Der Junge hat an diesem Tag noch nichts gegessen. Und das wird er auch nicht, bis die Dunkelheit kommt. Es ist Ramadan. Ali Mazdreku wartet auf seine Mitschüler, die sich im Frühstücksraum rote Erdbeermarmelade auf weiße Weizenbrötchen streichen. Sie nehmen am Zukunfts-Camp von DB Services teil, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn, die Dienstleistungen anbietet.

Ali ist 17 Jahre alt und kommt aus dem Kosovo. Religion ist ihm wichtig. "Man muss beten, fasten, sich an die Regeln halten", sagt er. Seit einigen Jahren fastet er schon, wenn Ramadan ist. Es macht ihm nichts aus, auf Essen und Trinken zu verzichten. Ali will sich aber auch in Deutschland an die Regeln halten, etwas von der Kultur erfahren und von der Geschichte. Deswegen sitzt er um zehn Uhr morgens mitten in den Sommerferien freiwillig in einer Gelsenkirchener Gesamtschule beim Zukunfts-Camp .

Das Camp findet in diesem Jahr zum ersten Mal statt. Fußballnationalspieler Mesut Özil ist der Schirmherr. Und weil er selber aus Gelsenkirchen kommt, findet auch der Unterricht dort statt. Ziel der Initiative sei es, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und Schüler auf die Berufswelt vorzubereiten, sagt Personalgeschäftsführer Matthias Afting von DB Services. Außerdem wolle das Unternehmen mit dieser Initiative Mitarbeiter finden: junge Menschen, die sich bei der Bahn zu Gebäudereinigern, Elektronikern, Mechanikern und Industriekaufleuten ausbilden lassen wollen. Bis zu 40 Prozent der Menschen, die im Service der Deutschen Bahn arbeiten, hätten einen Migrationshintergrund.

Eigentlich ist es Alis Traum, Kinderarzt zu werden. Aber eine Gelegenheit zum Lernen, findet er, sei immer eine gute Sache. Darum ist er hier.

-ung, -heit und -keit, das hat er in der Sommerschule schon gelernt: Wörter, die auf -ung, -heit und -keit enden, sind Substantive und müssen groß geschrieben werden. Außer Grammatik haben sie noch Bruchrechnung geübt. Ali trägt ein eng anliegendes graues T-Shirt, weite hellblaue Jeans, Sneakers und im Ohr ein silbernes A für Ali. Mit seiner schwarzen Hornbrille sieht er aus wie ein Student. Doch er geht erst seit sechs Jahren zur Schule. Ali ist in der neunten Klasse und bereitet sich auf seinen Realschulabschluss vor.

Im Zukunfts-Camp erhalten Haupt- und Gesamtschüler zwei Wochen lang Förderunterricht, Bewerbungstrainings und unternehmen Ausflüge. Drei Lehramtsstudenten aus verschiedenen Semestern und Universitäten unterrichten die Schüler ehrenamtlich in Deutsch, Englisch, Mathematik und Sozialkunde. Bis auf die zwei Räume, in denen die Sommerschule stattfindet, sind die Klassenzimmer im Gelsenkirchener Schulgebäude leer, die Flure verwaist. Auf dem Pausenhof liegen verkohlte Müllhaufen herum. Irgendjemand hat die Müllcontainer ausgeleert und den Unrat angezündet.

Ali sagt, er habe kein Lieblingsfach. Er liebe alle Fächer: Mathe, Deutsch, Englisch und Kunst. Er gehe gern in die Schule, sei dankbar für jeden Tag Unterricht, dankbar für Hausaufgaben, dankbar für die Chancen, die er habe, hier in seiner neuen Heimat. Hier in Gelsenkirchen.

Er war fünf Jahre alt, als der Krieg Ende der neunziger Jahre in sein Land kam, als Menschen auf den Straßen von Obilić lagen. Seine Mutter hielt ihm damals die Augen zu, zerrte ihn weg von den Toten und Verletzten. Alis Vater verdiente sein Geld als Händler, die Familie zog von Ort zu Ort, war nirgends zu Hause. "Wir sind Roma", sagt er.