Fritz Haber war ein genialer Chemiker. Mit der Ammoniaksynthese, einem industriellen Verfahren zur Herstellung von Kunstdünger, hatte er 1908 das "Brot aus der Luft geholt". Vier Jahre später war der Karlsruher Professor Direktor des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem geworden. Zwar litt Habers internationaler Ruf schwer, als er im Ersten Weltkrieg dazu beitrug, Giftgaswaffen zu entwickeln. Dennoch erhielt er 1919 nachträglich den Nobelpreis des Jahres 1918 für Chemie zugesprochen.

Just zu diesem Zeitpunkt aber, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, sah Haber alles in Gefahr: sein Institut, die Chemie, die Wissenschaft, ganz Deutschland. Die Geldentwertung setzte ein – das Kaiserreich hatte den Krieg fast ausschließlich auf Pump geführt, und die Siegermächte forderten enorme Reparationszahlungen, über 200 Milliarden Goldmark. Schon Mitte 1919 war Deutschlands Kreditwürdigkeit bedroht, der Staatsbankrott nahte. Finanzminister Matthias Erzberger machte sich an die Einführung eines modernen Steuersystems. Doch die erhöhten staatlichen Einnahmen wurden von der Inflation weggefressen, daran änderte auch das "Reichsnotopfer" nichts, eine Vermögensabgabe. Die Ausgaben für Reparationen, Anleihen und Kriegsopferversorgung wuchsen zu einem riesigen Schuldenberg .

Fritz Haber, der Chemiker und Patriot, suchte nach einer ganz anderen Lösung, den finanziellen Kollaps zu verhindern. Gold sollte es richten. 0,358423 Gramm ergaben eine Goldmark. Und Gold gab es mehr als genug: In jeder Tonne Meerwasser, so lautete Habers auch von Fachkollegen bestätigte Annahme, schwammen rund drei bis zehn Milligramm davon. Man musste nur ein Verfahren zur Auslösung finden. 1920 gründete Haber die geheime Abteilung M in seinem Institut in Dahlem. Der Wissenschaftler machte sich daran, den internationalen Goldmarkt aufzumischen.

Zunächst begannen umfangreiche Arbeiten im Labor. Mit 14 Mitarbeitern wurden Wasserlösungen analysiert. Zur Separation des Goldes sollte ein Verfahren mit langer Tradition perfektioniert werden: die Kupellation. Dabei werden, wie es der Technikhistoriker Ralf Hahn in seiner 1999 erschienenen Studie Gold aus dem Meer im Detail beschreibt, die unedleren Stoffe durch Oxidation gebunden; das Edelmetall wird schließlich durch Filtration isoliert.

Haber wusste: Das Projekt war nicht ganz billig. Er brauchte Financiers. Bald fand der begnadete Netzwerker seine Geschäftspartner. Im November 1922 unterzeichnete er mit der Degussa, der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt, und der Frankfurter Metallbank den Vertrag zur Gründung eines Konsortiums. Jetzt war der Weg frei, die Versuche auf offenem Meer konnten beginnen. Deckname des Unternehmens: "Seejod".

Nur wenige Tage danach trat in Berlin das Kabinett des neuen Reichskanzlers Wilhelm Cuno an. Der parteilose Cuno war bis dahin Generaldirektor der Hapag-Reederei in Hamburg gewesen, Nachfolger des legendären Albert Ballin. Er unterbreitete den Alliierten einen Vorschlag für ein fünfjähriges Moratorium der Reparationszahlungen, Motto: "Erst Brot, dann Reparation". Ohne Erfolg. Der Konflikt spitzte sich zu. Im Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Der Dollar kostete in diesen Tagen 10.000 Mark, im August schon 4,6 Millionen, im November 4 Billionen.

Anfang 1923 kreuzte Fritz Haber in Hamburg auf und gewann auch die Hapag für sein Unternehmen. Auf dem Passagierschiff Hansa wurde gleich im Sommer ein Labor eingerichtet. Haber und vier Mitarbeiter gingen an Bord, getarnt als Besatzungsmitglieder. Kaum hatte die Hansa die Elbe verlassen, begann man mit der Entnahme von Wasserproben.

Die Laborarbeit geriet zum Balanceakt. Auf hoher See eine saubere Kupellation zu bewerkstelligen blieb ein Glücksspiel. Habers große Fahrt wurde zu einer ernüchternden Reise. Die Goldkonzentrationen lagen deutlich unter den Erwartungen. Nur bei Neufundland, nahe der nordamerikanischen Küste, wo Labrador- und Golfstrom sich trafen, kamen einige Mikromilligramm Hoffnung auf. Ungeduldig fuhr Haber gleich im Herbst erneut los: "O daß Kosten und Kraft nicht verschwendet sein möchten!" Mit der Württemberg ging die Reise nach Buenos Aires. Vielleicht konnte der Südatlantik sein Dorado werden?

Haber gestand sich seine Niederlage ein

Doch gleich wo und aus welcher Tiefe man die Proben zog, immer hielt das Glück einige Dezimalstellen Distanz zu den Schatzsuchern: 0,01 mg, 0,055 mg, 0,008 mg, frustrierende Werte, um den Faktor 100 bis 1.000 unter den Erwartungen. Haber notierte, alles sei "miserabel, wie vorauszusehen, nicht schlechter, aber auch nicht besser". Seinen Kampf auf See verglich er mit der Marneschlacht im Weltkrieg, bisweilen kleine Siege, aber keine gewonnene Schlacht. In Argentinien musste er auch noch vor dem Deutschen Club einen patriotischen Vortrag halten: Die Deutsche Chemie in den letzten zehn Jahren. Wieder zurück in Berlin, fiel er in eine anhaltende Depression.

Wie zum Hohn entdeckten zur selben Zeit die Schriftsteller das Thema. 1922 erschien Karl August von Lafferts "politischer Roman aus der Gegenwart" Gold . Auch da wird das edle Metall aus dem Meer geholt und in unterirdischen Anlagen elektrochemisch gewonnen. Fantasien wie diese riefen unweigerlich Scharlatane und Betrüger auf den Plan, die alchimistische Konjunktur zog heftig an. Dem Spengler und Drogisten Franz Seraph Tausend gelang es sogar, das Ohr des Weltkriegsgenerals Erich Ludendorff zu gewinnen. Metalle, so erklärte er dem umtriebigen rechtsradikalen Militär, seien nichts anderes als "organische Stoffe". Tausend ergatterte eine beträchtliche Summe für seine künstliche Goldsynthese per "Transmutation". Ehrlicher und ernsthafter ging es da schon an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg zu. Dort arbeitete Adolf Miethe , ein Pionier der Farbfotografie, an der Gewinnung von Gold aus Quecksilber.

Trotz der niederdrückenden Bilanz der Experimente auf hoher See wollte Fritz Haber sein Projekt nicht aufgeben. Im Dahlemer Institut stellte man alles noch einmal auf den Prüfstand. Besonders die Analyseverfahren sollten verfeinert werden. Unerklärlich blieb Haber, warum die anfänglichen Erwartungen über den Goldgehalt des Meerwassers so überzogen gewesen waren. Aus aller Welt trafen jetzt Proben ein. Auch die Arbeit im Institut wurde zum kostspieligen Unterfangen. Die Laborräume mussten geradezu aseptisch sauber sein, um jede Verfälschung der Messungen auszuschließen. Reinlichkeitsperfektion wurde zur Pflicht. Selbst die Flaschen für die Wasserproben mussten aufwendig präpariert werden, damit sich das sehnlichst erhoffte Metall nicht etwa auf dem Glas niederschlug.

1926 war Schluss. Rund 5.000 Proben hatte die Abteilung M gezogen, die letzten Flaschen der Atlantikfahrt des Forschungsschiffs Meteor enthielten einen durchschnittlichen Goldgehalt von schmerzlichen 0,0044 Milligramm. Immerhin wusste man jetzt recht genau, wie viel respektive wenig Gold eine Tonne Meerwasser tatsächlich enthielt. Haber gestand sich seine Niederlage ein und beendete seine Suche "nach der zweifelhaften Stecknadel im Heuhaufen". Die Historikerin Margit Szöllösi-Janze indes hat 1998 in ihrer Haber-Biografie dagegen Einspruch erhoben, "das ganze Projekt als einzigen Misserfolg abzutun und zu belächeln". Haber und seiner Abteilung M sei es gelungen, das Arbeitsgebiet der Mikrochemie zu erschließen, ein wissenschaftlicher Erfolg und zugleich ein Vorläufer der modernen Großforschung. Die ursprüngliche Absicht aber konnte Haber nicht verwirklichen. Gold aus dem Meer war nicht rentabel.

Habers Ansehen tat das Scheitern des Geheimunternehmens Seejod keinen Abbruch. Von 1925 an saß er im Aufsichtsrat der I.G. Farben. 1933 allerdings wurde der einst gefeierte Chemiker als "Nichtarier" binnen weniger Wochen aus seinem Institut gedrängt. Er nahm einen Ruf der Universität Cambridge an und emigrierte nach England. Im Januar 1934 starb er, 66 Jahre alt, auf einer Schweizreise in Basel an einer Herzattacke.