Sieger gibt es nicht in der atemberaubenden juristischen Saga Strauss-Kahn. Die Vergewaltigungsanklage gegen den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds ist fallen gelassen , er kann gehen, wohin er will. Aber seine Karriere liegt in Trümmern, seine Aussichten, französischer Präsident zu werden, sind dahin, sein bürgerliches Ansehen ist ruiniert. Für alle Welt ist er fortan das Tier in Männergestalt, dessen Ejakulat ein wildfremdes Zimmermädchen, zehn Minuten nachdem es ihm das erste Mal begegnet ist, auf den Teppich des Hotelzimmers spuckt. Was immer da passiert ist – ein Verbrechen, eine Intrige, einvernehmlicher Sex unter Fremden –, DSK ist vor aller Welt erledigt. Als Bankier. Als Politiker.

Nicht besser steht es um das Zimmermädchen, Nafissatou Diallo. Sie, die von den New Yorker Anklägern anfangs als Opfer präsentiert wurde, an dessen Glaubwürdigkeit kein Zweifel bestehe, wird nun von denselben Staatsanwälten als notorische Lügnerin bezeichnet . Auch ihr Ruf ist zerstört, und die spektakuläre Anklage, die wesentlich auf der Glaubwürdigkeit der Zeugin beruhte, ist kollabiert. Das heißt nicht zwingend, dass sie nicht vergewaltigt wurde. Ob sie tatsächlich Opfer einer sexuellen Attacke gewesen ist oder nicht, ob Strauss-Kahn womöglich in eine Falle getappt ist, all das wird sich vermutlich nie beweisen lassen.

Die wohl verheerendste Niederlage aber hat die Justiz selbst erlitten. Das rechtsstaatliche System, das ganz darauf angelegt ist, nicht dem ersten Anschein zu trauen, Zweifel starkzumachen, eben nicht vorschnell zu urteilen, hat komplett versagt. In New York galt nicht der klassische Satz in dubio pro reo, sondern das Gegenteil: in dubio contra reo.

Das hat auch, aber eben nicht nur mit dem amerikanischen Strafjustizsystem zu tun, in dem Richter und Staatsanwälte aufsehenerregende Fälle brauchen, um ihre Wiederwahl zu sichern. Dass in der Öffentlichkeit vor allem die Instinkte regieren, wenn ein berühmter, mächtiger Mann unter Vergewaltigungsverdacht gerät, ist keine US-Spezialität. Auch in Deutschland drohen dann bei Justiz und Medien die Sicherungen durchzubrennen. Siehe Kachelmann. Als habe das Gemisch aus Sex, Verbrechen und Prominenz etwas Radioaktives, zerfallen Konventionen, verändern sich Institutionen. Und es gerät in Vergessenheit, dass zum Versprechen des Rechtsstaats nicht nur ein gerechtes Urteil gehört, sondern auch ein faires Verfahren.

Das einzig Ermutigende an der Causa Strauss-Kahn ist denn auch die Einsicht, dass der Rechtsstaat in der Lage ist, selbst unter massivem Druck die eigenen Fehler zu korrigieren. Viel zu spät, mit tragischen Kollateralschäden für die Betroffenen, aber immerhin. Am Ende, so scheint es, hat das Recht doch funktioniert.

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