An die hundert Male bin ich ihr begegnet. Auf Demonstrationen und Ausstellungen, in TV-Dokumentationen und bei Themenabenden über Vietnam. Zuerst war sie mir 1968 aufgefallen, da mochte sie kaum 20 Jahre alt gewesen sein. Sie blieb jung, sooft ich sie noch sah. Am Meeresufer, ein Gewehr über der Schulter, mühte sie sich, das Wrackteil eines F-4-Kampfbombers mit dem US-Stern aus dem Wasser zu ziehen. Nur dieses eine Foto kannte ich von ihr und sah es immer wieder: Es machte aus ihr eine Ikone des Vietnamkriegs.

Mit den Jahren verlor ich das Bild aus den Augen. Doch neulich, im Hof des Militärmuseums von Hanoi, war es wieder da. Das Foto von ihr, das einst preisgekrönte, hing im schwarzen Rahmen an einer haushohen Installation von Flugzeugtrümmern. Ein Hochzeitspaar ließ sich davor ablichten. Die Braut in Tüll hatte annähernd das gleiche Alter wie die barfüßige Partisanin an jenem Tag, als ihr Bild um die Welt ging. Doch was brachten die Tage, die Jahre danach, als es in dem zerstörten Land keine Hochzeitskleider und auch sonst wenig gab? Kehrte sie aus dem Krieg überhaupt zurück?

Plötzlich wollte ich das wissen. Christian Oster, ein Freund und Ex-Kollege, der in Vietnam lebt, half, sie zu finden. Ha Thi Nhien, so ihr Name , war ein wenig aufgeregt am Telefon. Lange hatte niemand mehr nach ihr gefragt. Wir fuhren von Hanoi hundert Kilometer nach Süden, vorbei an Reisfeldern, Straßendörfern, Soldatenfriedhöfen. Nhien wohnt seit 33 Jahren in Nam Dinh, einem Ort, in dem sie alle kennen.

Nicht als Ikone, sondern weil die heute 64-Jährige bis vor Kurzem Köstliches kochte und an ihrem Obst- und Gemüsestand Eingemachtes verkaufte. Die Braut des Krieges trug Schwarz, als sie uns in die festliche Stube der Nachbarin lud. Das eigene Haus baut sie gerade aus. Nhien ist jetzt in Rente. Sie muss nicht mehr um drei Uhr in der Frühe aufstehen, um alles für ihren Stand vorzubereiten: "Es hat gerade fürs Leben gereicht", erzählt sie in frohem Tonfall.

Und damals, 1967? Da war sie 20 Jahre alt und bemerkte nicht einmal, dass ein Fotograf auf den Auslöser drückte. Sie sah ja so viele Flugzeuge abstürzen, als sie auf dem Feld bei ihrem Heimatdorf, 60 Kilometer von hier, immer die Munition für die Flak vorbereitete. Der Geschützlärm raubte ihr das halbe Gehör. Dann staunte sie über das Foto in allen Zeitungen: "Das bin ja ich!" Man klopfte ihr viel auf die Schulter, holte sie zu Veranstaltungen und ins Fernsehen. Bestrafung war der Titel des Fotos, Belohnungen für ihre Rolle als Ikone gab es nicht.

Acht Jahre nach der Aufnahme heiratete Nhien einen Soldaten. Strahlend erzählt sie von den beiden verheirateten Töchtern. Ihr Sohn, 33 Jahre alt, hat sich zu uns gesetzt. Sie konnte ihn studieren lassen, er spricht Englisch, pachtete in Hanoi vier Hotels, bis ihn Vietnams jüngste Wirtschaftskrise ausbremste. Doch iPhone und großes iPad liegen neben ihm, er startet schon wieder durch.

Und wie denkt Nhien heute über die USA? "Nach dem Krieg", sagt sie, "habe ich mich nicht mehr um Politik gekümmert..." Der Sohn übernimmt diplomatisch: "Damals war Krieg. Jetzt sind wir glücklich, wenn die Amerikaner zurückkehren und vielleicht bei der Entgiftung der Böden und auch den Opfern helfen." Pause. "Und was denken Sie über China?" Da ist es mit der Diplomatie vorbei. Gelächter füllt den Raum. Alle empfinden die Frage als Witz. "Die Chinesen sind schlimme Nachbarn, sie wollen bei uns eindringen", antwortet der Sohn. "Aber es darf doch keinen Krieg mehr geben", sorgt sich die Frau, die ihn als Ikone überlebte.