Es war eine richtige Krönungsmesse. Die Berliner Grünen tun so etwas normalerweise nicht, aber für ihre Spitzenkandidatin, da haben sie sich mal hinreißen lassen. Im strahlenden Lichthof des preußischen Kommunikationsmuseums in Mitte standen im vergangenen November Hunderte von Leuten bis auf die Straße, um Renate Künasts Jawort an Berlin zu feiern. "Ich bin bereit!", hatte sie ihnen zugerufen, nachdem ihre Kandidatur fast ein Jahr lang nur ein Gerücht gewesen war. Es folgte eine Liebeserklärung an die Stadt, die man nicht länger "vor sich hindümpeln" lassen dürfe. Gelassen entlarvte Künast, im weißen Hosenanzug wie eine Braut, das "Arm, aber sexy" des Regierenden Bürgermeisters als Bankrotterklärung. Alles wirkte absolut plausibel. Die Grünen hatten gerade bundesweit zu ihrem Höhenflug angesetzt. Wo, wenn nicht in Berlin mit seinen Hungerkünstlern, seinen Frauen-Frauen, den Lehrern, Alleinerziehenden und Schwaben, sollte die neue Volkspartei ihren ersten großen Triumph feiern?

Die Zahlen in den Umfragen gaben Künast recht : Aus dem Stand erreichte sie in der persönlichen Zustimmung 41 Prozent, nur ein winziges Prozent weniger als Amtsinhaber Klaus Wowereit, der bis dahin träge wie ein Krokodil in einem Strom schlechter Nachrichten getrieben war. Die Schulden drücken der Stadt die Luft ab. Die Zahl der Schulabbrecher gehört zu den höchsten in Deutschland. Jeder vierte Berliner lebt von Transfereinkommen.

Jetzt, drei Wochen vor der Wahl, ist es Renate Künast, die schwächelt. Ihre Partei, noch vor Kurzem in Umfragen bei 30 Prozent der Wählerstimmen, liegt bei 22 Prozent. Gleichauf mit den angeschlagenen Christdemokraten, von denen in der Bundeshauptstadt lange keine Rede mehr gewesen war. Zugegeben: Die Grünen hätten damit ihr Ergebnis von 2006 fast verdoppelt; von einem Scheitern könnte man also nicht wirklich sprechen. Aber es schien eben so viel mehr drin zu liegen: Renate Granate auf Augenhöhe mit Ernst Reuter, Willy Brandt oder Richard von Weizsäcker. "Kanzlerin kann ich auch!", hatte Künast einer Boulevardreporterin noch im ersten Überschwang gesagt. Jetzt ist nicht mehr Klaus Wowereit ihr Angstgegner, den kann sie längst nicht mehr einholen . Nein, sie muss fürchten, hinter Frank Henkel zurückzufallen, den Ostberliner CDU-Spitzenkandidaten, der für das alte Westberlin kämpft und all jene Bürger dort, die die Welt nicht mehr verstehen.

Den rauschenden Höhenflug der Grünen hat jedoch nicht die CDU gestoppt. Auch die SPD ist nicht aus eigener Kraft mit der neuen Volkspartei fertiggeworden. Nein, den Lauf der Grünen haben sie selbst beendet, sie und ihre Spitzenkandidatin Renate Künast, die noch vor einem Jahr deren wichtigste Hoffnungsträgerin war. Ausgerechnet die Metropolenpartei hat der Hauptstadt nichts zu sagen. Ausgerechnet die "Inhaltistin" Renate Künast weiß nicht, worum genau sie in Berlin eigentlich kämpfen soll . Und ausgerechnet Berlin, die Stadt der permanenten Revolution, möchte eigentlich in Ruhe gelassen werden und lieber nicht "Stadt der Green Economy", Stadt der "e-mobility" und Geschlechtergerechtigkeit sein, die das grüne Wahlprogramm in ihr sieht.

Künast selbst schiebt die Schwäche in den Umfragen auf ihre Charakterstärke. "Ich bin halt kein Popstar. Bei mir geht es mehr um Inhalte. Wowereit ist ein charmanter Mann. Bei mir muss man zweimal hinsehen, bis man es sieht." Es? Das missglückte Wahlplakat, auf dem ein spitzer Pfeil mit dem Spruch "Da müssen wir ran" direkt auf die Brüste der Kandidatin statt auf die geforderte soziale Gerechtigkeit weist, kannte sie da noch nicht. Inzwischen wirkt das Plakat wie eine Fehlleistung, die unfreiwillig das Defizit der Kandidatin vor Augen führt. Ihr fehlt das Landesmutter-Gen, das Herz hinter der Schnauze.

Gewiss, Renate Künast liebt den Winterfeldtmarkt, auf dem sie sonnabends Rucola kauft. Und es ärgert sie wirklich ganz persönlich, wenn es in so vielen Schulen durchs Dach regnet. Aber die Berliner, die Leute, die hat sie eigentlich am liebsten im Aggregatzustand des Projekts, bei man noch etwas aus ihnen machen kann. Eines dieser Projekte waren die "Dicken Kinder", ein anderes die Kampagne für gesundes Kantinenessen, auf die sie stolz ist, gestartet 2003, in ihrer Zeit als Bundesverbraucherschutzministerin. Als sie vor dreißig Jahren aus Recklinghausen nach Berlin kam, hat sie sich junge Knackis in der Jugendstrafanstalt Tegel vorgenommen. Junkies, die versuchten, Stoff an ihr vorbeizuschmuggeln, hörten Tacheles von der Sozialarbeiterin. Neulich hat sie der Super-Illu gesagt, es sei gut, ein drogenfreies Leben zu führen. "Aber ich verstehe, wenn jemand bei Kaffee oder Zigaretten schwach wird" – ein Zitat, das ihr in der Berliner Szene heftige Lacher bescherte. Sie trifft den Ton nicht.