Der Philosoph Odo Marquard schrieb, der Mensch führe seine "eiserne Ration an Vertrautem" stets mit sich, Kinder ihre Teddybären und Erwachsene ihren Goethe. Diese sogenannten "Übergangsobjekte" versprechen Kontinuität in einer überkomplexen Welt. Das "Übergangsobjekt" des urbanen Nomaden ist das Smartphone. Reduziert im äußeren Design, verspricht es Halt in jeder Lebenslage durch Multifunktionalität, personalisierte Musiklisten, Zugang zum Internet, und – falls es sich um ein Gerät von Apple handelt – ein gehöriges Maß an Coolness und Hypermodernität.

Die Ausstellung Stylectrical im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt "Elektrodesign, das Geschichte schreibt". Im Fokus steht die Arbeit von Jonathan Ive, der seit 1997 als Chefdesigner die Apple-Produkte prägt und emotionalisiert – mit bunten, ballonhaften iMacs sowie iBooks mit pulsierendem Schlaflicht, als wollten sie sagen: Ich bin immer da, dein bester Freund; mit PowerBooks aus Aluminium, dem iPhone als kleinem Begleiter für die Hosentasche und dem iPad als großem Bruder.

Die Vorbilder für Design und Material reichen Jahrzehnte zurück, vor allem zu Dieter Rams , Designer der deutschen Firma Braun: Das Drehrad des iPods hat seinen Vorläufer an Rams Transistorradio T3 von 1958. Und am Braun-Fernseher HF1 aus dem gleichen Jahr ist gerade ein Bedienungsknopf am äußeren Gehäuse sichtbar – wie der Homebutton des iPhones, der suggeriert, ein jeder könne das Gerät bedienen. So versprechen die All-in-one-Geräte über Design und Funktionalität auch soziale Inklusion.

In Wahrheit aber scheiden sich die Geister am Apfel. Die Gesellschaft teilt sich in Apple-Nutzer und Apple-Nichtnutzer. Auch innerhalb der Apple-Gemeinde bilden sich Szenen: Gerade die Formkonstanz und das reduzierte Design verlangen nach persönlicher Aneignung – durch Aufkleber oder Hüllen, handgefertigt oder aus Material wie Filz oder Lachshaut.

Eineinhalb Jahre hat die Kuratorin Ina Grätz an Stylectrical gearbeitet: Es ist die weltweit erste Apple-Gesamtschau. Der umfangreiche Katalog ist zugleich Produktverzeichnis – etwas, das Apple selbst bislang nicht bietet. Grätz’ Ausstellung folgt selbst jenen Ansprüchen, die heute als Corporate Design gelten. Der Titel ist eine Wortschöpfung, an der die Werbeagentur Jung von Matt mitgearbeitet hat und die als Marke die Ausstellung überdauern soll. Der Hamburger Musiker Monroe schuf extra einen Stylectrical -Soundtrack, der bei iTunes von Apple zu haben ist, und das Museum für Kunst und Gewerbe hat nun erstmals eine App.

"Mit dem Innovationstempo steigt auch die Veraltungsgeschwindigkeit", befand Odo Marquard. Längst kommen neue Designs im Jahrestakt auf den Markt und vom Kaufregal direkt ins Museum. Stylectrical zeigt auch, was diesem technischen Fortschritt fehlt, und präsentiert als Gegenbild Stühle und Flachbildfernseher, die nach dem "Cradle to Cradle"-Prinzip hergestellt wurden, das zyklische Stoffwechselkreisläufe statt einer Wegwerfmentalität propagiert. Denn Apple ist bislang nicht für Recycling oder vorbildliche Arbeitsbedingungen in seinen Fabriken bekannt.

Die Ausstellung "Stylectrical. Von Elektrodesign, das Geschichte schreibt" läuft noch bis zum 15. Januar 2012 im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg . Der Katalog "Apple Design" erscheint im Hatje Cantz Verlag.