Am Eingang zur Unterwelt steht ein schlanker, schwarzer 22-jähriger Mann mit einer sanften Stimme. Eric Mumba hat sich Essen aus einem Fast-Food-Restaurant geholt und ist auf dem Weg nach Hause. Sein Zuhause ist Block 1 in der Sozialbausiedlung Broadwater Farm im Nordlondoner Bezirk Tottenham, dem Ort, wo alles begann.

Am Donnerstag, dem 4. August wurde hier sein Freund Mark Duggan von Polizisten erschossen . Drei Tage später zündeten die Bewohner seines Viertels hier die ersten Geschäfte an . Jetzt schaut das ganze Land auf Broadwater Farm, als lägen hier alle Antworten dafür, warum sich die Plünderungen in den drei folgenden Nächten auf Städte im ganzen Land ausweiteten.

Es gibt keine klare Antwort auf das Warum, auf die Frage, wie in einem reichen Land eine junge Generation ohne Hoffnung und ohne Glauben an die Regeln der Gesellschaft aufwachsen kann. Es gibt auch nicht die typische Gruppe von Plünderern. Viele waren schwarze Teenager, aber es waren auch Weiße und Asiaten darunter, Junge, aber auch Ältere, Sozialhilfeempfänger und Angehörige der Mittelschicht, Studenten, Lehrer und Gelegenheitsdiebe.

Aber das Zentrum des Gewaltausbruchs verrät doch einiges über Großbritannien –und sei es nur die Erkenntnis, dass manche Viertel erschreckende Ähnlichkeit mit den inner cities amerikanischer Großstädte haben.

Broadwater Farm ist ein riesiges Gelände mit grauen Wohnblöcken, in denen es aussieht wie in einem Parkhaus: Die Betondecken sind erdrückend niedrig, die Wände kahl. 3800 Menschen aus 39 Ländern leben hier. Eine Wandmalerei prangt im Hof, sie zeigt Porträts von Gandhi, Bob Marley und John Lennon.

Jahrzehntelang war die Siedlung eine No-go-Area in der britischen Landschaft. 1985 starb hier eine schwarze Frau namens Cynthia Jarrett an einem Schlaganfall, während Polizisten ihre Wohnung durchsuchten. Jugendkrawalle folgten, ein Polizist starb. Die Erschießung von Mark Duggan weckte bei den Bewohnern sofort Erinnerungen an den Aufruhr von 1985. Duggan, 29, war bewaffnet, als er starb, hatte aber entgegen ersten Meldungen nicht auf die Polizisten geschossen.

"Warum musste Mark sterben", fragt Mumba. "Warum hat ihn die Polizei erschossen? Warum hat sie zwei Tage gebraucht, um die Familie zu benachrichtigen? Warum hat sie ihn verfolgt? Wen verfolgt sie noch? Mich vielleicht? Wenn es Mark treffen kann, dann kann es jeden von uns treffen."