Florian fängt in der Holzgruppe an. Er steht neben den anderen Neuen an der Drehbank und zerkaut die Unterlippe. Schreinermeister Jörg Grahr hält eine Holzplatte in der Hand, mit Bleistift hat er darauf die Umrisse eines Fisches gezeichnet. "Ihr sollt jetzt gleich mit der Raspel und mit der Feile selbstständig diesen Fisch aus dem Holz rausarbeiten." Die nächsten zwei Stunden wird Florian mit dem Fisch kämpfen. Am Ende wird Jörg Grahr sagen: "Ich habe schon bessere gesehen."

Florian flucht. "Ich bin wohl zu blöd, eine Säge zu halten."

Er wollte ja auch nie Schreiner werden. Florian will zum Bund oder als Koch in der Küche stehen. Warum muss er dann sägen lernen? Den Koch habe man nicht im Angebot, heißt es bei InBIT. Aber Schreiner werden auf dem Arbeitsmarkt kaum gesucht. Ist das, woran Florian teilnimmt, also nur eine Beschäftigungsmaßnahme? Er solle lernen, pünktlich zu sein, acht Stunden zu arbeiten, sagen seine Ausbilder. In welchem Berufsfeld er das lerne, sei doch eigentlich egal.

Natürlich ist es besser, dass Florian sägt, als dass er jeden Tag auf dem Sofa sitzt. Aber das Übergangssystem kostet sehr viel Geld. Zweieinhalb Milliarden Euro zahlen Bund und Länder pro Jahr. Dazu kommen noch die Ausgaben der Kommunen. Dass der finanzielle Aufwand etwas bringt, bezweifeln selbst die Autoren des Bildungsberichts und schreiben: "Infrage steht die Effektivität der Maßnahmen und des Ressourceneinsatzes."

Wäre es nicht besser, das Geld direkt in eine bessere Schulbildung zu investieren? Oder damit reguläre Lehrstellen zu fördern?

In nassen Stoffschühchen stapft Michelle in diesem Januar durch den knöchelhohen Schneematsch. Es war nicht einfach, sich mit ihr zu verabreden. Lange hat sie überlegt, ob sie überhaupt will. Als sie dann da ist, wirkt sie verändert. Stiller ist sie geworden, der Schwung, mit dem sie noch im Sommer die Kartons gepackt hat, mit dem sie Bewerbung um Bewerbung abgeschickt hat, scheint verschwunden zu sein. Das mit dem Blumenladen ist schon wieder vorbei. Es war kein echter Job, sondern auch nur eine Maßnahme des Arbeitsamtes.

Das EQJ, das "Einstiegsqualifizierungsjahr", ist ein großzügiges Angebot des Staates an mögliche Lehrherren. Der Arbeitgeber darf den Jugendlichen ein Jahr lang testen. Erst dann muss er entscheiden, ob er ihm eine Lehrstelle anbietet oder nicht. Dabei hatte Michelle schon während ihrer Schulzeit in genau diesem Laden ein Praktikum gemacht. Im Zeugnis hatte ihr Chef sie damals gelobt. Trotzdem beendet er ihr EQJ schon nach ein paar Wochen. "Ich glaube, ich kam ihm gerade recht", vermutet Michelle. "Es war Weihnachtszeit. Und ich koste ihn ja nichts."

Der Blumenhändler überlegt lange, ob er darauf reagieren soll. Dann meint er, wenn Michelle ein Jahr lang durchgehalten hätte, hätte sie eine Chance gehabt. Nur sei sie plötzlich unzuverlässig gewesen. "Ich finde es sehr schade", sagt er. "Ich habe mir sehr viel von dem Mädel versprochen."

Aber warum hätte es die Lehre erst nach einem Jahr gegeben – warum werden aus Hauptschülern so oft keine Lehrlinge, sondern Gratis-Praktikanten? "Vom Staat bezahlte Gratis-Arbeiter – diesen Ausdruck halte ich für gefährlich", sagt der Blumenhändler. "Sicher kosten die mich nichts. Zumindest kein Geld. Aber die kosten mich Zeit, und die kosten mich Arbeit."

Für den Arbeitgeber ist das EQJ ein unverbindlicher Testlauf. Sobald der Jugendliche Schwierigkeiten macht, kann man ihn nach Hause schicken. Michelle wird sich von dieser Lektion lange nicht erholen.

Februar 2010, acht Monate nach dem Schulabschluss. Ivan läuft auf Socken die Treppe hoch und wieder runter. Auf den Fliesen im Flur klebt noch Pappe, um den Boden zu schonen. Ansonsten ist das Haus, das Ivans Familie in den vergangenen Monaten gebaut hat, fast fertig. Seine Eltern haben viel Zeit in dieses Haus investiert. Für ihren Sohn wollten sie sich da heute nicht auch noch freinehmen.

Dabei ist das für Ivan der wichtigste Tag seit fast einem Jahr. Eine Firma, die noch einen Maschinen- und Anlageführer ausbilden will, hat ihn zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen – endlich, zum ersten Mal. Er knöpft das schwarze Hemd zu, das er zu Weihnachten bekommen hat, und macht sich auf den Weg.