Warum geht der Westen in Syrien nicht so vor wie in Libyen? Der Einmarsch der Rebellen in Tripolis am Beginn dieser Woche hat gezeigt, wie hilfreich die Nato-Intervention für die Gegner Muammar al-Gadhafis war. Erst eine Flugverbotszone, dann Nato-Luftangriffe auf Einrichtungen und Milizen Gadhafis – den Rest erledigten die Revolutionäre am Boden. In dieser Woche feiern sie einen Sieg, der ohne die Hilfe des Westens kaum zustande gekommen wäre.

So einfach ist das in Syrien nicht. Das Regime scheint bisher stabiler zu sein, und die Opposition ist schlechter gerüstet – schon deshalb hält sich der Westen zurück.

Wenn ein Herrscher nicht freiwillig abtritt, wird der Ausgang einer Revolution mit Waffen entschieden. In Ägypten stellte sich die Armee nach etwa einer Woche auf die Seite der Demonstranten, in Tunesien war es ebenso. In Libyen spalteten sich die Streitkräfte: Ein großer Teil rebellierte gegen Gadhafi, ein harter Kern stand weiter zu ihm. In Syrien ist das bisher anders. Das Militär zeigt, von wenigen Desertionen abgesehen, keine Auflösungserscheinungen. Die Syrer sind mehrheitlich sunnitisch – doch die Herrscherfamilie und die obere Offizierskaste zählen zu den Alawiten. Ein Ende des Regimes wäre auch das Ende der Armee in dieser Form.

Die Opposition kämpft aus dem Verborgenen gegen die Mächtigen

In Libyen waren die Rebellen schon zu Beginn des Aufstands gut organisiert: Sie hatten eine eigene Armee, ein Hauptquartier, sie machten die schnell befreite Stadt Bengasi zu ihrem vorübergehenden Regierungssitz, wurden international anerkannt und exportierten Öl aus den Häfen unter ihrer Kontrolle. Anders bei der syrischen Opposition: Obwohl deren Aufstand im März – nur wenige Wochen nach der libyschen Rebellion – begann, hat sie weder eigene Truppen noch Stützpunkte. Syriens Opposition bildet keine geschlossene Front, sondern ist ein Sammelsurium aus Demonstranten auf der Straße, Bloggern im Untergrund, Exilanten in London, Beirut und Istanbul sowie geduldeten Oppositionellen in Damaskus. Auch wenn die Freiheitskämpfer sich über das Internet und mithilfe von Boten geschickt vernetzen: Noch sind sie stark zersplittert – konfessionell, politisch und geografisch.

Aus Sicht des Westens macht das eine Intervention fast unmöglich. Eine Flugverbotszone würde kaum helfen: Die syrische Armee kämpft am Boden gegen die Demonstranten, nicht aus der Luft. Gezielte Angriffe fremder Mächte auf syrische Panzer wären in den engen Städten sehr gefährlich für die Zivilbevölkerung. Auch fehlt eine klare Front, wie sie in Libyen monatelang das Land teilte. Die Opposition in Syrien kämpft aus dem Verborgenen – und das Regime hat sich auf diesen Kampf im Schatten eingestellt: Die Geheimdienste sind genauso wichtig wie die Armee.

Was also tun? Die internationale Gemeinschaft geht im Prinzip den richtigen Weg: Amerika und die wichtigen europäischen Staaten haben Syriens Präsidenten Baschar al-Assad zum Rücktritt aufgefordert. Natürlich lehnt er das ab, doch er verliert seinen Status unter den Mächtigen der Welt. Sanktionen treffen sein Regime und seinen Familienclan. Noch schützen ihn im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen China und Russland. Aber Assad und seine Helfer werden von immer mehr Ländern isoliert: Der saudische König spricht von einer "Todesmaschine", der türkische Premierminister – bis vor Kurzem ein enger Freund – vergleicht Assad mit Gadhafi.

Ausgrenzung, Sanktionen, Ächtung – das sind die diplomatischen Waffen der internationalen Gemeinschaft. Sie wirken langsam, aber auf lange Sicht könnten sie das Regime zermürben. Durchhalten, die internationalen Kontakte der Assad-Familie kappen, Chinesen und Russen für diese Linie gewinnen, die Araber gegen Assad einen – das verspricht am Ende mehr als eine Intervention in unübersichtlicher Lage. In Syrien beraubt sich der Herrscher ganz von selbst seiner Legitimität und der Unterstützung im Volk.