Sie könne den Anblick von Türen nicht ertragen, sagte sie einmal. Der Anblick von Türen erinnere sie an Menschen, die sie verlassen hatten. Wo immer sie wohnte, fand daher ein Möbel Platz, das Türen kurzerhand verschwinden ließ – der Coromandel-Wandschirm. Eine Kostbarkeit aus kirschschwarzem Lack mit Fantasielandschaft. Zwischen Brücken, Wolken, Einhörnern knien zierliche Frauen am Wasser, blühen Kamelien. Das symbolische Möbelstück verbarg aber nicht nur Türen, sondern auch Gabrielle Chanel selbst. Oder das, was ihrem offiziellen Bild abträglich war.

"Schlafen Sie in Chanels Suite, dinieren Sie, wo Churchill Gast war", lockte kürzlich ein Beitrag auf den Immobilien-Seiten der International Herald Tribune über die Villa La Pausa, Chanels Rückzugsort an der Côte d’Azur, wo sie mit Igor Strawinsky , Jean Cocteau, Pablo Picasso, Salvador Dalí und anderen feierte. Eine Suite für Coco, eine zweite für Hugh Grosvenor, den Herzog von Westminster, ihren langjährigen Liebhaber. Sonnendurchflutete Salons, Bogenfenster, ein Kreuzgang im Innenhof. Der Ort, sehr kühl, sehr klar, wirkt wie eine optische Reprise jenes romanischen Klosters, in dem die Elfjährige nach dem Tod der Mutter kurzerhand abgestellt worden war.

Gabrielle Chanel, genannt Coco , geboren 1883, gestorben 1971. Die gefürchtete, bewunderte, dutzendfach imitierte und verachtete Stil-Ikone des 20. Jahrhunderts . Die erste Französin, die ein weltumspannendes Unternehmen der Konsumgüterindustrie führte. Noch heute zehrt das hochprofitable Haus mit Haute Couture, Prêt-à-porter, mit Kosmetikprodukten und Accessoires von der Magie des Namens jener Frau, die das Magazin Time zu den einflussreichsten des 20. Jahrhunderts zählte. Ohne Coco hätte es "das kleine Schwarze" niemals gegeben, nicht die gesteppte Umhängetasche an der Kette ("Frauen lieben Ketten", behauptete sie), nicht das Wollkostüm mit Bordüre und nicht die Pillbox, die Jackie Kennedy 1963 trug, als JFK erschossen wurde. Allein von dem, was die Produktion von Chanel No5 eintrug, hätte eine Großfamilie noch Jahrzehnte in Luxus schwelgen können.

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Unzählige Legenden umgeben den Werdegang der Modedesignerin, und die meisten sind darauf zurückzuführen, dass Mademoiselle, wie sie genannt zu werden wünschte, selbst ihre Vergangenheit immer wieder neu erzählte, dass sie sortierte, verdunkelte, dazuerfand oder abstritt. Alles Scherben ihrer unbehausten Kindheit, als Zuwendung und Sicherheit unerreichbar schienen.

Nun haben sich gleich zwei Autoren zur Aufgabe gemacht, Chanels Leben erneut darzustellen – ihre Kindheit als Halbwaise, ihren sozialen Aufstieg, ihre ersten Erfolge als Hutmacherin, dann die Karriere als die Modeschöpferin der zwanziger Jahre, ihre Beziehungen, Chanels Rolle im besetzten Frankreich, das Comeback nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei wird ihren zwischen Amüsement und Drama changierenden Liebesabenteuern mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Erfolgen der Unternehmerin.

Justine Picardie, Journalistin der britischen Vogue und Autorin einer Abhandlung über das "Nachleben von Kleidern", interessiert sich besonders für Chanels frühe Jahre. Sie hat Saumur besucht, den Geburtsort, ist zum Kloster Aubazine gepilgert, hat mit Verwandten und mit ehemaligen Angestellten des Hauses in der Pariser Rue Cambon 31 gesprochen. Tempo nimmt die Darstellung freilich erst auf, als die gerade mal volljährige Chansonette Gabrielle im "Rotonde" von Moulins vor Offizieren auftritt. Sie singt Qui qu’a vu Coco? und wird die Geliebte routinierter, wohlhabender Lover, erst von Étienne Balsan, dann von Arthur "Boy" Capel. Sie halten die dunkelhaarige Kleine mit den hohen Backenknochen und der knabenhaften Figur aus, sie bringen ihr die Spielregeln des dekadenten Milieus bei, und sie ihrerseits amüsiert die Herren. "Ich war ein Kind", sagte Chanel selbst über diese Jahre. Immerhin, die Mischung aus Unschuld und Erfahrung, aus Nonchalance und Leidenschaft sollte alle späteren Affären prägen. Männer liegen ihr zu Füßen – und ziehen weiter, um andere Frauen zu heiraten. So auch der Herzog von Westminster, der bekannteste ihrer Gefährten, der ihr irgendwann seine Braut zur Begutachtung vorbeischicken wird. Wenn das Paar nicht auf seiner Jacht unterwegs ist, wird in Schottland geangelt – "50 Lachse innerhalb von zwei Monaten", wie der mit dem Herzog befreundete Winston Churchill anerkennend nachzählt. "Ein starkes Geschöpf" nennt er Coco, "fähig, über einen Mann oder ein Reich zu herrschen".