An diesem Freitag vor 90 Jahren fiel Matthias Erzberger dem ersten Fememord der Weimarer Republik zum Opfer, der bedeutende Parlamentarier und Reichsfinanzminister, dem auferlegt wurde, im November 1918 den Waffenstillstand im Wald von Compiègne zu unterzeichnen, der die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs beendete (ZEIT Nr. 34/11). Doch nirgendwo im Berliner Straßenbild findet sich eine Erinnerung an ihn, einen der Gründungsväter der ersten deutschen Republik. Und das, obwohl seit mehr als zehn Jahren immer wieder auf diesen peinlichen Mangel hingewiesen wurde. Die Verweigerung dieser Erinnerung in der Hauptstadt stellt für sich genommen eine groteske Provinzialität dar.

Als die Evangelische Akademie zu Berlin ihre Arbeit am Gendarmenmarkt aufnahm, setzte ich als Gründungspräsident eine erste Vortragsreihe unter dem Titel "Profile des Parlaments" aufs Programm, in deren Verlauf der vier großen Toten der Weimarer Republik gedacht wurde – Walter Rathenau, Gustav Stresemann, Friedrich Ebert und Matthias Erzberger. Als Redner für Erzberger gewannen wir Heiner Geißler. Wir beide fanden es empörend, dass in Berlin von diesen vier Persönlichkeiten nur an Erzberger schlechterdings nichts erinnert, und schrieben im Mai 2000 gemeinsam einen Brief an den damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen. Nach einer Weile antwortete der Chef der Senatskanzlei: Straßenbenennungen seien nicht Sache des Senats, sondern der Bezirke. Der Bezirk Mitte habe aber beschlossen, erst dann wieder Männer durch Straßennamen zu ehren, wenn entsprechend viele Frauen im Stadtbild verewigt seien.

Ein weiterer Brief an die private Ernst Freiberger-Stiftung, die am Spreeufer in der unmittelbaren Nähe des Bundesinnenministeriums Denkmäler errichtete, fand gleich gar keine Antwort. Unterdessen wurde 2006 ein Teil der (Kreuzberger) Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt. Von einer höheren Frauenquote bei den Straßennamen ist bisher so oder so nichts vermeldet worden.

Inzwischen hat seit 2000 die Regierung in Berlin mehrmals gewechselt. Eine vorsichtige telefonische Anfrage beim Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz brachte außer persönlichem Wohlwollen nur den Hinweis auf die Zuständigkeit der Bezirke: Der Bezirk Berlin-Mitte habe jedoch... (siehe oben). Aber wie sei es dann dennoch gelungen, für den verdienten Kunstmäzen James Simon, dem Berlin nicht zuletzt die Nofretete verdankt, 2007 einen James-Simon-Park zu schaffen, gleich bei der Museumsinsel? Ja, das sei etwas anderes – dieses Stückchen Wiese gehöre nämlich dem Senat selber, da könne er schalten und walten. Bei einer Straße sei das... (s.o.). Dennoch rühmte sich die Bezirksversammlung von Berlin-Mitte dieser Großtat.

Im Vorfeld des 90. Jahrestags der Ermordung Erzbergers nun also ein neuerlicher gemeinsamer Brief, zusammen mit dem Staatsminister a.D. Christoph Palmer, der sich in Baden-Württemberg sowohl um die Stauffenberg-Erinnerungsstätte in Stuttgart als auch um das eindringliche Museum in Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen verdient gemacht hat – gerichtet sowohl an den Kulturstaatssekretär André Schmitz (Antwort: s.o.) als auch an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Der immerhin reagierte alsbald im Rahmen seiner Möglichkeiten: Am Freitag wird auf seine Anordnung hin der Festsaal des Finanzministeriums in Matthias-Erzberger-Saal umbenannt. Am Abend des Tages wird Schäuble zudem an einer Gedenkveranstaltung in Bad Griesbach, dem Todesort Erzbergers, teilnehmen. Und am 7. September wird die Deutsche Nationalstiftung in einer weiteren Gedenkveranstaltung an Erzberger erinnern.

Die ehemalige Reichs- und heutige Bundeshauptstadt Berlin aber zeigt sich in ihrem öffentlichen Erscheinungsbild so indolent und provinziell wie eh und je – und das gegenüber einem Opfergänger der ersten Republik, wie es keinen anderen gab, und einem Reichsfinanzminister, dem wir die bis heute maßgebliche fiskalische Grundordnung unseres Staates verdanken. Vielleicht setzen sich ja Bundesregierung, Senat und Bezirke einmal zusammen, um diesem Skandal wenigstens bis zum 100. Todestag ein Ende zu bereiten.