Gibt es einen Leitfaden, nach dem man Fortschritte und Rückschritte in der europäischen Geschichte der beiden letzten Jahrhunderte beurteilen kann? Ist eine »normative Rekonstruktion« der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte aus philosophischer Sicht möglich? Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth findet diesen Leitfaden bei Hegel. Während Habermas die Maßstäbe der kritischen Gesellschaftstheorie in einer sprachphilosophischen Transformation Kants neu formulierte, geht Honneth auf Hegels Kantkritik und seine Historisierung der Vernunft zurück. Auch für Honneth kann man moralische Normen und Gerechtigkeitsvorstellungen nicht durch hypothetische Diskurse oder Vertragsmodelle, wie etwa bei Rawls, rechtfertigen. Man hat keine Argumente, wenn man ganz von den Werten der Institutionen absieht, in denen man lebt. Diese wiederum sind ohne das Verständnis ihrer historischen Entwicklung weder zu verstehen noch zu rechtfertigen. Honneth plädiert für eine materiale und historische Gerechtigkeits- und Freiheitstheorie.

Bereits in früheren Arbeiten hat er versucht, Hegel für eine »Pathologie der Moderne«, eine Diagnose ihrer Fehlentwicklungen, fruchtbar machen. In seinem neuen Buch Das Recht der Freiheit ist das gesamte systematische Gerüst an Hegel angelehnt. Die Grundformen der Freiheit reflektieren Hegels Verständnis von Recht, Moralität und Sittlichkeit. Auch die Einteilung der sozialen Sphären in Familie beziehungsweise private Nahbeziehungen, marktwirtschaftliche Ökonomie und den politisch-staatlichen Bereich folgt Hegels Rechtsphilosophie. Andere moderne Autoren, wie etwa Michael Walzer, kennen eine viel größere Zahl an »Sphären der Gerechtigkeit«.

Jeder will erfahren, dass er von anderen bejaht und respektiert wird

Für Honneth ist die entscheidende Wertvoraussetzung der Moderne die Freiheit in drei Bedeutungen: als gleiches Recht eines jeden Menschen auf bestimmte Grundrechte, als Anspruch auf das eigene autonome Urteil über moralische Normen und als »soziale Freiheit«. Letztere versteht er mit Hegel als »Anerkennung«. Das ist der Schlüsselbegriff für seine Kritik der Entwicklung moderner Gesellschaften: Jeder will sich im sozialen Handeln von den anderen bejaht, respektiert und in seinen Zielen gefördert erfahren. Diese Beziehung muss eine symmetrische sein, in der er die anderen ebenso fördert und »ergänzt« – alltäglich erfahrbar ist das vor allem in Freundschaft und Liebe. Marktbeziehungen und demokratische Politik folgen aber demselben Muster. Honneth nennt die soziale Freiheit daher auch »demokratische Sittlichkeit«. Von ihr aus müssen Moral und Recht vor allem als Bedingungen sozialer Freiheit verstanden werden. Das Recht als »negative Freiheit« zu verstehen, deren Bedeutung vor allem in der »Berechtigung zur temporären Verweigerung von lebensweltlichen Verpflichtungen« liegt, trifft aber allenfalls Teilaspekte des modernen Begriffs subjektiver Rechte.

In einer eindrucksvoll dichten Rekonstruktion der gesamten Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts will Honneth demonstrieren, dass die Fortschritte und Rückschritte in der Verwirklichung dieser Formen der Freiheit klar identifizierbar sind. Seine Geschichtskonzeption ist nicht historistisch oder positivistisch, sie erlaubt deutliche Werturteile. Familie, Wirtschaft und Politik verwirklichen oder verraten einen normativen Begriff von Freiheit, der in ihnen selbst angelegt ist und zu ihrer Legitimation gehört.

Wie die Krisen in Hegels Phänomenologie des Geistes sind auch Honneths soziale »Pathologien« – ein Ausdruck, den er von John Dewey übernimmt – durch einseitige Monopolansprüche verursacht. Werden die Forderungen universalistischer Moral absolut gesetzt, pervertieren sie zum Rigorismus einer unmenschlichen Pflichtmoral. Das hat vor allem die Literatur des 19. Jahrhunderts vor Augen geführt (etwa in den Romanen Fontanes oder Flauberts). Die grenzenlose Ausdehnung der zweiten Form der Freiheit, des Rechts, führt zu einer pathologischen Verrechtlichung aller Lebensbereiche. Der Versuch, alle Konflikte nur rechtlich zu lösen, kann zum Verlust gemeinsamer Güter und nicht erzwingbarer Sozialbeziehungen führen. Das zeigt sich heute etwa im Gesundheitswesen, dem familiären Bereich und der Erziehung. Auch dass Politiker so lange lügen, wie ihnen ihr Anwalt dazu rät, ist ein Zeichen der Erosion von Charakter und Vertrauen.

Neben solchen Pathologien gibt es für Honneth in den sozialen Institutionen Fortschritte und Fehlentwicklungen. Letztere gehen auf Missverständnisse oder Verleugnung ihrer eigenen immanenten Wertgrundlagen zurück. Fortschritte macht in der Moderne vor allem der Bereich von Freundschaft, Liebe und Familie. Das erstaunt angesichts der zeitgenössischen Wehklagen über den Verfall der Familie, die Scheidungsrate und die Verwahrlosung von Kindern. Honneth leugnet diese Symptome nicht, führt sie aber im Wesentlichen auf die unzureichenden wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zurück. Innerhalb der Familie ist das Bewusstsein über den Wert der wechselseitigen Anerkennung dagegen gewachsen. Die Gleichberechtigung der Partner, das Ernstnehmen der Kinder, auch die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bezeugen das. Dass Eltern immer länger leben und oft der Pflege ihrer Kinder bedürfen, sieht Honneth nicht primär als Belastung. Es eröffnet die Chance, »dass unser Leben im Kreis der Familie an seinen Anfangspunkt zurückkehrt und daher einen stimmigen Abschluss finden kann«.