An Bau und Fall der Mauer wird routiniert erinnert. Es ist ein Diskurs entstanden, der vom Unrechtsstaat der DDR über die unglaubliche, friedliche Revolution bis zur Einheit reicht. Diese kollektive Erzählung schließt aber etwas Entscheidendes aus: die letzte, dritte Generation Ostdeutschlands, die dazu einen eigenen Beitrag leisten kann. Die DDR ist nicht nur eine Erinnerung unserer Eltern, sie wirkt bis heute auch auf uns ein.

Das kurze Dasein der Mauer in der Weltgeschichte ist beendet, und für junge Menschen scheint es keine Rolle mehr zu spielen. Wir, die jungen Ostdeutschen, waren vielleicht acht, zehn Jahre alt, als die Mauer fiel. Den größten Teil unseres Lebens haben wir im wiedervereinigten Deutschland mit all seinen Freiheiten gelebt. Wir sind angekommen, wir haben die alten Ost-West-Gräben hinter uns gelassen, glaubten wir beinahe selbst.

Die Elterngeneration verkriecht sich in schablonenhaften Erinnerungen

Die Mauer ist aber doch ein Teil von uns. Da gibt es ein paar verblasste Erinnerungen an die ersten Pioniernachmittage. Einige von uns haben, blind vertrauend auf die Eltern und Lehrer, an Jahrestagen Nelken getragen. Andere fühlten die Lähmung, als der elterliche Ausreiseantrag abgelehnt wurde. Scham und Stolz, vorher und nachher, liegen dicht beieinander. Aber das ist es nicht allein. Die Mauer ist vor zwanzig Jahren niedergerissen worden, doch wir fühlen sie bis heute in unseren Familien. Sie trennt inzwischen Eltern von Kindern, sie bestimmt, wie wir uns erinnern und woran. Sie umschließt heute die mentalen Zufluchtsorte. 

Mit der DDR brachen alle bisher gültigen Orientierungen zusammen. Auf einmal war nicht nur das Begrenzende, sondern auch das Schützende der Mauer weg. Und mit ihr ein Land, das nicht viele geliebt, aber in dem sich fast alle eingerichtet hatten. Egal, wie man zu diesem System stand, auf einmal musste jeder sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen. Von einem Tag auf den anderen mussten unsere Eltern Probleme lösen, die sie nicht kannten. Sie mussten aufholen und sich zurechtfinden in einem System, das anders war, als sie es sich erträumt hatten. So konnte ein lapidarer Brief von einem Anwalt oder einer Versicherung existenzielle Ängste verursachen, weil niemand wusste, was er eigentlich bedeutete.

Aber was hat das mit uns jungen Ostdeutschen zu tun?

Plötzlich zählten die Lebensentwürfe unserer Eltern nichts mehr. Plötzlich schien das, was sie gelebt hatten, falsch. Plötzlich waren unsere Eltern schwach. Wir haben mit ihnen erlebt, wie alle Wahrheiten abhandenkamen. Wir waren mit sieben oder zehn genauso unerfahren wie sie, die uns erziehen sollten. Unsere Eltern mussten erst selbst herausfinden, dass Dauerwellen und die CDU ihre Versprechen nicht halten. Dabei war es egal, ob man das Kind eines Arbeiters, Pfarrers oder Funktionärs war. Alle hatten keine Ahnung, alle waren überfordert.

Diese erfahrene Unsicherheit, in den Familien, aber auch im Großen, verbindet uns, die dritte Generation Ostdeutschland. Unsere Großeltern, die erste Generation, haben noch den Krieg erlebt. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, die DDR aufzubauen und neue Leben zu beginnen. Unsere Eltern wurden in den fünfziger und sechziger Jahren geboren und kannten nichts anderes als dieses Land.

Es ist unsere Chance, das Unausgesprochene auszusprechen

Zwischen 1975 und 1985 kamen etwa 2,4 Millionen Menschen in der DDR zur Welt. Sie sind die dritte Generation eines Landes, das es nicht mehr gibt. Zwar sind wir nicht, wie Migranten, in ein anderes Land ausgewandert, aber ein neues Land ist zu uns gekommen. In beiden, der DDR und der BRD, haben wir unsere Wurzeln. Uns verbindet am meisten, dass wir keine Ahnung haben, was die eine Hälfte unserer Herkunft, nämlich die DDR, mit uns zu tun hat.

Wir, die dritte Generation, haben in den letzten zwanzig Jahren mehr als andere auf unsere Eltern aufpassen müssen. Auch wir hatten keine Erfahrungen mit dem neuen System, nur hatten wir Jungen nichts zu verlieren. Da man als Kind ohnehin vieles erst lernt, haben wir uns schneller in dem neuen Land orientieren können als sie. Wir sahen mehr Möglichkeiten als Gefahren. Wir haben ein wenig unseren Eltern die Welt erklärt.

Die Kehrseite der tiefen Verunsicherung in dieser Zeit ist ein selektives Gedächtnis in Bezug auf die DDR. Unsere Eltern verkriechen sich in schablonenhaften Erinnerungen. Sie berichten wenig und meist nur das, was ihnen heute kein Unbehagen bereitet. Sie wollen ihre gerade neu errungene Identität nicht gefährden. So erzählen sie auch ihr Leben, lückenhaft und verträglich.

Sie sprechen vom Kollektiv, in dem sie alle gearbeitet haben. Oder von Montagsdemonstrationen und organisierten Ferienreisen. Erinnerungen werden nur bruchstückhaft weitergegeben, verdrängt, vielleicht sogar vergessen. Wir vermissen, dass sie mit uns einen differenzierten Blick auf eine Zeit werfen, die nicht widerspruchsfrei zu interpretieren ist – weder heute noch damals.

Aber wir Jungen lassen sie damit davonkommen. Wir selbst haben bisher nicht danach gefragt. Wir waren stumm. 

Stumm, weil wir die meiste Zeit damit beschäftigt waren, unsere Eltern zu stützen. Wir wollten ihre Welt nicht noch komplizierter machen. Wir haben ihnen geholfen, sich zurechtzufinden. Wir waren dabei, als sie sich ein neues Auto kauften, erste Westreisen machten, den Job verloren, sich in ihren Kleingarten flüchteten.

Stumm auch, als die DDR und die Nachrevolutionszeit öffentlich verhandelt wurden. Wir waren damals sehr jung und passten nicht in einen Diskurs, der einseitige Interpretationen der Geschichte hervorbrachte. Und wer wollte sich schon öffentlich zum Ostdeutschen machen? Wir sind integriert und aufstrebend, ehrgeizig und oft kapitalistischer als mancher im Westen. Wir wollten lieber unsere Herkunft loswerden, als sie zum Gegenstand einer Debatte zu machen. Das ist ein Phänomen, das auch bei Älteren zu beobachten ist, die in Politik und Gesellschaft wichtige Posten besetzen.

Wo ist deine Stasiakte, damit ich sie lesen kann?

Der Preis für den stummen Frieden ist, dass wir vergessen haben, zu fragen: Wie war es denn so in dem totalitären Staat? Warum hat er so lange bestanden? Wie hat sich das angefühlt, als es hieß, du musst zur Armee, sonst kannst du nicht studieren? Wo ist deine Stasiakte, damit ich sie lesen kann? Diese Fragen klingen hart und sind schwierig zu beantworten. Aber sie müssen gestellt werden, damit wir einen neuen Diskurs führen können, der vielfältiger und widersprüchlicher ist als der alte. Wir wollen nicht mehr nur wählen können zwischen der DDR als Unrechtsstaat und einer schalen Ostalgie. Gerade wir, die dritte Generation Ost, haben die Verantwortung, uns ein eigenes Bild von der Vergangenheit zu machen. Dazu brauchen wir die Erfahrungen unserer Eltern. Wir wollen wissen, was die DDR, die Mauer, mit uns und unseren Familien zu tun hat. Wir wollen nicht anklagen, sondern unsere wirkliche Vergangenheit finden.

Wir müssen einzeln und gemeinsam unsere Eltern, Lehrer und Politiker fragen, wie es war. Wir müssen auch die Stasiunterlagen-Behörde fragen, was in den Akten steht. Wir wollen sie selbst lesen. Nur so können wir endlich verstehen, wie hoch der Preis wirklich war, sich in der Unfreiheit einzurichten. Es ist unsere Chance, das Unausgesprochene auszusprechen, endlich die Mauern in unseren Familien zu beseitigen. Und dann kann es gelingen, den größeren Diskurs über die deutsche Vergangenheit gerecht und gemeinsam zu führen.