Nicht nur auf den Finanzplätzen, auch auf öffentlichen Plätzen herrscht Unruhe. Man erlebt Gewalt und Verwüstung, die Täter kommen aus der Jugend, und den Politikern fährt ein Schreck in die Glieder. Jugend? Da war doch mal etwas. Argwöhnisch beobachtet man sie jetzt auf der High Road in Tottenham, im Februar hatte sie einen großen Auftritt auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Nicht nur der englische Sommer, auch der arabische Frühling war eine Sache der Jungen. Noch im Juli dieses Jahres hielt der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi zur 60-Jahr-Feier des Goethe-Instituts eine eindrucksvolle Rede, die eine Hymne auf die Jugend war. Kaum sind seine Worte verklungen, werden andernorts Trauerreden über eine verlorene oder Brandreden gegen eine verkommene Generation gehalten.

Es wäre absurd, die Akteure hier und dort in einen Topf zu werfen, doch es wäre fahrlässig, darüber hinwegzugehen, dass die Politik in vielen Weltgegenden derzeit von der Jugend an- und umgetrieben wird. Diese Jugend hat verschiedene Gesichter, sie löst Bestürzung oder aber Begeisterung aus, sie erinnert – im Schlechten wie im Guten, mit Zerstörungswut und Aufbruchsstimmung – daran, dass Politik immer auch ein Generationenspiel ist.

Dass die Kunst der Politik nicht zuletzt darin besteht, den Übergang von einer "lebenden Generation" zur nächsten zu organisieren, wusste schon Thomas Jefferson. Bei den Verwaltern der derzeitigen Krise mag diese Einsicht in Vergessenheit geraten sein, doch das Wechselbad der Unruhen von 2011 hat die Aufmerksamkeit dafür wieder geschärft. Ob und wie das Zusammenspiel zwischen den Generationen funktioniert, ist nicht nur eine pädagogische, sondern vor allem eine politische Frage.

In einem der Schnellverfahren, in denen die englischen Gewalttäter verurteilt worden sind, hat ein Richter diese politische Dimension in wünschenswerter Klarheit deutlich gemacht. Er sagte zu einem der Übeltäter: "Anständige Mitglieder der Gesellschaft haben Leute wie dich satt. Ihr glaubt, ihr könnt machen, was ihr wollt. Ich werde ein Exempel an dir statuieren." Sein Verdikt wirkt wie eine Replik auf den Ausspruch eines Randalierers: "Wir zeigen der Polizei, dass wir tun können, was wir wollen." Irgendwie kommt einem dieser Schlagabtausch bekannt vor, und wenn man das ideengeschichtliche Gedächtnis in Gang setzt, dann merkt man, wo dafür ein Vorbild zu finden ist: bei Thomas Hobbes. Er schlug sich Mitte des 17. Jahrhunderts mit jenen herum, die nur auf die eigene Stärke setzten und sich der Einsicht verweigerten, dass man sich in eine gesetzliche Ordnung zu fügen habe. Ein solcher Typ galt Hobbes als Inbegriff des Bösen, für ihn erfand er eine Bezeichnung, die heute vergessen ist, seinerzeit aber Furore machte: Er nannte ihn einen puer robustus, einen starken und stämmigen Kerl . Wohlgemerkt: Hobbes zielte nicht auf pubertäre Kraftmeierei, sondern auf junge oder auch alte Erwachsene, die rücksichtslos agierten und keine Regel respektierten. Bei Hobbes’ harten Jungs oder kräftigen Knaben handelte es sich nicht um eine philosophische Kopfgeburt. Die Sozialgeschichte kennt als eines der gravierendsten politischen Probleme der frühen Neuzeit das massenhafte Auftreten von sturdy beggars und sturdy vagrants, Bettlern und Herumtreibern, von denen – wie ein Zeitgenosse klagte – "niemand weiß, nach welchem Gesetz sie leben".

Wenn man das heutige London neben Hobbes’ London hält, dann gleichen sich nicht nur die Bilder, sondern auch die Wörter. Ein Großteil der Gewalttäter heute zählt zur Gruppe der sogenannten chavs, und wenn man der Herkunft dieses Ausdrucks nachspürt, stößt man als mögliche Quelle auf das Wort charva, das in der Sprache der Roma nichts anderes bedeutet als "wildes" oder "grobes Kind". Hobbes redet demnach, wenn er den puer robustus an den Pranger stellt, auch schon über die chavs. Oder umgekehrt: Wenn heute die chavs verurteilt werden, sind wir über Hobbes nicht hinausgekommen.