DIE ZEIT: Herr Lamers, Sie haben 1994 mit einem Thesenpapier zur Zukunft Europas für Furore gesorgt. Wissen Sie noch, wo dieses "Schäuble-Lamers-Papier" heute steckt?

Karl Lamers: In einer Mappe, in der ich alle meine Texte sammle. Sie liegt zu Hause auf meinem Schreibtisch.

ZEIT: Sie haben damals mit Wolfgang Schäuble die Idee eines Kerneuropa entworfen. Bedeutet Kerneuropa, dass man ein Land wie Griechenland jetzt aus der Euro-Zone ausschließen sollte?

Lamers: Nein. Es war damals zwar ein Fehler, Griechenland in die Euro-Zone aufzunehmen. Ich war in meiner Fraktion übrigens der Einzige, der dagegen war. Wir wussten alle, dass sie nicht reingehören, aber von meinen Kollegen, schließlich auch von mir, hieß es immer: Ach, die Griechen, dieses Problem lösen wir schon. Aber jetzt ist es zu spät. Die Euro-Zone zu verkleinern würde die Probleme für alle nur vergrößern. Nun müssen wir füreinander einstehen.

ZEIT: Ihr damaliger Co-Autor Schäuble hat als Finanzminister täglich mit der Euro-Krise zu tun. Sie haben sich lange nicht zu Wort gemeldet. Warum?

Lamers: Ehemalige erwecken oft den Eindruck, sie wüssten alles besser. Dazu wollte ich nicht gehören. Doch wenn es stimmt, was Paul Volcker, der ehemalige US-Notenbankchef, sagt, dass die gegenwärtige Krise ein heroischer Augenblick sei, der über die Zukunft Europas entscheide und dass Deutschland dabei die Hauptverantwortung trage, dann scheint es mir jetzt geboten, ein Wort zu sagen. Denn leider haben nicht alle die Dimension der gegenwärtigen Krise begriffen.

ZEIT: Wer sind "alle"?

Lamers: Die Bürger in diesem Land genauso wie die Politiker. Die Stimmung in Deutschland ist von Angst und Enge geprägt. Und die Regierung hat ihren Teil dazu beigetragen. Man kann diese Krise nicht lösen, indem man zunächst immer zögert, dann zurückweicht und am Ende doch Dingen zustimmt, die man zuvor abgelehnt hat. Dann müssen die Bürger zwangsläufig den Eindruck haben, Deutschland sei über den Tisch gezogen worden.

ZEIT: Aber Kompromisse gehören doch zur Politik dazu. Und die Kanzlerin kämpft eben dafür, dass die Euro-Zone keine Transferunion wird und Deutschland nicht der Zahlmeister Europas.

Lamers: Das alte Wort vom Zahlmeister Europas war immer schon falsch und ist es auch heute. Deutschland profitiert von Europa und vom Euro mindestens so wie seine Partner. Und wenn heute davon geredet wird, dass durch die Schaffung eines Europäischen Währungsfonds und die Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank eine Haftungsgemeinschaft begründet worden sei, so ist das Unsinn. Denn eine Haftungsgemeinschaft sind wir längst. Und Europas Staats- und Regierungschefs haben nur begonnen, erste Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Wir können unsere Interessen nicht von den Interessen unserer Nachbarn trennen. Wer das nicht sieht, ist entweder böswillig oder dumm.

ZEIT: Wie blicken Sie auf das Vorgehen der Kanzlerin?

Lamers: Ich verstehe, wie schwer es ist, Menschen, die von Enge und Angst bestimmt sind, von dem zu überzeugen, was notwendig ist. Aber das Wie ist in der Politik, speziell in der Außenpolitik, so wichtig wie das Was. Und wir brauchen jemand, der den Leuten die Angst nimmt. Der ihnen sagt: Wir schaffen das.

ZEIT:Angela Merkel und Wolfgang Schäuble lehnen beide die Einführung von Euro-Bonds vehement ab. Zu Recht?

Lamers: Wolfgang Schäuble ist gegen Euro-Bonds, solange es keine gemeinsame Finanzpolitik gibt. Darin hat er recht. Ich kenne ihn gut, er muss auch taktisch vorgehen. Denn was er meint und indirekt auch sagt, bedeutet doch nichts anderes als: Lasst uns jetzt endlich eine gemeinsame Finanzpolitik schaffen! Erste Schritte auf dieses Ziel hin sind getan, weitere sind in Vorbereitung.