Die Panoramastraße hinter Ancona schraubt sich hoch und höher. Rechts liegen Sonnenblumenwiesen, das Gelb schon ausgebleicht. Zur Linken kommt das Becken der Adria in den Blick. Wie ein schweres dunkelgrünes Tier schiebt sich der Monte Conero ins Meer, 572 Meter hoch, ein dicht bewaldeter Berg, der zum Wasser hin als schroffer Kalkfelsen abstürzt und zum Inland hin sanft ausläuft, mit kleinen Dörfern in der Höhe.

Es ist die einzige Steilküste dieser Art an der italienischen Adria, dieser deutschen Sehnsuchtslandschaft, die viele Deutsche seit Langem meiden – abgestoßen von all den Sonnenschirmen und Liegestühlen, unter denen die Strände begraben liegen. Die Suche nach dem wahren Italien hat seitdem viele landeinwärts getrieben, in die Toskana, nach Umbrien oder bis nach drüben ans Tyrrhenische Meer. Aber auch die Adria hat noch ihre stillen Winkel. Einer davon liegt in der Region Marken am Fuße des Conero.

Rasant führt die Straße in Serpentinen hinab nach Portonovo , ins erste Meer-Dorf hinter der Provinzhauptstadt Ancona. Dorf? Unten, an einem Kreisel mit Bar und Laden, suggeriert eine verwirrende Menge von Wegweisern, Portonovo bestehe nur aus Hotels, Restaurants und Stränden. Ist das so?

Nein. Hotels gibt es drei, alle von der edlen Sorte. Zum Fortino Napoleonico führt eine eigene Zufahrtsstraße. Der gedrungene Rundbau direkt am Meer wurde vor 200 Jahren zum Schutz der Küste erbaut. Eine echte Trutzburg mit zwei Kanonen im Eingang. Erst im luftigen Innenhof voll Oleander und Bougainvillea verliert sich der wehrhafte Charakter. Im Hotel Fortino wohnte schon Bob Dylan. Ob auch er hier das Bilderbuch-Italien suchte? Den Luxus eines Privatbadeplatzes genoss er jedenfalls nicht. Wie alle Strände am Conero ist auch der von Portonovo öffentlich. Man erreicht ihn durch eine Passage aus dem Innenhof – und tritt ein in die Heiterkeit eines Sommernachmittags. An die Felsbrocken unter der Mole klammern sich kreischende Kinder. Handtücher liegen kreuz und quer auf den großen runden Steinen.

Ein Spaziergang rechts den Strand hinunter, durch hügeligen Pinienwald, führt auf einen hoch aufragenden Turm zu. Papst Clemens XI. ließ ihn 1716 errichten zum Schutz gegen Piraten. Vor dem Turm empfängt mich ein hochgewachsener älterer Herr – der ehemalige italienische Botschafter Alessandro Cortese de Bosis. Auf meine neugierige Frage nach der heutigen Nutzung des Turms lässt er mich einen Blick in die ersten beiden Zimmer werfen, die schön mit alten Möbeln eingerichtet sind. In ihnen und den zehn weiteren darüber verbringt seine römische Familie ihre Sommer. "Seit über 100 Jahren ist der Turm im Familienbesitz", sagt de Bosis stolz.

Weiter hinten eine Fischerhütte am Strand; im Wald verborgen vier, fünf Villen. "Signori Anconesi", reiche Familien aus Ancona, haben sie hier bauen lassen, vor mehr als sechzig Jahren. Mehr Wohnhäuser gibt es nicht in Portonovo. 1987 wurde das Gelände des Conero, insgesamt 6000 Hektar, zum ersten Naturpark der Marken erklärt.

Noch etwas weiter steht der schönste Bau des Ortes – und sein ältester: Auf einer Klippe, umgeben von Olivenbäumen, liegt das Kirchlein Santa Maria di Portonovo, um 1035 gebaut mit dem hellen Kalkstein vom Conero, ein zierliches romanisches Gemäuer, das trotz der kleinen Fenster von Licht geflutet scheint. Meeresrauschen dringt hinein, Zikadenlärm, sonst nichts. Gern wüsste man das Geheimnis der Kirche, die schon um 1320 von den Benediktinern eilig verlassen wurde. Nagte das Meer an den Felsen? Bedrohten Feinde das Leben der Mönche? Von Erdbeben wie von barocken Ausmalungen unversehrt, steht sie bis heute, ein Bild der Unantastbarkeit.