ZEITmagazin: Was haben Sie mit dem Jungen gemacht, während Sie Tiere beobachteten?

Goodall: Ich nahm ihn mit in den Urwald. Für die Zeiten, in denen ich nicht nach ihm sehen konnte, haben wir ihm einen großen Käfig gebaut. Darin konnte er spielen.

ZEITmagazin: Warum haben Sie ihn eingesperrt?

Goodall: Zum Schutz vor den Schimpansen. Wir wussten, dass sie Menschenbabys holen.

ZEITmagazin: Was machen sie mit ihnen?

Goodall: Aufessen. Menschen essen Schimpansen und umgekehrt. Schimpansen sind eben Primaten wie wir – mit dem Unterschied, dass sie die Menschen niemals ausrotten werden.

ZEITmagazin: In Ihrem ersten Buch beschrieben Sie die Schimpansen noch als Wesen voll Fürsorglichkeit, Mutterliebe und Intelligenz. Und nun stellten Sie fest, dass Sie es mit Kannibalen zu tun hatten.

Goodall: Es war ein Schock. Ich hatte gedacht, sie sind wie wir, nur netter. Die erste Ahnung, wie brutal sie sein können, bekamen wir, als eine Studentin eine Schimpansenmutter beobachtete und zusehen musste, wie ein Weibchen einer Nachbargruppe die Mutter angriff und ihr Baby umbrachte. Die Angreiferin sah zu, wie das Opfer an den Wunden starb; anschließend verspeiste sie das Kind. Dann kam ein vierjähriger Krieg. Eine Gruppe von Schimpansen, die bis dahin friedlich zusammengelebt hatte, teilte sich, und die beiden neuen Gemeinschaften kämpften ums Territorium. Wann immer die Männchen ein Tier der anderen Horde erwischten, brachten sie es um.

ZEITmagazin: Bei Menschen nennt man das ethnische Säuberung – ein schrecklicher Ausdruck.

Goodall: Es war furchtbar zu sehen, wie ähnlich sie uns sind. Die jungen Männchen waren fasziniert von dem Morden. Sie wollten zusehen, wenn ein anderer starb.

ZEITmagazin: Haben diese Vorkommnisse Ihre Sympathie für die Schimpansen geschmälert?

Goodall: Manche von ihnen fand ich widerwärtig, nicht alle. Bei Menschen empfinden Sie doch genauso.

ZEITmagazin: Kollegen warfen Ihnen vor, dass Sie selbst den Krieg ausgelöst hatten, indem Sie allzu großzügig Bananen anboten und dadurch starke Konkurrenz erzeugten.

Goodall: Die Bananen spielten keine Rolle. Die Gruppe, die sich abgespalten hatte, interessierte sich nicht mehr dafür. Diese Tiere lebten wieder von den Früchten des Waldes. Und anderswo gab es auch Kriege zwischen Schimpansen.

ZEITmagazin: Trotzdem: Haben Sie sich nie gefragt, ob Sie durch Ihre Gegenwart das Verhalten der Tiere verändern?

Goodall: Das tut man immer. Am stärksten ist der Eingriff natürlich, wenn man die Tiere in Gefangenschaft hält. Kollegen haben berichtet, auf welche raffinierte Weise Schimpansen in Zoos sich nach Konflikten aussöhnen. In der Natur sahen wir so etwas kaum – hier haben die Tiere Platz, einander einfach aus dem Weg zu gehen. Dafür pflegten wir intensive Beziehungen zu manchen Schimpansen. Wir berührten sie, spielten mit ihnen, durften sie sogar kitzeln. Es war magisch. Als klar wurde, dass wir lange im Urwald bleiben würden, haben wir damit aufgehört. Wir wollten die Tiere weder zu sehr an uns Menschen gewöhnen noch sie mit Krankheiten anstecken.

ZEITmagazin: Dennoch haben Sie mit manchen Affen so etwas wie Freundschaft geschlossen.

Goodall: Eigentlich gibt es kein Wort für die Art unserer Beziehung. Ein Hund kann ein Freund werden, ein Schimpanse nicht. Sie haben ihre Freundschaften untereinander, aber sie wissen sehr genau, dass ein Mensch nicht zu ihnen gehört. Am ehesten ist es vielleicht gegenseitiges Vertrauen – und Respekt.

ZEITmagazin: Ein heiliger Grundsatz der modernen Naturwissenschaften lautet: Der Forscher soll Distanz halten zu dem, was er untersucht, denn nur so kann er objektiv sein.

Goodall: Ich habe mich in der Wissenschaft immer als Fremdling gefühlt. Warum kann man nicht objektiv sein, wenn man eine Gefühlsbindung eingeht?

ZEITmagazin: Weil es dann schwer wird, zwischen den Eigenschaften des Gegenübers und den eigenen Wünschen an ihn zu trennen. Verliebte sehen in den Augen des oder der Angebeteten vor allem sich selbst.

Goodall: Aber in ein Tier sind Sie nicht verliebt. Einmal beobachtete ich, wie eine Schimpansenmutter ein Baby versorgte, das Opfer eines Angriffs geworden war. Das Fleisch hing in Fetzen von der Wunde, obendrein war ein Arm gebrochen. Und je mehr die Mutter ihr Kind wiegte, um es zu beruhigen, umso lauter schrie es vor Schmerzen. Sie begriff nicht, dass sie genau das Falsche tat. Die Tränen strömten nur so aus meinen Augen. Aber meine Aufzeichnungen beschreiben ganz objektiv den Hergang. Ich glaube vielmehr, dass wir die Empathie sogar brauchen. Nur wenn Sie sich in die Tiere hineinversetzen, werden Sie verstehen, was geschieht.

ZEITmagazin: Können wir überhaupt verstehen, was in einem Tier vorgeht? Oft haben wir schon größte Schwierigkeiten, Menschen einer anderen Kultur zu begreifen, wenn uns die Sprache fehlt. So ging es mir in Japan.

Goodall: Und Schimpansen sind noch viel fremder, dabei sind sie unsere biologisch nächsten Verwandten. Als ich nach Cambridge kam, schrieb ich Sätze wie: »Schimpansenkind Fifi war eifersüchtig auf ihr neues Geschwisterkind.« Mein Doktorvater sagte: Das kannst du nicht beweisen. Aber er hatte einen klugen Rat. Ich sollte es so formulieren: »Fifi verhielt sich wie ein eifersüchtiges Menschenkind.« Daran habe ich mich immer gehalten.

ZEITmagazin: Eine Szene in Ihrem ersten Buch beschreibt, wie Schimpansen vor einem Wasserfall in eine Art Ekstase geraten.

Goodall: So habe ich es beobachtet: Als die Tiere das Donnern des Wassers hörten, stellten sich ihre Haare auf. Und ihre Erregung stieg umso mehr, je näher sie kamen. Dann stiegen sie rhythmisch von einem Fuß auf den anderen, vielleicht 20 Minuten lang. Schließlich setzten sie sich auf einen Felsen und beobachteten nur still das Wasser.

ZEITmagazin: Sie deuteten das Verhalten als Verehrung des Naturschauspiels. Die Schimpansen hätten eine Vorform der Religion. Ich finde diese Behauptung reichlich gewagt.

Goodall: Nun, ich fragte mich, woher diese wunderbaren rhythmischen Bewegungen kamen – und ob solches Erschauern vor den Naturgewalten zu den ersten Naturreligionen geführt haben mag. Und ich selbst empfand große Ehrfurcht vor dem, was ich da sah. Im Grunde habe ich die ganze Zeit im Gombe-Nationalpark empfunden, dass ich ein Teil von etwas Größerem bin. Dass es da ein Mysterium gibt, wenn Sie so wollen.