Es liegt an ihm

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem soeben erschienenen Buch "Nichtschwimmer" (Ullstein Taschenbuch), in dem Felix Wegener, der dank der Reproduktionsmedizin schließlich Vater wurde, seine wahre Geschichte erzählt.

Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, dass meine Spermien in irgendeiner Form mangelhaft sein könnten. Wozu auch? Ich war nie länger krank, und obwohl ich 33 war, fühlte ich mich keineswegs gebrechlich, sondern eigentlich noch ziemlich frisch. Ich habe hin und wieder guten Sex. Auf meiner Brust wachsen Haare, und wenn ich mich recht erinnere, rasiere ich mich, seit ich 17 bin, und musste nicht wie andere meiner Freunde lange darauf warten, bis in meinem Gesicht etwas wuchs, was sich zu rasieren lohnte. Bis heute trage ich einen Dreitagebart und fühle mich auch sonst einigermaßen männlich.

Ich war immer gut im Sport, mit bloßen Siegerurkunden gab ich mich nicht zufrieden, und ein paar Jahre lang glaubte ich ziemlich fest daran, Fußballprofi werden zu können, auch wenn meine Aussichten nie so gut waren wie die meines besten Freundes, der es immerhin einmal auf die Ersatzbank eines Bundesligisten schaffte (okay, er saß dort nur einen einzigen Nachmittag lang). Jedenfalls gehörte ich nicht zu den Jungs, die sich scheuten, auf Bäume zu klettern, fest mit dem Ball zu schießen, nachts durch den Wald zu laufen. Ich fühlte mich schon als Mann, als ich noch keiner war.

Und dann kam der Frühling des vorigen Jahres. Im Freundeskreis gab es zu jener Zeit ungefähr im Zweimonatstakt neue Kinder zu bestaunen, meistens wurde eine E-Mail rumgeschickt mit ein paar süßen Fotos. Mir gefiel der Gedanke, auch so ein kleines Wesen zu haben. Ich wollte es mit Sonja kriegen, der Frau, mit der ich seit drei Jahren zusammen war, so krisenfrei, wie ich noch nie drei Jahre lang mit einer Frau zusammen war. Wir beschlossen, nicht mehr zu verhüten. Als nach ein paar Monaten nichts Fruchtbares dabei rumkam, ging zuerst Sonja zu ihrer Frauenärztin. Sie hatte immer schon Sorge, dass sie mal keine Kinder bekommen könnte, hat sie mir später erzählt. Aber zu ihrer Verwunderung war dann doch alles in bester Ordnung. Ich stellte mir immer noch keine Fragen.

Es war eine weibliche Idee, mich untersuchen zu lassen. Wir saßen in unserem Garten, der zu unserer Wohnung gehörte, und aßen Erdbeerkuchen, als eine befreundete Nachbarin in einem Nebensatz die Bemerkung machte, heutzutage seien ja in 40 Prozent aller Fälle die Männer schuld, wenn es nicht klappe mit dem Kinderkriegen.

40 Prozent! Ich verschluckte mich fast am Biskuit und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Doch in mir arbeitete es: 40 Prozent, das sind vier von zehn, das ist fast die Hälfte, das sind mehr Stimmen, als die CDU heute kriegt. Ich versuchte, die Zahl zu verdrängen, aß noch mehr Erdbeerkuchen und hoffte, Sonja würde nicht auf das zurückkommen, was die Nachbarin da erzählt hatte.

Sonja kam auf das zurück, was die Nachbarin da erzählt hatte. So schnell und direkt, dass ich später den Verdacht hatte, das Ganze sei unter den Frauen abgesprochen gewesen, um mir die Sache leichter zu machen, aber Sonja bestreitet das bis heute sehr heftig, und warum sollte ich der Frau, die ich liebe, nicht glauben?

Nun war ich an der Reihe, mich untersuchen zu lassen. Ich zögerte es hinaus. Ich gab vor, zuerst mal mit meinem Hausarzt sprechen zu wollen (ich hatte gar keinen Hausarzt). Ich gab vor, mich darum zu kümmern, wenn das nächste Großprojekt (das es nicht gab und das nur angeblich all meine Konzentration und Kraft forderte) über die Bühne gebracht sei. Wobei ich überhaupt keinen Zweifel hatte: Wenn das mit den 40 Prozent wirklich stimmen sollte (ich habe bewusst nicht gegoogelt), dann würde ich zu den 60 Prozent gehören.

Ich wollte nicht zum Urologen, weil ich Angst hatte vor dem Arzt, nicht vor dem Ergebnis. Männer gehen nicht zum Arzt, um dort ihr Gemächt herzuzeigen. Frauen gehen zum Frauenarzt, sie tun das, soweit ich das beurteilen kann, ohne größere Scham, jedenfalls reden sie ziemlich entspannt darüber, auch wenn Männer dabei sind und auch wenn diese, was nicht selten vorkommt, im Chor rufen: "So genau wollen wir das nicht wissen!"

Und jetzt stand ich vor dieser Praxis. Ich war pünktlich. Ich war früh aus dem Bett gesprungen. Ich hatte sorgfältiger als sonst geduscht und dabei darauf geachtet, dass die Wassertemperatur lauwarm und nicht heiß war. Soll besser sein. Sonja, meine Freundin, hatte mich zum Abschied in den Arm genommen und mir viel Glück gewünscht, als wäre ich unterwegs zu einem Vorstellungsgespräch.

Kopfdefekte! 93 Prozent! So etwas will man ja von seinen Spermien nicht hören.

Neben dem Eingang zum Ärztehaus machten zahlreiche Schilder darauf aufmerksam, dass es heutzutage für jedes Organ Spezialisten gibt.

Ich hätte jedes andere Körperteil untersuchen lassen wollen, aber nicht meine Hoden. Meine Hoden waren außer vom Bundeswehrarzt zur Musterung immer nur zu erotischen Zwecken von anderen Leuten berührt worden. Meine Hoden waren zum Spaß da. Und so sollte das bitte auch bleiben.

Beim Betreten der Praxis verfestigte sich mein Unwohlsein. Männer, die nach unten starren. Ich versuchte es freundlich, sehr freundlich, und sagte "Guten Tag", aber aus der Runde im Wartezimmer war fast kein Echo zu vernehmen. Als ich an der Reihe war, gab mir die Sprechstundenfrau einen Becher, der auch von Tupperware hätte sein können, größer als ein Schnapsglas, kleiner als ein Whiskeyglas. Sie sagte mir, ich sollte zweimal links gehen, dann fände ich einen Ort, an dem ich es mir gemütlich machen sollte. Ich fand dort eine Herrentoilette, trat ein und schloss ab, wunderte mich ein wenig und holte mir zum ersten Mal in meinem Leben aus medizinischen Gründen einen runter, auf einer Toilette sitzend. Erst beim Rausgehen fiel mir auf, dass im Nebenzimmer ein Ledersessel stand, daneben lagen Pornohefte, und auch eine Videoanlage stand bereit. Ich hatte mich in der Tür geirrt, ich Anfänger. Aber es würde ohnehin mein letzter Besuch hier sein, dachte ich.

Ich gab meinen Becher ab, und mir wurde gesagt, der Arzt werde mich gleich untersuchen, mit dem Spermiogramm sei erst in ein paar Tagen zu rechnen. Der Arzt war ein freundlicher Mann mit rahmenloser Brille, Typ Jungminister. Er war einfühlsam, trug Gummihandschuhe und betastete meine Hoden. "Einen schönen Hoden haben Sie da", sagte er. Ich dachte, wie recht er doch hat. Endlich sagt es mal einer.

Vier Tage später war ich wieder in der Praxis. Als ich zum Arztzimmer schritt, drückte ich den Rücken durch und versuchte einen selbstbewussten, männlichen Gang. Der Arzt gab mir die Hand und schloss die Tür. Ein schlechtes Zeichen? Vor ihm lag ein DIN-A4-Bogen. Ich schielte auf das Blatt. "Ejakulationsbefundbogen nach WHO 1999" stand da. Ist jetzt schon die Weltgesundheitsorganisation für mich zuständig? Sollten die sich nicht besser um die Cholera in Haiti kümmern?

"Wir stehen am Anfang", sagte er. Am Anfang wovon?, dachte ich. Einer lebenslangen Männerfreundschaft? Einer Krankheit mit garantiert tödlichem Verlauf? Einer schweren Saison für den VfL Bochum?

"Ihr Spermiogramm könnte schlechter sein." Er legte nur eine sehr kurze Kunstpause ein, die mir keine Zeit gab, über die verklausulierte Botschaft nachzudenken, bevor er hinzufügte: "Aber auch deutlich besser."

Nach diesen Worten verzichtete ich erst einmal auf jedes Nachdenken. Stattdessen nahm ich den Bogen in die Hand. Ich starrte auf das Blatt. Leider sagten mir die Zahlen gar nichts. Ich glaube, mein Gesichtsausdruck verriet das. Der Arzt erklärte mir, ich hätte zu wenige Spermien in zu viel Flüssigkeit. Und von den wenigen vorhandenen besäßen die allermeisten Kopfdefekte. 93 Prozent, um genau zu sein.

Kopfdefekte! 93 Prozent! So etwas will man ja von seinen Spermien nicht hören. Ich dachte an Matschbirnen, Hohlköpfe, intellektuellen Totalausfall. Ich stellte mir vor, wie in meinem Sperma einer den anderen nach dem Weg fragt, aber keiner kann ihn erklären.

"Es hört sich schlimmer an, als es ist", sagte er. Um mir dann zu erklären, dass mit Spermien meiner Qualität auf Anhieb ans Kinderkriegen nicht zu denken sei. "Aber", kam er doch noch zum ermutigenden Teil seiner Ansprache, "immerhin haben Sie überhaupt welche, es gibt Männer, die derlei gar nicht vorweisen können."

Ich und meine Freu planten also, was wir Dating-Sex nannten

Was für ein Trost, dachte ich. Ich habe Spermien.

Ich hätte den Arzt gerne etwas gefragt, aber mir dämmerte, dass ich ihn gar nichts fragen konnte. Weil ich nämlich rein gar nichts wusste zu diesem Thema. Jede Frage hätte offenbart, dass mein Wissen in Fortpflanzungsfragen ungefähr dem Niveau eines Sechstklässlers entsprach, wenn ich mich damit mal nicht überschätzte, weil den Sechstklässlern von heute sicher so einiges beigebracht wird, was mir in meiner Schulzeit verwehrt blieb.

Draußen stieg ich aufs Fahrrad, setzte mich auf den Sattel und fuhr los. Nach fünfzig oder hundert Metern kam mir plötzlich in den Sinn, dass ich vielleicht besser im Stehen radeln sollte. Nichts war mehr sicher. Als ich so stehradelte und mich fragte, ob mich vielleicht jemand dabei beobachtete und mich für so bescheuert hielt wie ich mich selbst, machte ich mir ein paar Gedanken über mich als Mann.

Würde mich Sonja überhaupt noch als solchen akzeptieren? Oder würde sie mich jetzt als biologischen Nichtsnutz aus der Wohnung jagen? Sie nahm davon Abstand, wenigstens vorerst. Sie tröstete mich und machte mir Komplimente.

In den nächsten Wochen nahm ich Zink-Tabletten, das sollte angeblich helfen, ich ernährte mich gesund, ich aß viel Fleisch. Wir wurden Patienten in einer Kinderwunschklinik, die heißt wirklich so. Ich hätte mein Kind gerne in den Dünen des Sossusvlei in Namibia gezeugt, in einem Zelt in den Alpen oder meinetwegen auch in unserem Einsachtzig-Ikea-Bett zu Hause. Aber nicht in dieser Praxis, die in ihrer Pastelligkeit einfühlsam wirken sollte und wo der "Espresso danach" schon bereitstand.

In der Kinderwunschklinik war die Gesellschaftsschicht Kunde, die auch bei Manufactum einkauft – so lange und ausgiebig, bis es die guten Dinge in den eigenen Geschlechtsorganen nicht mehr gibt. Dass die Sache hier am Ende Zehntausende Euros kosten kann, schockiert sie nicht.

Bislang hatte ich mit der Vorstellung gelebt, dass Männer, wenn sie alt werden, nicht nur sehr junge Frauen erobern können, sondern diese, wenn sie wollen, auch nach Belieben schwängern. Meine männlichen Freunde und ich, alle jenseits der dreißig, wir lebten sehr gut mit der George-Clooney-Lüge. Er ist das größte männliche Sexsymbol unserer Zeit und immerhin noch fünfzehn Jahre älter als wir. George Clooney sagt uns: He, Junge, lass dir Zeit. Du kannst sie alle noch haben. Und er zwinkert uns zu: Klar, so richtig fahren die Frauen erst auf mich ab, seit ich graue Haare habe. Jeder Mediziner weiß aber, dass die männliche Fruchtbarkeitskurve spätestens ab vierzig schneller nach unten geht als die Beliebtheitskurve von Guido Westerwelle nach der Ernennung zum Außenminister.

Bald hatten wir, was wir Dating-Sex nannten. Sonja erklärte mir, dass sie sich eine Spritze setzen wollte, die, ein paar Stunden später, ihren Eisprung auslösen würde. In einem Zeitintervall von einer knappen Stunde mussten wir Sex haben. "Das ist der letzte Versuch, es auf einigermaßen natürlichem Weg hinzukriegen, ohne künstliche Befruchtung", so erklärte es mir Sonja, die sehr bald in dieser Frage die führende Rolle eingenommen hatte.

Der große Tag kam ausgerechnet am Tag des EM-Halbfinales

Das erschien mir nur logisch: Sonja hat auch unsere Wohnung ausgesucht, sie hat überhaupt erst vorgeschlagen, dass wir zusammenziehen. Sie hat mich gefragt, ob wir nicht ein Kind haben wollten, sie hat die Farbe unserer Wände bestimmt und die des Duschvorhangs. Sonja ist die Vorstandsvorsitzende in unserer Beziehung, und ich bin der Praktikant, der überall dabei sein darf.

Die Nacht des verabredeten Sex fiel auf die des Europameisterschaft-Halbfinalspiels Deutschland gegen die Türkei. Wir waren bei Nachbarn eingeladen, das Spiel war auf einer Leinwand zu sehen. Natürlich waren auch Frauen und Kinder dabei. Fluchen war uns Männern untersagt. Das höchste der Gefühle war ein leises "Scheiße".

Wie soll man damit auskommen, wenn es bereits nach zwanzig Minuten 0:1 steht, durch ein Tor von Uğur Boral? Und es ging nervenaufreibend weiter bis zum Schluss, erst in der letzten Minute schoss Philipp Lahm das Tor zum 3:2-Sieg. Als der Schiedsrichter endlich abpfiff, lagen wir uns in den Armen, Frauen, Kinder und Männer.

Es waren aber nur die Männer, die aus dem Garten auf die Straße rannten – zur nächsten Straßenkreuzung, wo sich bereits andere Männer aus der Nachbarschaft versammelt hatten. Wir postierten uns dort, wo die Autos bei Rot warten mussten, und ließen die Fahrer aus nächster Nähe an unseren textlich wie melodiös improvisierten Gesängen teilhaben. Ich schaute nicht auf die Uhr. Ich hatte keine Lust, nach Hause zu gehen, ich wollte noch ein bisschen feiern.

Als mich Sonja an der Kreuzung stehen sah, mit einem Spielzeug-Megafon ein Liedchen singend, schaute sie mich an, als nagten an ihr nun doch erhebliche Zweifel, mit diesem Mann ein Kind zeugen zu wollen. Sie tippte auf ihre Armbanduhr und sagte: "Verausgab dich mal nicht hier." – "Noch ’ne Viertelstunde, okay?", sagte ich und setzte das Megafon zu weiterem Gesang an.

Als ich später alleine nach Hause ging, dachte ich an den ersten Abend, an dem mich Sonja nach Hause begleitet hatte, wie aufgeregt ich damals gewesen war. Nun war ich auch aufgeregt, aus anderen Gründen. Als ich die Wohnungstür aufschloss und nach ihr rief, lag sie schon im Bett.

"Und, alles okay?", fragte sie mich.

"Klar", sagte ich so lässig wie möglich. Offenbar sah ich aber so aus, wie ich mich fühlte, denn sie sagte: "Entspann dich." Ich kann mich nicht entspannen, wenn es jemand von mir verlangt, das funktionierte schon bei Passbildaufnahmen nicht. Das Schlafzimmer sah aus wie am Tag zuvor: zum Glück keine Rosenblätter oder Teelichter, die für eine romantische Stimmung sorgen sollten. Ich zog mich aus bis auf die Unterhose.

"Guter Hintern", sagte Sonja. Offenbar glaubte sie, mich ermutigen zu müssen.

"An dem gibt es wohl nichts auszusetzen", sagte ich und versuchte zu grinsen.

Ernüchterung: Kein einziges meiner Spermien hatte es ans Ziel geschafft

Ich kroch zu ihr. Wir küssten uns. Ich glaube, ich habe noch nie so schlecht geküsst. Ich fühlte mich von der Straßenlaterne gestört, die in unser Schlafzimmer leuchtete. Ich stand auf, ließ den Rollladen hinab. Wir küssten uns weiter. Ich stand wieder auf, zog den Rollladen dichter. Sonja seufzte.

Ich ging noch mal zur Toilette. Ich trank ein Glas Wasser, vielleicht würde mich das beruhigen. Als ich wieder neben Sonja lag, flüsterte sie mir ins Ohr: "Du, wenn es jetzt nicht klappt, macht das auch nichts. Es gibt Schlimmeres."

"Ach ja? Was denn?", fragte ich sie.

Sie lachte. Ich lachte.

Wir hatten sicherlich schon mal besseren Sex als den, der folgte. Aber immerhin hatten wir welchen. Hinterher legte Sonja ihren Kopf auf meine Brust.

"Liebst du mich trotzdem?", fragte ich.

"Das sage ich dir morgen."

Ich schaute auf die Anzeige des Radioweckers. Sie zeigte ein Uhr achtundzwanzig. Hoffentlich war es nicht zu spät gewesen.

Am nächsten Vormittag fuhr Sonja in die Praxis, um sich untersuchen und feststellen zu lassen, ob unser jüngster Beischlaf erfolgreich gewesen war. Ich war froh, dass ich nicht dabei sein musste, denn ich wusste, dass es bestimmt nicht viele meiner Spermien an den gewünschten Ort geschafft haben würden. Dass es aber kein einziges dorthin geschafft hatte, hat mich dann allerdings doch enttäuscht.