Gerold Becker wurde von vielen als charismatischer Pädagoge gerühmt. Ahnte denn niemand, dass gerade besonders beliebte Pädagogen besonders kritisch betrachtet werden müssen, weil der Wunsch, ja die Sucht nach Beliebtheit vor allem einen selber korrumpieren kann, gerade als Pädagogen? Immerhin haben immer wieder Lehrer und Erzieher die Odenwaldschule verlassen, auch weil sie, wie eine ehemalige Lehrerin dies neulich sagte, Becker für einen »sauschlechten Pädagogen« hielten: In der ersten Hälfte der siebziger Jahre habe ein Kreis von Erziehern höchst ahnungsvoll versucht, Becker aus dem Internat zu drängen und auf das Schulvorstandsamt zu reduzieren. Aber dann kamen zwei seiner Adlaten und widersprachen: »Das wünscht der Vorstand nicht, wir passen hier selber auf ihn auf!« Als ob sie das je gewollt – und falls ja, gekonnt hätten.

Zurück zum Film: Wenn man ihn in seiner leidenschaftlichen Unaufgeregtheit auf sich wirken lässt, stellt sich – ohne dass die Odenwaldschule pauschal zu beurteilen oder zu verurteilen wäre – bohrend die Frage nach der professionellen Kompetenz in wesentlichen Bereichen. Die meisten wollen von dem Sumpf an Missbrauch und Distanzverletzung jahrzehntelang nichts gemerkt haben? Pardon, Pädagogen, die ihr Handwerk sensibel verstehen, bemerken Zeichen der Verstörtheit und Bedrückung an ihren Schülern und gehen dem sorgfältig nach – wenn sie es können, wollen und obwohl sie Sanktionen von oben befürchten müssen. Wiegen Kinderschicksale weniger als die Mühen der Zivilcourage?

Doch so bedrückend der Film war, den einen positiven Helden führte er uns doch vor – Salman Ansari. Ansari, von 1974 bis 2005 Mitarbeiter der OSO, hatte sich, ohne Angst vor Arbeitsplatzverlust, früh auf die Seite der Missbrauchten gestellt, hatte überdies versucht, ihnen den Weg in die Öffentlichkeit zu ebnen, allerdings nur mit geringem Erfolg. Außer der Frankfurter Rundschau hat 1999 niemand die Sache aufgegriffen, weder die SZ noch die FAZ, noch der Spiegel, noch die damalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, an die sich Ansari persönlich gewandt hatte, noch die ZEIT, in der Hartmut von Hentig und sein Lebenspartner personae gratissimae waren. Insofern stellt sich die Frage nach der ausbleibenden Empathie für die Opfer einer zur Libertinage verkommenen Liberalität immer noch, weit über den Kreis der unmittelbaren Täter hinaus.

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