Eine Affenliebe – Seite 1

Ich habe nie eine bescheidenere Berühmtheit als Jane Goodall kennengelernt. Wir trafen uns in einem Münchner Hotel, die legendäre Verhaltensforscherin hatte eine anstrengende Vortragsreise durch Österreich hinter sich und die Schweizer Premiere eines Films über ihr Leben vor sich. Aber die 77-Jährige redete nicht nur mit höchster Präsenz und einer sehr britischen Selbstironie, sie hörte auch mit einer Aufmerksamkeit zu, wie ich sie selten erlebe.

Dabei soll nach einer amerikanischen Untersuchung nur ein Wissenschaftler mehr Menschen bekannt sein als sie – Albert Einstein. Goodall selbst würde wohl widersprechen, wenn man seinen und ihren Namen in einem Atemzug nennt, denn sie hat nicht einmal studiert. Eine Pioniertat ähnlich der Erschaffung der Relativitätstheorie war es gleichwohl, als sie nach Abschluss einer Sekretärinnenschule 1960 im ostafrikanischen Gombe-Nationalpark in Tansania das Leben der Schimpansen zu erforschen begann. Nie zuvor hatte ein Mensch längere Zeit auf den Spuren wilder Menschenaffen verbracht. Und was Goodall entdeckte, eröffnete nicht nur ein neues Verständnis unserer nächsten Verwandten. Ihre Forschungen waren auch wegweisend für unseren Umgang mit Tieren überhaupt.

Als wir bei unserem zweiten Treffen einen Tag später durch die Isaranlagen spazierten, brachte Goodall plötzlich so täuschend echt Schimpansenlaute hervor, dass Passanten sich umdrehten. Offenbar fürchteten sie, ein entlaufenes Tier treibe sich im Park herum.

ZEITmagazin: Frau Goodall, es heißt, Sie haben Schwierigkeiten, sich Gesichter zu merken.

Jane Goodall: Lange Zeit hielt ich es für geistige Trägheit, wenn ich Menschen nicht wiedererkannte. Dann erklärte mir Oliver Sacks, der Neurologe, dass ich an einer wohl angeborenen Störung leide, Prosopagnosie. Kurioserweise betrifft sie nur die Erinnerung an Gesichtszüge.

ZEITmagazin: Wir könnten uns morgen auf der Straße begegnen, und Sie würden mich nicht erkennen?

Goodall: So schlimm ist es bei mir nicht. Ich scheitere an Durchschnittsgesichtern, an Ihres würde ich mich erinnern.

ZEITmagazin: Ich habe dieselbe Störung wie Sie. Am schlimmsten war es, wenn ich meine eigenen kleinen Kinder in der Kitagruppe nur an ihrer Kleidung erkannte.

Goodall: Prosopagnosie kann wirklich demütigend sein. Wenigstens geht es uns besser als dem armen Oliver Sacks, der auch daran leidet. Dem fehlte jede Ahnung vom Gesicht seiner Sekretärin – obwohl er sie zehn Jahre lang täglich in seinem Vorzimmer sah!

ZEITmagazin: Haben Sie auch mit Schimpansengesichtern Probleme?

Goodall: Dieselben. Ich behalf mich, indem ich mir bestimmte Merkmale ihrer Gesichter gezielt einzuprägen versuchte. Zudem orientierte ich mich an ihrem Körperbau, ihrer Haltung, der Haarfarbe, der Stimme.

ZEITmagazin: Wenn man Ihr Lebenswerk in einem Satz zusammenfassen wollte, könnte man sagen: Sie hat den Schimpansen Gesichter gegeben. Sie haben gezeigt, dass jedes Tier eine eigene Persönlichkeit hat – wie wir.

Goodall: Und einen Verstand und Gefühle.

ZEITmagazin: Einer langen Tradition unseres Denkens zufolge ist das ganz anders. Descartes, der französische Philosoph, erklärte, Tiere seien von ihren Instinkten gesteuerte Maschinen. Woher nahmen Sie als ganz junge Frau den Mut, zu widersprechen?

Goodall: In zwei Dingen hatte ich riesiges Glück. Das eine Glück war die Weisheit meiner Mutter. Sie brachte mir bei, unerschrocken zu sein, wenn andere meine Überzeugung nicht teilen. Das andere war mein Lehrer. Sie haben von ihm gelesen?

ZEITmagazin: Louis Leakey, der Anthropologe. Er hat Sie 1960 zu den Schimpansen in den Urwald geschickt – mit Ihrer Mutter, das war die Bedingung der britischen Kolonialverwaltung. Leakey hoffte, etwas über die Herkunft des Menschen zu erfahren.

Goodall: Nein! Mein Lehrer war Rusty, mein Spaniel. Er hat mich durch meine Kindheit begleitet. Er war unheimlich intelligent – und anders als alle meine späteren Hunde. Dank Rusty kam ich nicht auf die Idee, am Verstand und an der Persönlichkeit der Tiere zu zweifeln.

ZEITmagazin: Er hat Sie gegen die herrschende Vorstellung immunisiert.

Goodall: Ja. Als ich meine Forschung begann, hatte ich allerdings noch gar keine Ahnung davon, wie die Wissenschaftler über Tiere dachten. Ich war ja als Sekretärin nach Afrika gekommen.

ZEITmagazin: Dort lernten Sie Louis Leakey kennen, und er bot Ihnen an, als Verhaltensforscherin zu arbeiten. Dabei muss er doch genau gewusst haben, dass Sie nie eine Universität von innen gesehen haben.

Goodall: Natürlich. Viel später gestand er mir, dass er mich genau darum ausgewählt hatte. Er wollte jemanden, der sich den Tieren ohne Vorurteile nähert. Er war sehr weise.

ZEITmagazin: Sie waren eine der drei jungen Frauen, die Leakey zu den Menschenaffen aussandte: Dian Fossey, die ebenfalls noch keine wissenschaftliche Ausbildung hatte, setzte er auf die Gorillas an, Biruté Galdikas auf die Orang-Utans. Warum nur Frauen?

Goodall: Weil er junge Frauen mochte. Und mitunter ging er zu weit. Für mich war das ein Problem, weil er ja der Einzige war, der meinen Traum wahr machen konnte. Er hatte von einem reichen Amerikaner Geld für sechs Monate meiner Forschung besorgt. Es war nicht viel. Ich hatte ein miserables Fernglas, wir lebten in einem ausgedienten Armeezelt. Wenn man es lüften wollte, musste man die Seitenwände hochbinden; dann krochen die Spinnen, Skorpione und Schlangen hinein. Meine Mutter hat das alles nicht nur mit mir ertragen, sie hielt auch noch meine Moral hoch. Denn ich wusste: Wenn ich in einem halben Jahr keine Ergebnisse habe, ist mein Abenteuer für immer beendet. Und ich kam den Schimpansen nicht näher, obwohl wir Bananen für sie ausgelegt hatten. Es war zum Verzweifeln.

 "Verhaltensforschung wird nie eine harte Wissenschaft sein"

ZEITmagazin: Was änderte die Situation?

Goodall: Die Begegnung mit David Greybeard, so habe ich den Affen genannt. Ich hatte ihn schon öfter beobachtet, an seinem grauen Backenbart konnte ich ihn wiedererkennen. Eines Tages nahm er die Bananen. Bald duldete er meine Nähe und führte mich zu seinen Freunden. So konnte ich beobachten, wie er mit einem Grashalm nach Termiten stocherte. Niemand hätte bis dahin für möglich gehalten, dass frei lebende Affen Werkzeuge benutzen.

ZEITmagazin: "Wir müssen nun entweder neu definieren, was der Mensch ist, oder Schimpansen als Menschen anerkennen", schrieb Louis Leakey damals.

Goodall: Ja, denn der Werkzeuggebrauch galt geradezu als das, was uns von allen anderen Tieren unterscheidet.

ZEITmagazin: Waren Sie stolz auf Ihre Entdeckung?

Goodall: Für mich zählte mehr, dass ich eine Rechtfertigung hatte, im Urwald zu bleiben. Bald entdeckte ich, dass Schimpansen Werkzeuge herstellen, indem sie Blätter von Zweigen streifen. Und dass sie kleinere Affen jagen und essen. Schließlich hatte David Greybeard so viel Vertrauen zu mir, dass er nach meiner Hand griff.

ZEITmagazin: Ein erwachsener Schimpanse ist größer als Sie. Hatten Sie keine Angst, dieses wilde Tier zu berühren?

Goodall: David selbst hatte Angst. Ich sah ihn nicht als wildes Tier, sondern als Individuum, dessen Vertrauen ich gewonnen hatte. Als ich dann 1962 nach Cambridge ging, um auf Leakeys Veranlassung und mit einer Sondergenehmigung eine Doktorarbeit zu schreiben, hörte ich, dass ich alles falsch gemacht hätte. Ich hätte den Schimpansen keinen Namen geben dürfen. Damals gehörte es sich, dass Verhaltensforscher die Tiere durchnummerierten. Und ich erzählte ihnen, wie David Greybeard und seine Freunde mit einer Decke, die sie uns geklaut hatten, blinde Kuh spielten!

ZEITmagazin: Ihre Professoren suchten nach dem typischen Affen. Sie hingegen interessierten sich für jedes einzelne Tier – seine Geschichte, seine Besonderheiten.

Goodall: Ja, ich sehe die Art als eine Versammlung von Individuen. Viele Kollegen schimpfen, ich würde nur Anekdoten erzählen. Aber wie sonst wollen Sie Wesen gerecht werden, von denen jedes anders ist? Aus Anekdoten erfahren Sie, wie die Tiere reagieren, wozu sie fähig sind. Ob sich einzelne Beobachtungen zu einem Gesamtbild fügen, kann man ja hinterher sehen. Darum liebe ich Geschichten.

ZEITmagazin: Als Physiker freut mich allerdings auch die Schönheit allgemeiner Gesetze. Aber wie wollen Sie die finden, wenn Sie nicht danach suchen? Die Umstände jeder Anekdote sind anders.

Goodall: Verhaltensforschung wird nie eine harte Wissenschaft sein. Andererseits: Wenn Sie eigentümliches Verhalten von vornherein ausblenden, unterschätzen Sie die Tiere. So dachten Wissenschaftler, es sei völlig unmöglich, dass Vögel Werkzeuge herstellen. Ihr Gehirn könne das nicht leisten, hieß es, und darum sah man gar nicht erst nach, bis 2002 ein Experiment in Oxford scheiterte, bei dem zwei Krähen mit einem Drahthaken nach Futter angeln sollten. Der Haken brach ab. Und dann entdeckte man eines Tages, dass jemand das Drahtende zu einem neuen Haken gebogen hatte.

ZEITmagazin: Ein Vogel.

Goodall: Niemand wollte es glauben. Aber mit neuen Drähten zeigte sich, dass das kluge Tier dieses Kunststück mit Schnabel und Fuß wirklich fertigbrachte. Inzwischen gibt es tonnenweise Literatur über Vogelintelligenz. Der Witz ist: Papageienbesitzer wussten schon immer, dass ihre Schützlinge so etwas können. Nur die Wissenschaft war zu arrogant, es zu glauben.

ZEITmagazin: Zeichnen Sie Ihre Kollegen nicht überheblicher, als sie sind? Sie haben doch eine ganze Generation von Verhaltensforschern geprägt, und die bringen bis heute Erstaunliches über Schimpansen zutage. Mich hat voriges Jahr ein Befund von der Elfenbeinküste überrascht: Dort adoptieren Schimpansen Waisen. Selbst Männchen umsorgen die Kleinen. Schimpansenväter kümmern sich normalerweise nicht einmal um die eigenen Kinder.

Goodall: Mich überraschte es nicht. Adoptionen haben wir auch an unseren Schimpansen beobachtet, wenn auch nur unter Verwandten. Und aus Zoos wissen wir, dass sich Tiere, oft unter Lebensgefahr, gegenseitig retten. Etwa wenn ein Tier in den Wassergraben gefallen ist, springen sie hinein – wie auch Menschen ein fremdes Kind vor dem Ertrinken bewahren oder es jedenfalls sollten. Dass Schimpansen selbstlos sein können, liegt an ihrer sehr langen Kindheit. Die Jungen sind fünf Jahre lang mit ihrer Mutter zusammen. So entstand in der Evolution eine starke Fürsorglichkeit.

ZEITmagazin: Meinen Sie, wir können von den Schimpansen etwas lernen?

Goodall: Wie die Mütter mit ihren Kindern umgehen, zum Beispiel. Sie kitzeln ihre Babys, wirbeln sie herum, spielen mit ihnen. Und ich beobachtete: Je verlässlicher die Bindung zwischen Schimpansenmutter und Kind, einen umso höheren Rang nimmt es später in der Horde ein. Als mein Sohn zur Welt kam, habe ich mir von den Affenmüttern viel abgesehen.

"Die jungen Affen-Männchen waren fasziniert von dem Morden"

ZEITmagazin: Was haben Sie mit dem Jungen gemacht, während Sie Tiere beobachteten?

Goodall: Ich nahm ihn mit in den Urwald. Für die Zeiten, in denen ich nicht nach ihm sehen konnte, haben wir ihm einen großen Käfig gebaut. Darin konnte er spielen.

ZEITmagazin: Warum haben Sie ihn eingesperrt?

Goodall: Zum Schutz vor den Schimpansen. Wir wussten, dass sie Menschenbabys holen.

ZEITmagazin: Was machen sie mit ihnen?

Goodall: Aufessen. Menschen essen Schimpansen und umgekehrt. Schimpansen sind eben Primaten wie wir – mit dem Unterschied, dass sie die Menschen niemals ausrotten werden.

ZEITmagazin: In Ihrem ersten Buch beschrieben Sie die Schimpansen noch als Wesen voll Fürsorglichkeit, Mutterliebe und Intelligenz. Und nun stellten Sie fest, dass Sie es mit Kannibalen zu tun hatten.

Goodall: Es war ein Schock. Ich hatte gedacht, sie sind wie wir, nur netter. Die erste Ahnung, wie brutal sie sein können, bekamen wir, als eine Studentin eine Schimpansenmutter beobachtete und zusehen musste, wie ein Weibchen einer Nachbargruppe die Mutter angriff und ihr Baby umbrachte. Die Angreiferin sah zu, wie das Opfer an den Wunden starb; anschließend verspeiste sie das Kind. Dann kam ein vierjähriger Krieg. Eine Gruppe von Schimpansen, die bis dahin friedlich zusammengelebt hatte, teilte sich, und die beiden neuen Gemeinschaften kämpften ums Territorium. Wann immer die Männchen ein Tier der anderen Horde erwischten, brachten sie es um.

ZEITmagazin: Bei Menschen nennt man das ethnische Säuberung – ein schrecklicher Ausdruck.

Goodall: Es war furchtbar zu sehen, wie ähnlich sie uns sind. Die jungen Männchen waren fasziniert von dem Morden. Sie wollten zusehen, wenn ein anderer starb.

ZEITmagazin: Haben diese Vorkommnisse Ihre Sympathie für die Schimpansen geschmälert?

Goodall: Manche von ihnen fand ich widerwärtig, nicht alle. Bei Menschen empfinden Sie doch genauso.

ZEITmagazin: Kollegen warfen Ihnen vor, dass Sie selbst den Krieg ausgelöst hatten, indem Sie allzu großzügig Bananen anboten und dadurch starke Konkurrenz erzeugten.

Goodall: Die Bananen spielten keine Rolle. Die Gruppe, die sich abgespalten hatte, interessierte sich nicht mehr dafür. Diese Tiere lebten wieder von den Früchten des Waldes. Und anderswo gab es auch Kriege zwischen Schimpansen.

ZEITmagazin: Trotzdem: Haben Sie sich nie gefragt, ob Sie durch Ihre Gegenwart das Verhalten der Tiere verändern?

Goodall: Das tut man immer. Am stärksten ist der Eingriff natürlich, wenn man die Tiere in Gefangenschaft hält. Kollegen haben berichtet, auf welche raffinierte Weise Schimpansen in Zoos sich nach Konflikten aussöhnen. In der Natur sahen wir so etwas kaum – hier haben die Tiere Platz, einander einfach aus dem Weg zu gehen. Dafür pflegten wir intensive Beziehungen zu manchen Schimpansen. Wir berührten sie, spielten mit ihnen, durften sie sogar kitzeln. Es war magisch. Als klar wurde, dass wir lange im Urwald bleiben würden, haben wir damit aufgehört. Wir wollten die Tiere weder zu sehr an uns Menschen gewöhnen noch sie mit Krankheiten anstecken.

ZEITmagazin: Dennoch haben Sie mit manchen Affen so etwas wie Freundschaft geschlossen.

Goodall: Eigentlich gibt es kein Wort für die Art unserer Beziehung. Ein Hund kann ein Freund werden, ein Schimpanse nicht. Sie haben ihre Freundschaften untereinander, aber sie wissen sehr genau, dass ein Mensch nicht zu ihnen gehört. Am ehesten ist es vielleicht gegenseitiges Vertrauen – und Respekt.

ZEITmagazin: Ein heiliger Grundsatz der modernen Naturwissenschaften lautet: Der Forscher soll Distanz halten zu dem, was er untersucht, denn nur so kann er objektiv sein.

Goodall: Ich habe mich in der Wissenschaft immer als Fremdling gefühlt. Warum kann man nicht objektiv sein, wenn man eine Gefühlsbindung eingeht?

ZEITmagazin: Weil es dann schwer wird, zwischen den Eigenschaften des Gegenübers und den eigenen Wünschen an ihn zu trennen. Verliebte sehen in den Augen des oder der Angebeteten vor allem sich selbst.

Goodall: Aber in ein Tier sind Sie nicht verliebt. Einmal beobachtete ich, wie eine Schimpansenmutter ein Baby versorgte, das Opfer eines Angriffs geworden war. Das Fleisch hing in Fetzen von der Wunde, obendrein war ein Arm gebrochen. Und je mehr die Mutter ihr Kind wiegte, um es zu beruhigen, umso lauter schrie es vor Schmerzen. Sie begriff nicht, dass sie genau das Falsche tat. Die Tränen strömten nur so aus meinen Augen. Aber meine Aufzeichnungen beschreiben ganz objektiv den Hergang. Ich glaube vielmehr, dass wir die Empathie sogar brauchen. Nur wenn Sie sich in die Tiere hineinversetzen, werden Sie verstehen, was geschieht.

ZEITmagazin: Können wir überhaupt verstehen, was in einem Tier vorgeht? Oft haben wir schon größte Schwierigkeiten, Menschen einer anderen Kultur zu begreifen, wenn uns die Sprache fehlt. So ging es mir in Japan.

Goodall: Und Schimpansen sind noch viel fremder, dabei sind sie unsere biologisch nächsten Verwandten. Als ich nach Cambridge kam, schrieb ich Sätze wie: "Schimpansenkind Fifi war eifersüchtig auf ihr neues Geschwisterkind." Mein Doktorvater sagte: Das kannst du nicht beweisen. Aber er hatte einen klugen Rat. Ich sollte es so formulieren: "Fifi verhielt sich wie ein eifersüchtiges Menschenkind." Daran habe ich mich immer gehalten.

ZEITmagazin: Eine Szene in Ihrem ersten Buch beschreibt, wie Schimpansen vor einem Wasserfall in eine Art Ekstase geraten.

Goodall: So habe ich es beobachtet: Als die Tiere das Donnern des Wassers hörten, stellten sich ihre Haare auf. Und ihre Erregung stieg umso mehr, je näher sie kamen. Dann stiegen sie rhythmisch von einem Fuß auf den anderen, vielleicht 20 Minuten lang. Schließlich setzten sie sich auf einen Felsen und beobachteten nur still das Wasser.

ZEITmagazin: Sie deuteten das Verhalten als Verehrung des Naturschauspiels. Die Schimpansen hätten eine Vorform der Religion. Ich finde diese Behauptung reichlich gewagt.

Goodall: Nun, ich fragte mich, woher diese wunderbaren rhythmischen Bewegungen kamen – und ob solches Erschauern vor den Naturgewalten zu den ersten Naturreligionen geführt haben mag. Und ich selbst empfand große Ehrfurcht vor dem, was ich da sah. Im Grunde habe ich die ganze Zeit im Gombe-Nationalpark empfunden, dass ich ein Teil von etwas Größerem bin. Dass es da ein Mysterium gibt, wenn Sie so wollen.

 "Wahrscheinlich habe ich für Hunde sogar mehr Mitgefühl als für Affen"

ZEITmagazin: Sie fühlten sich eingebunden in eine höhere Ordnung?

Goodall: Ja. Aber kann ich wissen, ob die Schimpansen genauso empfanden? Nein.

ZEITmagazin: Es besteht die Gefahr, dass wir den Tieren nicht gerecht werden, wenn wir sie vermenschlichen.

Goodall: Es ist komplizierter: Einerseits legen wir Wert darauf, dass Tiere anders sind als wir...

ZEITmagazin: ...wenn wir sie als Wesen ohne viel Verstand und Gefühle sehen, fällt es uns leichter, sie zu essen.

Goodall: Beispielsweise. Doch andererseits machen wir Tierversuche. Da sperren wir also Schimpansen in winzige Käfige, um unsere eigenen Krankheiten besser zu verstehen. In manchen solcher Experimente wollen Mediziner sogar etwas über unsere seelischen Leiden erfahren. Warum? Weil uns die Affen so ähnlich seien.

ZEITmagazin: Wir sind schizophren, was unsere Beziehung zu Tieren angeht.

Goodall: Nicht nur in unserem Verhältnis zu Affen. Eine kluge Untersuchung studierte einmal die Mitarbeiter von medizinischen Labors. Natürlich geben sie den Ratten und Hunden dort keine Namen und behandeln die Tiere eher als Sachen. Aber manche haben Haustiere. Und kaum haben sie den Laborkittel ausgezogen, erklären sie, dass ihr Dackel Teil der Familie sei und jedes gesprochene Wort verstehe! Dabei wissen sie genau, dass nur beide, Haus- und Laborhund, Gefühle und Verstand haben können – oder keiner. Doch dass sie das eine Tier mit Namen benennen, das andere nicht, schützt sie vor dieser Einsicht.

ZEITmagazin: In früheren Kulturen plagten sich die Menschen offenbar mit einem Schuldbewusstsein gegenüber dem misshandelten Tier. Um sich davon zu befreien, war beispielsweise in der Antike das Schlachten oft mit einem Opfer an die Götter verbunden.

Goodall: Typisch: Sie dachten an ihre Götter, nicht an das Tier. Die amerikanischen Ureinwohner hingegen beteten für das erlegte Wesen. Sie kamen der Wirklichkeit viel näher.

ZEITmagazin: Meinen Sie, dass man Tiere töten darf?

Goodall: Nicht ohne Grund. Wenn ich für das Leben meines Sohnes einen Schimpansen opfern müsste, würde ich es natürlich tun. Aber was heißt das schon? In dieser Lage würde wohl jeder statt des Schimpansen auch das Leben eines anderen Menschen drangeben. So ist das nun einmal mit der Verwandtschaft.

ZEITmagazin: Nun sollten wir es gewiss nicht nur vom Grad unserer Verwandtschaft abhängig machen, wie wir uns gegenüber anderen Geschöpfen verhalten.

Goodall: Nein. Mir fiele es mindestens so schwer, für meinen Sohn einen Hund statt eines Schimpansen zu opfern. Wahrscheinlich habe ich für Hunde sogar mehr Mitgefühl als für Affen. Entscheidend ist, dass wir Tiere nicht mehr als Automaten sehen – sondern als kluge und empfindsame Individuen. Dann begreifen wir, wie sehr wir uns selbst entwürdigen, wenn wir ihnen sinnloses Leid antun.

ZEITmagazin: Sie haben der Forschung ganz den Rücken gekehrt, um sich den Rechten der Tiere und dem Schutz der Umwelt zu widmen. Fiel Ihnen das schwer?

Goodall: Ja. Ich vermisse das Leben im Urwald und würde zu gerne wenigstens die Daten auswerten, die jetzt andere dort sammeln. Aber ich konnte nicht anders. 1986 erfuhr ich auf einer Konferenz zu Ehren meines wissenschaftlichen Hauptwerks, wie bedroht die Schimpansen sind. Überall in Afrika verschwinden die Urwälder, der Handel mit Schimpansenfleisch blüht...

ZEITmagazin: ...das wussten Sie nicht? Sie lebten damals seit einem Vierteljahrhundert in Afrika.

Goodall: Ich war so mit der Forschung, auch mit meinem eigenen Baby befasst, dass ich gar nicht gemerkt hatte, was um uns herum vorging. Und die Kollegen sprachen auch nicht darüber. Jedenfalls beschloss ich von einem Tag auf den anderen, dass ich unmöglich so weitermachen konnte. Ich wünschte, mehr Wissenschaftler würden begreifen, dass sie in erster Linie ein menschliches Wesen sein sollten und erst in zweiter Linie ein Forscher.

ZEITmagazin: Anfangs setzten Sie sich vor allem für die Schimpansen ein. Inzwischen tun Sie das für den Naturschutz generell und haben obendrein Hilfsprojekte für die Landbevölkerung in afrikanischen Ländern gestartet. Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass wir die Zerstörung der Erde noch aufhalten können?

Goodall: Manchmal frage ich mich, ob ich aus reiner Anmaßung glaube, die Welt verändern zu können. Andererseits sagen mir Menschen immer wieder, wie viel Hoffnung ich ihnen gegeben habe. Und mir selbst erscheint mein eigenes Leben dadurch umso wertvoller – vor allem seit wir unser Programm für junge Leute aufgelegt haben. Es begann vor zwanzig Jahren mit ein paar Schülern in Daressalam, Tansania. Heute haben wir Gruppen in mehr als hundert Ländern. Jede Gruppe entscheidet selbst, wie sie sich für die Umwelt und ihre Mitmenschen einsetzen will. Die jungen Leute können einen verschmutzten Flusslauf reinigen, sich um Straßenkinder kümmern, einen Solargenerator entwickeln, was immer sie wollen. Sie sollen lernen, in Harmonie mit anderen Menschen und der Natur zu leben. Und aus allen Teilen der Welt berichten sie mir, wie viel sie erreichen konnten. Ihre Fantasie und ihr Einsatz geben mir Kraft.

ZEITmagazin: Es heißt, Sie sind 300 Tage im Jahr unterwegs, um Ihre Gruppen zu besuchen und Vorträge zu halten. Die Menschen verehren Sie. Wie lebt es sich als Idol?

Goodall: Ich wollte nie eine Ikone sein. Jetzt bin ich eine und muss das Beste daraus machen. Ich versuche, möglichst wenig darüber nachzudenken. Den besten Rat habe ich schon als Kind bekommen: Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen.