Erzberger-Saal.