Keiner von Mario Gerths Kunden ahnt, dass der Bezirksleiter der Bausparkasse Schwäbisch Hall in Erfurt noch ein ganz anderes Leben führt da draußen, fernab der Bank. Der 34 Jahre alte Thüringer lebt Träume, die wohl viele hegen: einfach mal raus, Abenteuer erleben statt Akten wälzen. Kaum jemand verwirklicht diese Wünsche. Keine Zeit. Kein Geld. Mario Gerth aber hat einen Weg gefunden, beides zu sein: Bausparkassen-Mitarbeiter und Reisefotograf. Acht bis neun Monate im Jahr arbeitet er für Schwäbisch Hall. In der verbleibenden Zeit ist er unterwegs und erkundet die entlegensten Winkel der Welt.

Gerade erst ist er aus Namibia zurückgekehrt. Dort, im südlichen Afrika, hat er wochenlang beim Volk der Himba gelebt. Gerths Bilder vom Alltag der Hirten und ihrer Familien wecken die Sehnsucht nach einem ursprünglichen Leben in wild-schöner Natur.

Im Erfurter Bankbüro riecht es nach Putzmittel. Mario Gerth sitzt vor seinem Computer, mit Anzug, faltenfreiem Hemd und Seidenkrawatte. Nur der Dreitagebart verrät etwas von seinem anderen Leben. Heute aber ist er als Finanzdienstleister ganz für seine Kunden da. Für die junge Angestellte, die so bald wie möglich 150.000 Euro für eine Doppelhaushälfte braucht; für das Rentnerpaar, das sich fragt, ob es weiter bausparen oder lieber eine Reise wagen soll; für den Arbeiter, den seine Kreditzinsen dermaßen würgen, dass er vor Mario Gerth mit der Faust auf den Tisch haut.

Bevor Gerth aktiv wird, bevor er analysiert, rechnet und neue Verträge ausfertigt, hört er sich alle Geschichten mit einer fast meditativen Ruhe an. Er hat das, was vielen Angestellten mit festen Zielvorgaben fehlt: Zeit! Als Bezirksleiter der Schwäbisch Hall arbeitet er gemeinsam mit einer Kollegin eigenverantwortlich. Beide sind freie Handelsvertreter, die vom Provisionsgeschäft leben. Beide bekommen in der Erfurter Sparda-Bank-Filiale ein Büro gestellt, in dem sie ihre Kunden empfangen. Gerth erklärt die Vorteile des Geschäftsmodells so: "Ich habe keinen Chef, der mir auf den Füßen steht und vorschreibt, wie viele Termine ich am Tag machen muss. Ich bestimme das Pensum selber." Wenn er weniger arbeitet, verdient er weniger, und umgekehrt. Die Aufstiegschancen sind natürlich geringer, aber das macht ihm nichts. Es ist der Deal für ein freieres, selbstbestimmtes Leben.

Er hat das, was anderen Angestellten fehlt: ganz viel Zeit

Bereits Jahre vor dem Aufkommen des Lobgesangs auf mutige junge Kreative lehnte Gerth eine Festanstellung dankend ab und erfüllte sich stattdessen einen Kindheitstraum: Er schnappte sich seine Kamera, stieg aufs Rad und fuhr los. Kreuz und quer durch die ganze Welt, über die Pässe des Himalaya, durch den Regenwald und durch die Sahara. Fast fünf Jahre hat diese Reise gedauert. Menschen ist er unterwegs oft nur mit Gesten nähergekommen. "Ich habe gelernt, mehr auf die Körpersprache meines Gegenübers zu achten", sagt er. Das hilft ihm heute auch im Job.

Inzwischen hat Gerth einen guten Kompromiss für sich gefunden, zwischen dem bürgerlichen Leben mit Arbeit, Familie und Freundin in Deutschland – und dem Abenteuer draußen in der Welt. Freiheit, sagt er, lasse sich organisieren.