Vor zehn Jahren sah ich ihn das erste Mal: Lyndon Harris, Pastor der St. Paul’s Chapel in New York. Es war ein Sonntagsgottesdienst, an einem kühlen Sommermorgen früh um acht, noch verwaist waren die Straßen am Südzipfel Manhattans. Schon am Ende des Gottesdienstes brodelte draußen der Broadway, St. Paul liegt im Zentrum der Macht. Wenige Straßen entfernt der Financial District, mit Wall Street und Federal Reserve Bank. Schritte nur bis Rathaus und One Police Plaza oder den Gebäuden der höchsten Gerichte. Jenseits des Friedhofs mit jahrhundertealten Grabsteinen, der St. Paul umgrenzt, und schimmernd durch die Wipfel seiner grünen Platanen: die beiden Türme des World Trade Center, einhundertzehn Stockwerke hoch.

An diesem Morgen ließ der Türwächter die kleine Gemeinde ein, während die vielen Obdachlosen, die auf der Galerie schlafen durften, aus dem Gebäude gingen. Unser neuer Pfarrer stellte sich vor. Lyndon Harris war damals 40 Jahre, ein vor Optimismus sprudelnder Südstaatler, dessen Predigten an der National Cathedral in Washington Rektor Matthews von St. Pauls mächtiger Mutterkirche, der anglikanischen Trinity Church an der Wall Street, angenehm aufgefallen waren. Sein Vater sei noch vor seinem elften Geburtstag gestorben, sagte Harris, seine Mutter habe die Familie zusammengehalten, eine "stählerne Magnolie", die stets darauf bestanden habe, Leben sei eine Einladung zum Leben, es gebe immer Platz für noch einen mehr am Esstisch, ganz gleich, wie er gedeckt oder wie alt er sei. Und er verwies lachend auf St. Pauls Mauern.

Zur britischen Kolonialzeit war St. Paul ein Kirchlein für Bauern und Viehhirten. Im September 1776 blieb sie unversehrt von dem Feuer, das New York samt der Trinity Church zerstörte, nachdem britische Truppen die amerikanischen Rebellen vertrieben hatten. Der Rebellen-General George Washington war ihnen nur knapp entkommen; General Richard Montgomery nicht – er ist in St. Paul begraben, direkt hinter dem Altar. In dessen Silhouette erhebt sich sein Ehrenmal aus weißem Marmor, das erste Nationaldenkmal der USA. Im September 1788 wurde New York erste Hauptstadt, Washington erster Präsident – und St. Paul seine Kirche. Nach seiner Vereidigung am 30. April 1789 betete Washington in St. Paul unter einem der ersten Hoheitszeichen der USA. Es zeigt das Spruchband E pluribus unum , "Aus vielen eines", im Schnabel eines Truthahns, des ursprünglichen Wappentiers. Die Loge des Präsidenten ist immer noch unversehrt. Vor zehn Jahren war sie Erste-Hilfe-Station und chirurgische Notambulanz für die verbrannten Füße von Hunderten Bürgern.

11. September 2001, 8.30 Uhr. Die Fernsehstudios der Trinity Church, einen Steinwurf entfernt von St. Paul und den Türmen des World Trade Center, bereiten die Aufzeichnung einer Sendung mit Rowan Williams vor, dem künftigen Oberhaupt der Anglikaner. Trinity Church an der Wall Street ist eine ihrer reichsten Gemeinden. Schenkungen der britischen Krone überließen ihr einst große Teile von Manhattan, allein in der Lower West Side besitzt sie 27 Gebäude mit über 600000 Quadratmeter Mietraum. Mit den Einnahmen bezahlt Trinity nicht nur die allerfeinste Kirchenmusik in der neugotischen Kathedrale, sondern finanziert Armenküchen und Altenheime in New York sowie zahllose Unternehmungen in den Ländern des Commonwealth. Der Einfluss von Trinity, die Macht und Reichweite seines Rektors Dr. Daniel P. Matthews sind kaum zu überschätzen. Die Bankiers der Wall Street klopfen bescheiden bei ihm an, um sich mit einem Sitz in Trinitys Synode küren zu lassen.

Noch vor Beginn des Interviews im Studio rast American Airlines Flight 11 in den Nordturm des World Trade Center. Augenzeugen berichten von Körperteilen in den Straßen. Wenig später donnert United Airlines Flight 175 in den ganz nahen Südturm. Ein Terroranschlag. Pastor Lyndon Harris läuft zu Trinitys Kindergarten, um die Kleinen in Sicherheit zu bringen. Feuerwehrmänner strömen in die Türme, Scharen von Sanitätern. Menschenregen. Es regnet Menschen. Sie kommen aus den schwarzen Wolken über den Feuern. Wie Regentropfen zerplatzen sie rot am Boden. Ein Dutzend, einhundert, zweihundert.

Der Südturm stürzt ein. Dichtester Staubnebel dringt in die Räume. Lyndon verteilt feuchte Papiertücher an die Kinder. Dann Stromausfall. Schwärze. Er führt die Kinderschar hinaus, durch den knöcheltiefen Staub auf den Straßen fort von den Türmen, nur fort von den Türmen. Sturm peitscht durch die Gassen, die Erde bebt. Dann stürzt der Nordturm ein.

Rektor Matthews habe sich um nichts gekümmert, nicht um die Kinder, nicht um seinen erzbischöflichen Gast, erzählt man sich in St. Pauls kleiner Gemeinde. Er sei losgerannt zur Fähre nach Staten Island und dann in den Süden gefahren. Zu einem lange geplanten Klassentreffen.